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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-27 · Heft 52 (27.12.1912) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 52 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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Die Gespräche verstummten, die nach den Humpen hastenden Hände sanken nieder, und aller Augen konzentrierten sich auf dem Gesicht des Königs Alexander/ in dessen Pupillen es seltsam aufblitzte. , Die Chorleiterin stimmte den ersten Refrain des Gesanges, der von einem der Leviten, welcher die Geschichte des Königs und seine Pläne kannte, verfaßt war, an. „O abaddon/) o abaddon, du hast auf Judas Boden gewütet Von den Wüsten Arabiens, bis zu dem Libanongebirge, von Birs Nimrund bis zum Meeresgewässer von Joya hast du allenthalben deine Schatten ausgebreitet. Auf das königliche Blut wurde im Hinterhalt ausgelauert, auf das Leben des Herrschers wurde die Mordwaffe geschliffen — Rasende! Rasende! Denn ein göttlicher Mann war erstanden, und der Arm Alexanders streckte sich in die Höhe, und der König schwur ihnen den.Untergang." Der Chor wiederholte einmütig, in die Jnstrumentensaiten greifend, die letzte Strophe, und der Refrain floß über die Stadt, in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne sich verlierend. Salome richtete sich in ihrem Pfühl aus und machte eine unruhige Bewegung, als wollte sie auf ihren Gemahl zuschreiten. Er aber kam ihrem Vorhaben zuvor und bannte sie mit einer herrischen Geste aus ihren Platz. Der zweite Refrain floß dahin: „O abaddon, o abaddon, du hast auf Judas Boden gewütet. Chasa, Rayhea und Autedon wurden von Alexanders Schwert erobert. Und warum, du Volk Gottes, hast du während der Osterzeit rebelliert- und warum hast du zur'Waffe gegriffen, statt nur. Opfer darzubringen? Von der Zylizäer Waffen und den Söldnerkohorten des Königs fielen sechsmaltausend Leichen der Rebellen und durch siebenundvierzig Tage floß in den Strömen jüdisches Blut." Und wiederum wiederholte der Chor den fast schnaubenden Refrain... Auf den Gesichtern der Schmausenden begannen blutrote Flecke zum Vorschein zu kommen. Alle begriffen, daß dieser Gesang einer triumphierenden Rache ungewöhnliche Dinge ankündigte, daß der König, dessen Arm durch viele Jahre im Blute des Bürgerkrieges watete,, seinen Sieg verewigen wolle. Die Königin Salome verhüllte ihr Antlitz, denn sie fühlte, daß eine Blässe ihre Schwäche und die innere Angst verriet. Der Chor griff mit Wut in die Jnstrumentensaiten. „Bei Claida" — sang die Chorleiterin — „haben arabische Kamele Alexanders Truppen zerstampft, o weh! Warum, o Volk, hast du den Helden, der sich dein König nannte und dich Siegen entgegenführte, nicht unterstützt? O warum, Volk, von der königlichen Niederlage geblendet, hast du in Jerusalem und dem ganzen Lande einen wahnsinnigen Aufstand aufs neue ausgebreitet und seine Getreuen gemordet? Wie ein Sturmwind fielst du Alexander unter dem Krachen des Donners und dem grellen Schein der Blitze nieder, weder Erbarmen noch Maß kennend — du schlugst sünfzigmal zu tausend nieder, daß selbst die Sonne ob dieses'Blutes erschrak." . Alexander zerrte an seinem Barte und stand auf. Alle Tafelgenossen schnellten von ihren Sitzen empor. Der racheschnaubende Refrain floß dahin. Und der König rief wütend: „Dieses Blut hat nicht geholfen, sie haben weiter nach mir .gezielt! Als ich Frieden wollte, schrien sie mir zu: Du mußt sterben! Du mußt sterben!" Darauf schrie der Hohepriester: „König Alexander! Heute bist du Sieger! Du hast Bemese-- lis, wo deine Gegner sich verbargen, belagert, es eingenommen und heute modern in Jerusalems unterirdischen Gängen deine Feinde, so freue dich also mit uns! Heute bist du ein großer Herr! Von Phönizien bis Merot, undvon Exalet bis Bersaba erstrecken sich deine Gemarkungen." „Sei großmütig! Das ziemt dir" — rief die Königin aus, ihre weißen Hände über der Tafel in der Richtung des Königs ausstreckend!. „Sei großmütig", wiederholte ihr nach ein Teil der Tafelrunde! - Andere bemerkend, daß auf Alexanders Schläfen die Adern anschwollen und. daß in seinen Pupillen ein, unbezähmbarer Zorn entbrannte, unterdrückten weitere Zurufe. „Salome", schrie d-er König, „es ist dies das letzte Wort, das aus deinem Munde kam! Ich mag nichts weiter hören, denn wehe Dir!" Er klatschte in die Hände. Auf der Schwelle erschien der Befehlshaber der Kohorte. „Ans Werk", rief Alexander mit durchdringender, scharfer Stimme ihm zu — „das Schauspiel kann anheben!"/ Der Kriegsmann in schimmernder Wehr verschwand. „Ich muß den Sieg würdig feiern", rief der König mit heiserer, höhnischer Stimme. „Der Herr hat auf diejenigen, welche die Religion brechen, Plagen geschickt! Ich, der König, der ich dem Herrn gegenüber nur Staub bin, kann nur in kleinem Maßstabe so tun, wie der Herr vermag." Er wandte sich an den Chor: „Vorwärts! Stimmt den Triumphgesang an!" Und als fünfundzwanzig Kinnosen und ebensoviel.Symphonien ertönten, und die Saiten einen Siegeshymnus von sich gaben, ließ der König den Blick über die Tafelrunde schweifen und schrie: ' „Auf die Schloßterrasse, auf die Terasse. Das Schauspiel hat begonnen! Hahaha!" Unter dem Vortritt der aus fünfzig Instrumenten bestehenden Musik schritt der König an der Spitze seiner Gäste und Hofleute. Alle erstarrten vor Schreck. Die Gespräche verstummten, die Hände zerrten mit steifen Fingern an den wallenden Gewändern, die Augen vermieden die Blicke der Nachbarn. Ein langer Weg .... Der König führte sie durch Säle und Kreuzgänge, — schließlich erreichten sie die hinteren weißen Treppenstufen der Terrasse, die durch vom Wirbelwinde gepeitschte flammende Fackeln erleuchtet lvurde. Alle ‘ drängten sich hinaus. Salome blickte in die Tiefe, fuchtelte mit den Händen in der Luft und sank ohnmächtig in die Arme der stöhnenden Kypros. Auf der beim Schloß sich hinziehenden ebenen Fläche, ragten achthundert Kreuze in die Höhe. Brennende teerbegossene Scheiterhaufen erleuchteten das Schloß Baris -- auf dessen Terrasse der König mit den Zechgenossen stand und die Triumphmusik rauschend erklang — und warfen einen roten, grellen Schein auf diesen Tod der Verdammten. . Söldnerscharen schlugen die aus den Verließen herausgeschleppten Gefangenen an die Kreuze. Es gab kein einziges leeres Holzgerüst — an jedem hing ein blutender Körper mit ohnmächtig gewordenen Augen . . . . v l) Hölle.

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