Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229068--69067-3281359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
kämpf galt dem Götzendienst, d. h. der sinnlichen Aus- ' schweifung, dem Leben in Sünde und Schande,. diesem Gegensatz vomHeiligsein. Zum Schlüsse noch folgende Kleinigkeit. Der Verfasser gibt zu allerletzt noch eine sehr kurze Literaturangabe. Neben der Lektüre der Bibel empfiehlt er die Kommentare von Marti und Novack. Nun dagegen wird nichts einzuwenden sein. Wir haben leider keine gleichwertigen jüdischen Kommentare, auf die der Verfasser hätte Hinweisen können. Weiter nennt der Verfasser H. Eohens Ethik des Willens und seine eigene Arbeit. — Das ist alles! Für die zweite Auslage empfehle ich ganz besonders noch folgende Schriften anzuführen. In erster Linie nenne ich: „Geschichte der jüdischen Literatur" von David Cassel. Das ist noch immer eine der besten „Volksschriften", die wir besitzen. Sehr zu empfehlen und noch immer sehr modern ist: „Die Entwicklung des israelitischen Prophetismus" von S. Maybaum. Schließlich nenne ich noch Leo Bäcks vorzügliches Buch: „Das Wesen des Judentums", das der prophetischen Religion ein sehr lesenswertes Kapitel widmet. Der Sachkenner weiß, daß ich noch fortfahren könnte zu zitieren u. a. auch mich selbst. Das Angeführte dürfte indes genügen. Ich fasse mein Urteil dahin zusammen: Dr. Wiener hat in diesem Buche eine tüchtige Probe seines Wissens und feines Könnens abgelegt, und die Bibelwissenschaft erwartet von ihm weitere Leistungen auf diesem Gebiete. Vielleicht beschenkt er uns mit einem Kommentare zu den Propheten. Sollte er indes auch willens sein, die Volksschriften mit einer neuen Arbeit zu bereichern, so sage er um Gottes Willen nicht alles, was er weiß. Zur Orgämlstilm der „flgudss Iisrart". Auf die Einladung, der Organisation beizutreten, erhält das provisorische Komitee folgende Antwort: Löbliches Komitee! en Empfang der Einladung, der Agudäs Jisroel beitreten . zu wollen, bestätige ich höflichst,. ich kann mich aber nicht entschließen, meinen Beitritt anzumelden. Sie werden mir ohne Versicheruüg glauben, daß die Worte des Gebetes: „Alle mögen einen Bund bilden, den Willen Gottes mit ganzem Herzen zu erfüllen", der Ausdruck meines heißesten Wunsches und meiner schönsten Hoffnung ist, ich bin aber noch nicht überzeugt, daß die von Ihnen geplante Organisation trotz des schönen Namens auf dem richtigen Wege zur Verwirklichung dieses Wunsches ist. Sie rufen zur Organisation die gesetzestreue Judenheit auf und sagen nicht, welches Gesetz Sie meinen. Sie denken wohl nicht an das biblische Gesetz allein, denn Sie wollen doch keine Karäer fein, Sie können aber auch nicht das talmudische Gesetz meinen, wie es im Schulchan aruch kodifiziert erscheint, denn es gibt auf dem ganzen Erdenrund keinen einzigen Juden, der sich strikte an den Schulchan aruch halten kann. Ich nehme an, daß Sie konservatives Judentum sagen wollen, warum wollen Sie aber minder konservative und gar nicht konservative Juden von der Organisation ausschließen, da doch auch diese Schema Jisroel rufen und sich zum Judentum öffentlich bekennen. Dieses Bekenntnis müßte Ihnen doch genügend sein. Der Ausdruck „gesetzestreu" scheint mir eher politisch und sektiererisch als religiös zu sein. Religion ist das Individuellste, und jeder hat mit seinem Gewissen abzumachen, was er sich vom „gedeckten Tisch" für seine Seelen- und Herzensbedürfnisse holen will; wenig oder viel, das ist feine eigene Sache, und nur Gott wird darüber richten. Wir haben das einzige Recht, über die Güte und Schönheit aller Vorschriften unseren Nebenmenfchen zu belehren. Josef Karo hat als! Mann der Wissenschaft die von ihm zusammengestellten reli- I giöfen Normen dem biblischen und rabbinischen Schrifttum entnommen, er hat sich auch nur als Mann der Wissenschaft und: nicht als Gefetzesgeber gefühlt. Die Wissenschaft ist aber schon nach einem Satze in Pirke Aboth frei, und es ist eines jeden Recht und Pflicht, von neuem aus ihr zu schöpfen und danach zu urteilen. Das ist der eine Punkt, der jeden, der gewohnt ist, folgerichtig zu denken, bedenklich machen wird. Der zweite Punkt ist noch ernster und für-unsere gesamte religiöse Gemeinschaft noch wichtiger: Durch die Begrenzung „gesetzestreues Judentum" werden gleich anfangs in der Organisation galizische und russische Juden und zwar die minder intelligenten unter ihnen die Majorität erlangen und bald auch Führung und Leitung in Händen haben. Es wäre aber , das größte Unglück für uns, wenn das . mitteleuropäische Judentum, das uns die Emanzipation, die Freiheit und die europäische Bildung erworben hat, in die traurigen inneren und äußeren Verhältnisse der polnischen Juden in Galizien und Rußland gebracht würde. Begehen Sie aber nicht den Irrtum, zu meinen, daß, weil jetzt das konservative Judentum in Mitteleuropa Bildung und Freiheit besitzt, dies immer so bleiben würde, denn diesen Besitz haben die konservativen Juden nur den fortschrittlichen zu danken. Danken Sie Gott, daß in Mitteleuropa keine Trennung zwischen beiden Parteien stattfand; jeder möge sich davor bewahren, mit plumpen Händen hineingreifen und die Parteien trennen zu wollen. Jeder möge sich aber davor bewahren, ein Schisma schaffen zu wollen, das die fortschrittlichen Juden leichter ertragen könnten als die konservativen, die Anschluß nur in Galizien und Rußland suchen müßten, um überhaupt bestehen zu können. Das fortschrittliche Judentum wird von Ihnen, den Herren der Agudah, gering geschätzt, aber nur dieses hält auch. Sie auf der Höhe; schneiden Sie die Schnur durch, fallen Sie in die Tiefe. Danken Sie Gott, daß dieses fortschrittliche mitteleuropäische Judentum ideal und hochsinnig genug denkt, sich mit allen, auch mit den galizischen und russischen Juden in wahrhaft brüderlicher und nicht genug anzuerkennender Weife eins zu fühlen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mein Schreiben Ihrem Kreise mitteilen und Ihre Meinung über die zwei behandelten Punkte allen bekanntgeben wollten. Mit gkaubensbrüderlichem Gruße Saaz. Prof. Dr. Simon Stern. Lin merkwürdiges Stipendienoer-eichnis. Von Ludwig Geiger. or mir liegt ein stattliches Heft von 90Seiten, von Gustav Roethe mit großer Genauigkeit und Sorgfalt bearbeitet?) Bedenkt man, daß die philosophische Fakrlltät der Berliner Universität allein 232 Stipendien inklusive Preisaufgaben, Gewährung von Freitischen und ähnliches besitzt, von denen 56 eigentliche Universitätsstipendien sind (5 andere stehen noch in Aussicht), während die übrigen von Berliner und aus.-' wärtigen Lehranstalten und Korporationen gewährt werden/: so kann man wohl sagen, daß für arme Studenten — denn die Gaben sind meist für solche bestimmt — reichlich gesorgt ist. Mir liegt es gänzlich fern, durch diesen Hinweis etwa arme jüdische Studenten nach Berlin zu locken, denn es gibt deren ^'Verzeichnis der Stipendien, Stiftungen und Preisaufgaben, die für die Studierenden der-philosophischen Fakultät der Universität Berlin - in Betracht kommen.- Jin Aufträge der Fakultät Zusammengestellt von Gustav- Roethe. Zweite Ausgabe. Berlin 1912. Universitätsbuchdruckerei von G. Schade.