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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-27 · Heft 52 (27.12.1912) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 52 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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Recht bedauerlich, daß jene Aufsätze dazu angetan sind, großes Unheil anzurichten. Ich habe aber das Vertrauen zu meinen Altersgenossen, die, wie ich, deusches Wissen gelernt und in sich ausgenommen haben, daß sie die zionistischen Bestrebungen, wie sie in jener Broschüre propagiert werden, mit Entrüstung ablehnen. Dir Seligion der Propheten? Besprochen von G. Klein-Stockholm. r. Zieglers Unternehmen, „Volksschristen über Religion und religiöse Probleme in der Judenheit zu verbreiten", scheint vom Glück gekrönt zu sein. Daß aber aller Anfang - schwer ist, zeigt das hier zu besprechende erste Heft. Ich will es gleich ohne irgendwelche Umschweife sagen, daß uns Dr. Wiener keine Volksschrift gegeben hat. — Der Verfasser, ein tüchtiger Kenner des Prophetismus, wie er sich als solcher bereits in seinem Buche „Die Anschauungen der Propheten von der Sittlichkeit" dokumentiert hat, hat in dieser Skizze allzugroße Ansprüche an seinen Leserkreis gestellt. Ein Volksschriststeller muß so wenig als möglich bei seinen Lesern voraussetzen, er bestrebe sich, möglichst gesicherte Resultate zu geben und Probleme, die er nicht genügend lösen kann, soll er am liebsten gar nicht berühren. Diese so selbstverständlichen Regeln hat Dr. Wiener zum Teil außer acht gelassen, darum befürchte ich, daß sein Buch seine.Bestimmung: >in weiten j üd i s ch en Kr eis e n Interesse für Israels Propheten zu erwecken, verfehlen wird. Bei der Lektüre desselben empfängt man den Eindruck, daß man es mit einem Gelehrten zu tun hat, der sein Gebiet souverän beherrscht. Er kennt aufs genaueste, was die p r o t e st an ti s ch e Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten aus dem Gebiete der Religionswissenschaft und der biblischen Exegese geleistet hat. Außerdem ist er Cohen inner mit Leib und Seele. All sein reiches Wissen saßt er nun in diesem kleinen Buche zusammen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Ich greise einiges heraus. Im ersten Kapitel: Die Propheten und ihre Zeit, wird eine Analyse des prophetischen Bewußtseins zu geben versucht. Der Prophet ist Ekstatiker. Was er im Zustande der Verzückung erfährt „und sich in ihm als etwas unbedingt Wirkliches, durchaus Objektives geltend macht, (muß) sicherlich als eine abnorme und insofern pathologische Erscheinung ausgefaßt werden. Dieses Urteil bedeutet keinerlei Herabsetzung, sondern es ist der unbefangene, schlichte Ausdruck der Tatsache, daß ekstatisch-visionäre Erregungszu- - stände, wie wir sie bei ihnen finden, aus dem Nahmen des „gewöhnlichen" normalen Gemützustandes heraustreten und von ihnen als Wirkungen der Offenbarung Gottes erlebt werden. Bei dieser Auffassung bleibt es auch unentschieden, ob die wundersamen Erlebnisse der Propheten nichts anderes sein sollen als pure Illusionen, - die Einbildungen krankhaft gesteigerter Erregungen, oder ob es möglich, und in diesem Falle .. eine Wirklichkeit geworden ist, daß das unbegreifliche Geheimnisvolle hier an den staubgeborenen Menschen rührt, daß das ‘ .Göttliche sich ihm enthüllt" usw. — Ob eine Volksschrist über .die jüdische Religion der geeignete Platz ist für eine solche .psychologische Auseinandersetzung, ist mir wenigstens sehr . fraglich. Aus dem zweiten Kapitel: Die Einigkeit Gottes, führe ich folgendes an. Ueber die Erzählung von der Schöpfung des ersten Menschenpaares sagt der Verfasser Seite 34: „Daß der alte Erzähler bannt bewußt den Gedanken der Einheit' des *) Volksschristen über die jüdische Religion. Herausgegeben von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. I. Jahrgang, 1. Heft. Von Dr. Max Wiener-Stettin. Frankfurt a. M. Verlag I. Kaufmann, 1912. Menschengeschlechtes und die Pflicht weltumspannender Brüderlichkeit zum Ausdruck bringen will, glauben wir nicht. Die moralisierende Tendenz liegt ihm wohl fern." Das muß entschieden abgelehnt werden. Wer aus dem Wüste heidnischer Kosmogenien alles Mythologische entfernt und Welt- und Menschenschöpfung aus den einen Gott zurücksührt, der hat sicher eine bewußt ethische Tendenz vor Augen gehabt. Es ist universeller Prophetengeist, der auch diese Erzählungen erfüllt. — Für den Verfasser liegt die unmittelbare religiöse Bedeutung dieser Erzählungen auf anderem Felde: „er ist derselbe einzige Gott, der Himmel und Erde und Völker und Menschen geschaffen hat, derselbe, der unaufhörlich, ohne Unterbrechung den Weltenlauf wie die Geschicke der Nationen lenkt. So bringt die monotheistische Religion die Idee der Weltgeschichte zur Entdeckung, indem sie die auf Erden geschehenden Dinge als planvollen, vernünftigen Zusammenhang zu begreifen sucht. Freilich ist eine Weltgeschichte von überraschender, verblüffender Art. Denn nachdem der eine Gott alle Nationen geschaffen und ihnen aus der Erde bestimmte Schauplätze für ihre Tätigkeit zugeteitt hat, erlischt sein Interesse für sie, um sich einem einzigen Stamme zuzuwenden, Israel, das er in seinem Urvater Abraham erwählt." Hier rächt sich an dem Verfasser seine Verkennung der bewußten ethischen Tendenz des biblischen Erzählers. Nein, das Interesse für die Völker der Erde erlischt durchaus nicht durch die Auserwählung Abrahams. Im Gegenteil: jetzt erst beginnt das eigentliche Interesse für sie, jetzt erst soll der Weg geebnet werden zu der von Gott geplanten Einheit des Menschengeschlechtes. Durch Abraham sollen ja die Völker der Erde gesegnet werden. Indem ich solche und ähnliche Reflexionen und Beobachtungen für ein Volksbuch entschieden für ungeeignet halte, muß ich doch hervorheben, daß ein Teil des Buches, namentlich derjenige, der prophetische Gedanken entwickelt, seine Wirkung auf den Leser nicht verfehlen wird. Das sittliche Pathos und die gedrungene Darstellung erwärmen den Leser, und auch der Laie muß Heraussühlen, daß er aus heiligem Boden sich befindet. Ich verweise u. a. auf Seite 40 bis 48, Seite 57 ff. u. a. Bei der vorzüglichen .Darstellung Ezechielscher Gedanken stört die Auseinandersetzung mit dem Christentum. Das war hier etwas verfrüht. Mag Ezechiel auch als „der Vater des gesetzlichen Judentums" gelten, so war das „Gesetz" zu seiner Zeit noch etwas Flüssiges, nicht Fixiertes. Außerdem formuliert der Verfasser einige Sätze, die jüdischerseits und christlicherseits mißverstanden werden können. Kommt dazu, daß diese Sätze sehr anfechtbar sind. Vergleiche Seite 62 und 63. Als eine große Lücke empfinde ich es, daß in einem Buche, das von Israels Propheten handelt, von Moses und seinem Werke nicht die Rede ist. Ist doch der Dekalog der ethische Kanon der Propheten. . Ich vermisse ferner bei der Behandlung der Gottesidee den Hinweis auf die klassische Stelle, Ex. 34, 6, 7. Dort werden Liebe und Gerechtigkeit als die einzigen Attribute Gottes genannt. Nach Cohen und Wiener mit Recht die Säulen der Ethik. Der Schviftbeweis durfte hier nicht fehlen. Als bedeutende Lücke erscheint es mir, daß der, Heiligkeitsbegrifs nicht allein bei der Darlegung jesaianischer Gedanken, sondern überhaupt gar nicht berücksichtigt wird. Ich brauche es dem Verfasser kaum zu sagen, daß neben dem großen Gebote der Liebe, dessen übrigens auch nicht Erwähnung geschieht, das Gebot: Ihr sollt heilig, sein,' der Menschheit ein sittliches Ideal gegeben hat. Israel sollte zu einem heiligen Volke erzogen und als solches die Menschheit zu einer Gemeinschaft der Heiligen machen. Sicherlich haben die Propheten früh und spät gegen soziale Nebel gekämpft. Allein ihr Haupt-

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