Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- Seite 618 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich mußte: den nach kleinstädtischem Maßstabe ziemlich weiten Weg von unserem Hause bis zur Wohnung des Schreib-' lehrers manchmal bei strengem Frost, zurücklegen, und Kältegrade von 8 bis 10 Grad Reaumur waren bei uns im Dezember und Januar nichts Seltenes, und manchmal sank das Quecksilber sogar bis 15 und 18 Grad unter Null. Ich genoß den erwähnten Unterricht gewöhnlich abends, einmal aber mußte ich, die Ursache ist mir nicht erinnerlich, bei Morgengrauen und starkem Frost den Weg machen, und da litt ich . so von der Kälte, daß ich auf halbem Wege umkehren wollte. Ich überlegte aberdaß der Rückweg ebenso-lang, wenn nicht länger war als der Teil, den ich noch zurückzulegen hatte, und daß man mich überdies zu Hause, wegen meiner Empfindlichkeit auslachen würde. Ich nahm mich daher zusammen und lies den Rest des Weges, kam aber mit. so erstarrten Händen an, daß es einige Zeit dauerte, bis ich die Feder handhaben konnte. Ich bemerke bei der Gelegenheit, daß Stahlfedern in der Schule streng verboten waren, man durfte nur Kielfedern benutzen, am besten „gezogene", gelbe. Außer von der Kälte hatte man im Winter auch viel unter dem schlechten Zustand der Straßen zu leiden. Man ließ den Schnee liegen, bis er festgefroren war, und dann bis er wieder schmolz. .. Einmal ist im . Frühjahr die dünne Eiskruste unter mir eingebrochen, so daß ich bis übers Knie ins kalte Wasser einsank. Ein anderes Mal war das Eis in den Straßen so .glatt und schlüpfrig, daß manche Leute, gar nicht auszugehen wagten, andere, die irgendwo zum Besuch waren, sich von einem handfesten Hausknecht nach Hause führen oder einen Wagen holen ließen. Aber Schlittschuhlaufen, das so gesunde und angenehme Wintervergnügen, war in meiner Jugend streng verpönt und galt für höchst unanständig. Wir braven Kinder konnten höchstens zusehen, wie die Gassenbuben ohne Schlittschuhe auf dem Eise dahinglitten. Erst in den sechziger Jahren beganndiemännliche Jugend Schlittschuh zu laufen, wenn aber ein Mädchen mitlief, nannte man es tadelnd eine „Glitscherin". Und dieses Laster soll sogar einmal eine Erhöhung der Mitgiftziffer nötig gemacht haben. Tanzen habe ich dagegen, nach Wunsch der Mutter, schon in meinem neunten oder zehnten Jahre gelernt, bin aber kein „fescher Tänzer" geworden. Wie ich im. Tanzen von dem Schauspielerpaar einer deutschen Wandertruppe unterrichtet wurde, so während der Schulferien im Reiten von dem Direktor einer wandernden Kunstreitergesellschaft. Es ging mir aber da ganz anders als bei meinem sanften Talmudlehrer Reb Mordchele, bei dem ich es, wie bereits erwähnt, durchsetzte, nur in den Partien des Talmud, die mich interessierten, unterrichtet zu werden. In der Manege ging es ja ganz gut mit dem dressierten Pferde, wie ich draußen auf offener Straße war, übernahm aber das Tier die Führung, und ich mußte, als der Klügere, nachgeben und dorthin reiten, wohin es wollte. Später habe ich in Konrpanie mit einem Bekannten ein billiges Pferd gekauft, und mit diesem ist es besser gegangen. Es wurde in dem Stallchen untergebracht, in dem früher unsere Kuh gehaust hatte. In Wien habe ich in den ersten Jahren nach meiner Uebersiedlung noch auf zwei Bällen getanzt, mein bißchen Reitkunst aber ganz verlernt. Alle diese edlen Künste betrieb ich zum Teil zu hygienischem Zwecke. Das beste Gegengewicht gegen..die sitzende Lebensweise und das viele Lernen boten indessen die vielen Feiertage: An der Realschule, mit einer Majorität christlicher Lehrer und jüdischer Schüler, hatten wir nicht bloß am Samstag' und Sonntag, sondern außer den großen Herbstferien auch an allen jüdischen, katholischen und griechisch-unierten Feiertagen keine Schule. Da letztere stets zwölf (seit 1900 dreizehn) Tage später als die katholischen stattfanden, so dauerten unsere Weihnachtsferien gewöhnlich vom 24. Dezember bis zum 18. Januar, dem griechischen Dreikönigstage. Indessen sorgten unsere Lehrer durch Erteilung vieler Hausaufgaben dafür, daß unsere Freiheitsbäume nicht in den Himmel wuchsen. Der Hioniltilche Student. Absage eines Essener Oberprimaners. Posen, 27. Oktober 1912. . Geehrter Herr Doktor! ^^^ch danke Ihnen' für die Broschüre „Der zionistische \ Student". Mit den zionistischen Bestrebungen hatte ich mich bisher noch nicht befaßt. Nachdem ich aber jene Broschüre, die Sie als Programm jener Bestrebungen empfehlen, gelesen habe, muß ich mich als ausgesprochener Gegner derselben bekennen. Zu einem solchen hat mich ganz besonders der Aussatz „Der Zionismus und die Jugend" von Richard Lichtheim gestempelt Als guter Jude und guter Deutscher bin ich erschreckt, daß ein Jude sich die Verkehrtheiten der Antisemiten über die Juden zu eigen machen kann und damit die Jugend für die zionistischen Bestrebungen ernfangen zu können glaubt. Ich bin Deutscher und bleibe Deutscher in meinem Fühlen und. Gesinnungen, habe keine Besonderheit, wenn auch die haßerfüllten Antisemiten und ihnen nachsprechend Herr Lichtheim die deutschen Juden als Fremdkörper bezeichnen; ich bleibe Deutscher, trotzdem den Juden in Deutschland bisher die völlige Gleichberechtigung vorenthalten wird. Ich habe zur deutschen Geschichte dasselbe persönliche Verhältnis, wie der in der Vorstellung des Herrn Lichtheim existierende Deutsche. Die Anspielung aus die Kämpfe Hermann des Chermskers usw. sind Spiegelfechtereien. Glaubt denn Herr Lichtheim im Ernst, daß sämtliche jetzt lebenden Deutschen Nachkommen der damaligen Germanen sind? Wenn er wirklich glaubt, daß die jetzige deutsche Generation ein angeborenes Empfinden für den Cherusker habe, könnte er ebensogut die deutschen Juden mit einschließen, die zum großen Teil eine tausendjährige Zusammengehörigkeit zu den Deutschen auszuweisen haben. Warum aber so in die Weite schweifen. Näher für Deutschlands jetzige Größe liegen doch' die Freiheitskämpfe und der erfolgreiche Kampf um. die Einigung Deutschlands. In diesen. Kämpfen haben sich die deutschen Juden als Deutsche voll und ganz betätigt und sind für die Ehre ihres Vaterlandes mit hingebender Vaterlandsliebe eingetreten, die ihnen von den Zionisten jetzt verekelt werden soll. Nur die Kämpfe für die Makkabäer und die Eroberung Kanaans, die über 2000 bis 3000 Jahre zurückliegen, will, er für das Empfinden der -deutschen Juden gelten lassen. Mit großer Befriedigung und vielem Enthusiasmus denke ich an die Heroen der Makkabäerzeit. Dieselben haben, da es sich bei dem Kampfe um ihr höchstes Gut, ihre Ueberzeugung, handelte, denselben mutig ausgenommen. Wie anders doch die deutschen Zionisten. Anstatt das höchste Gut, das Menschenrecht, denn der Kampf um die Gleichberechtigung läuft doch am Ende nur hinaus um den Kamps für das Menschenrecht, mutig aus'dem Boden, auf dem sie stehen, zu erkämpfen, wollen sie feige den Kampfboden verlassen, sich dorthin zurückziehen,, wo sie, ganz unter sich, die Gleichberechtigung als gegeben ansehen. In engster Gesinnungsverbrüderung mit dem gerade von den besten Deutschen nicht mehr ernst genommenen antisemitischen Literaturhistoriker Bartels-Weimar erklärt Herr Lichtheim, daß Heine nur als jüdischer Dichter zu begreifen ist. Die, Wohltat, die die Zionisten den deutschen Juden erweisen wollen, wird Plage, Vernunft wird Unsinn.