Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1912)
- Date
- 1912-12-27
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ihn : einmal in der Lehranstalt für Wissenschaft - des Judentums in Berlin mit großem Genüsse sprechen hören — sind 'bisher ungedruckt. Warschauer ist ein äußerst gediegener, fleißiger, gründlicher, vorurteilsloser Historiker, der das Einzelgebiet, dem er von Anfang an mit einer beiwunderswerten Konsequenz treu geblieben ist, in ausgezeichneter -Weise beherrscht, solides Wissen mit eindringender Kritik verbindet und in schlichter, verständlicher Sprache die Resultate seiner Forschungen mitzuteilen weiß. -Seinem väterlichen Glauben treu und dem Deutschtum innig ergeben, hat er sich immer in erster Linie bemüht, das Deutschtumin Posen zustützendurch Wort und Tat; eine seiner hervorragendsten Arbeiten auf diesem Felde ist „Die deutsche Geschichtsschreibung in der Provinz Posen", die zuerst 1910 veröffentlicht wurde. Möge es dem verehrten Manne in seinem großen Wirkungskreise vergönnt sein, die wissenschaftliche Arbeit zu pflegen und der Belebung und. Stärkung des deutschen Geistes zu dienen. L. G. ass* Oradyer Iugrndrrinnkrungm. Von M a r k u s L a n d a u. (Schluß.) ^endlich kam der Tag, an, dem der Gouverneur, ein treffen sollte. Beamte, Lehrer und Schüleraller Schulen warteten lange vorder im Reiseprogramm angegebenen Stunde am Eingänge der Stadt; aber, wer nicht kam, war der Gouverneur. Wußte er nicht, daß Pünktlichkeit die Höflichkeit der Großen ist, oder hielt er sich damals noch nicht für einen Großen? — Als es dunkel wurde, gingen Schüler und Lehrer, nachdem sie mehrere Stunden bei großer Hitze vergebens gewartet hatten, nach Hause, und als Goluchowski endlich mit starker Verspätung eintraf, war dort niemand zu seinem . Empfange da. Er hat dann auch die Realschule nicht besucht, und die von einem anderen Schüler gelernte Rede ist nicht gehalten worden. Aber auch ich bin mit der meinigen sitzen geblieben, denn der Kaiser ist damals nicht nach Brody gekommen. Wie man sagte, hatte der Gouverneur, aus Aerger über den ihm zuteil gewordenen schlechten Empfang, eine Aenderung der Reiseroute des Kaisers bewirkt. Ob ich die Bevorzugung seitens des Direktors dem Umstande zu verdanken hatte, daß mein Vater Schulinspektor war — die anderen Inspektoren hatten damals keine Kinder in der Realschule -— oder meinen eigenen Verdiensten, weiß ich nicht. Tatsache ist es, daß ich stets in allen Unterrichtsgegenständen die besten Noten und durch mehrere Semester die Nummer Eins in der Rangordnung der Schüler erhielt. Im letzten Jahrgange bekam ich aber einen Rivalen, so begabt undfleißig wie ich, der. mir noch in der Kalligraphie über, war Prof. Dr. Aöolf warschauer Archivdirektor in Danzig. und mich ein oder zweimal vom ersten Platz verdrängte. Der Wettkampf wurde aber zwischen uns in loyaler Weise geführt. Wir verkehrten freundlich miteinander und besuchten uns sogar. Während ich stets mager und von blasser Gesichtsfarbe war, hatte er rote Wangen, breite Brust und sah sehr kräftig aus. Und doch habe ich ihn um viele Jahre überlebt. Ein anderer Kollege, aber nicht in derselben Klasse, war der recht fleißige und gut begabte Sohn eines Wechselmaklers. Man darf aber dabei nicht an einen Wiener Börsensensal oder Pariser agent de change denken. Die Wechsel- und Warenmakler'in Brody, wo sogar, lange vor den Suffragetten und Frauenrechtlerinnen (welch häßliches Wort), Frauen den Maklerberus ausübten, erwarben mühsam ihr kärgliches Brot. Man nannte sie Per- . millniks, die Frauen Permillniczkes, da ihr Lohn ein Tausendstel vom Betrage des Geschäfts betrug. Ein solcher Permillnik war nun der Vater des erwähnten Schülers und dazu dem Trünke ergeben. Er hat auch von mir manchen Gulden „entliehen", wie er sagte, und vertrunken, was er nicht sagte. Sein Sohn ist dann in Rumänien, ich weiß nicht auf welche Weise, zu Vermögen ge- kommen und hat sich später, um es besser zu genießen, in Wien niedergelassen. Da hat er sich auch gegen mich herablassend gezeigt;; aber das, was sein Vater geborgt hat, hat er nicht Zurückgezahlt. Mein eben erwähntes, geringes Schönschreibetalent veranlaßte meine Eltern, mir Uebungsstunden von dem Lehrer der Kalligraphie erteilen zu lassen, um meinen Mangel ' an manuellem Geschick durch gründlicheren Unterricht zu ersetzen, vielleicht auch ad captandam benevolentiam praeceptoris. Es war übrigens derselbe Professor, welcher auch, wie ich bereits erwähnt habe, uns im deutschen Stil unterrichtete, und ich war nicht der einzige, der diesen Privatunterricht im Schreiben genoß. Ja, es scheint mir säst, er habe mit besonderer Vorliebe gerade bei Schülern aus wohlhabenden Familien die Notwendigkeit seiner privaten Nachhilfe herausgesunden. Meine Handschrift ist indessen dadurch nicht viel besser geworden, wohl aber die Klassifikation im Zeugnis. Und das waren die paar Gulden monatlich und die zwei Kerzen wöchentlich, die man ihm entrichtete, wohl wert. „Kerzen?" fragt hier vielleicht verwundert ein Leser, „wie kommen die dazu?" — Nun, das ist sehr einfach. Der Privatunterricht konnte, da die Schulstunden eingehalten werden mußten, nur abends oder in aller Frühe^ wo es im Winter noch dunkel war, erteilt werden, also jedenfalls bei Kerzenlicht. Da mußte nun jeder Schüler zwei Kerzen wöchentlich liefern, und da deren durchschnittlich etwa ein Dutzend am Unterricht teilnahm, so wurde durch diese Naturallieferung die Beleuchtung der ganzen Wohnung des Lehrers bestritten. Ja, seine Frau hätte , vielleicht, wie die meines rothaarigen Talmudlehrers, sich einen kleinen Kerzenhandel einrichten können.