Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229067--69053-3281344- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
, Berlin, 20/Dezember. 1912 'H t Töi'Jähfgaiig- Nr. 51 Detlaae zur „Allgemeinen Leitung de-S Judentums 'i-M Sorrrlponden?m und Nachrichten Deutschland. F. Berlin, 17. Dezember-. Im Verein für Jüdische Geschichte und Literatur sprach am 12. d.. M. Pros. Dr. Julius G o l.d-st e i n - Darmstadt über das Thema „Nietzsche und das Judentum^. Der Redner legte dar, wie das wichtigste Ereignis in Nietzsches innerer Entwicklung, das Erlebnis vom „Tode Gottes" und. die daraus folgende Umwertung aller Werte ihn immer' wieder zur Auseinandersetzung mit dem Judentum als. der Mutterreligion des Christentums getrieben hat. Die. religiösen Begriffe des Judentums, die Welt seiner sittlichen Werte betrachtet Nietzsche durch den ihm unvermeidlich erscheinenden Zusammenbruch: der Gottesidee als unhaltbar. Er will daher ein neues Heidentum proklamieren. So sehr aber auch Nietzsche das Judentum als Verkörperung bestimmter religiös-sittlicher Werte bekämpfte und von seinem naturalistischen Standpunkte aus bekämpfen mußte, so ist er doch wert entfernt von aller Geringschätzung des Judentums. Die Größe des Alten Testaments, hat er oft auch anerkannt^ „Alle Achtung' vor dem Alten Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und etwas vom Allerseltensten auf Erden: die unvergleichliche Naivität des starken Herzens." Schars ablehnend hat er oft sich gegen den Antisemtismus ausgesprochen. So, wenn er sich gegen den Rassenfanatismus wendet: „Wieviel Sumpf und Verlogenhert gehört dazu im heutigen Misch-Masch Europa - Rassenfragen aufzuwersen!" Als seine Schwester, die er scherzhaft Lama nennt, 1887 den Antisemitenführer.Förster heiratet, da schreibt er ihr unter anderem: „Weißt du mein gutes Lama, -es ist eine Ehrensache für mich, nach Seiten des Antisemitismus hin absolut reinlich und unzweideutig - zu sein, nämlich ab le h n e n d-, wie .-ich es. in meinen Schriften tue. Man hat mich in der letzten Zeit-, mit Briefen aus antisemitischen Korrespondenzblättern heimgesucht; mein Widerwille vor dieser Partei (die gar zu gerne ihren Vorreil von meinem Namen haben möchte) ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeitzner bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich. müsse zu ihnen gehören . . . und . daß ich nichts dagegen zu tun vermag, daß in jedem antisemitischen Korrespondenzblatt der Name Zarathustra gebraucht wird, hat mich schonmehrereinale beinahe krank gemacht." (Brief an seine Schwester vom 26. Dezember 1887). Nachdem der Redner noch eine Reihe von Positiven Urteilen Nietzsches über die modernen Juden und ihre Bedeutung für. das deutsche Wirtschafts- und Kulturleben gegeben hatte, führte er am Schlüsse aus, daß die naturalistischen respektwe materialistischen Voraussetzungen, von denen aus Metzsche seine negativen Folgerungen hinsichtlich der religiösen Grundideen des Judentums gezogen hatte,, heute nicht mehr zu Recht bestehen/und daß Nietzsche, der eine Krise im Problem des Atheismus bedeute, uns Juden der Gegenwart aus den Punkt unserer - eigentlichen Größe hinsühren könne. Der Redner erzielte, mit seinem an Form und Inhalt ausgezeichneten Vortrag stürmischen Beifall. — ' Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Hamburg sprach Rabbiner Dr. No b e l - Frankfurt a. M. überdie Weltanschauung der Propheten; in Ällenstein Rabbiner Dr. V o g e l st e i n - Königsberg über Unterricht-und Erziehung im Judentum zur Zeit des zweiten Tempels; in Königsberg Rabbiner Dr. V -e e r m a n n - Insterburg über Wohlfahrtspflege .im Judentum; in Grünberg (Schl.) Kgl. Bibliothekar Dr. Heinrich L o ew e-Berlin über seine Reise nach Palästina (mit Lichtbiloern); in Brandenburg Redakteur Albert I ac o b h - Berlin über die moderne Frauenbewegung und die jüdische Frau; in Köln Dx. S imch o w itz.: Der Jude aus dem Theater; in Ofsenbach a. M. Schriftsteller Albert K atz-Berlin über Lord Byrons Hebräische Melodien; in Bayreuth Rabbiner Dr. F r e u d e n t h a l - Nürnberg über die Memoiren der^Glücket von Hameln; in Hoppstädten Lehrer Cheskel Zwi Klötzel-Bosen: Erinnerungen an Saloniki; Lehrer E pst ei n über „Die Bibel, im jüdischen .Hause"; in Kottbus Oberkantor D av i d s ohn - Berlin über synagogale Musik; in Allenstein und Insterburg Professor Dr. Julius G o l d st e i n-Darmstadt über Ftatura-/ lismus und religiöser Sinn"; derselbe in Königsberg und Tilsit über . die Poesie dev Bibel; in Memel über deutsches Geistesleben und die.. Juden. Ferner sprach in Memel Rabbiner Dr. Halp erso h n - , Briefen über Arbeit und Arbeiter im Judentum; derselbe in Tilsit über Karl Emil Franzos; in Kolberg Rabbiner Dr. Baron: Welchem Nutzen bringt das Studium der -jüdischen Geschichte und Literatur; / in Hochfelden Herr Simon Bloch- Straßburg über die Falaschas, in Bonn Oberkäntor Ziwi - Elberfeld über Ursprung und Entwickelung der jüdischen Musik; in Wollstein i. P. Dozent Dr. L. H i r s ch b e r g - Berlin über Musik und die Bibel;, in Labischin Rabbiner Dr. R o s e nw asser über die.Juden in Bulgarien und über das Leben der deut- - schen Juden im Mittelalter. . F. Berlin, 17. Dezember. Die letzte Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" > wurde vom Lehrer Abraham gleitet, da der erste Vorsitzende Pro- . sessor Friedländer infolge Erkrankung abwesend war. Lehrer und Kantor Guttmann-Potspam hielt einen Vortrag über das „Kaddisch- Gebet". Der Vortrag zerfiel in einen theoretischen und einen praktischen Teil? Voll der arumäischen Bezeichnung ^'"7p ausgehend, wurden einige sprachliche Eigentümlichkeiten behandelt, wobei ' es sich zeigte, daß dys Kaddisch-Gebet nicht ausschließlich aramäisch abgesaßt, -sondern stark mit Hebräischem durchsetzt sei. Anschließend ' darän'wurdkü einige Lesarten, die von der allgemein üblichen abwelchen, erwähnt, zum 3öei)piel D‘7prT,*l ^-“[“DrP» dre wegen ihres Doppelsinnes dem Platz gemacht habe/ ferner unter anderem auch das bei uns in den zehn Bußtagen gebräuchliche 8*72^1 Die maimonidische Einschaltung . . ' die auch von per Sekte der Q'Tnn beibehalten sei, führte den Referenten zu den anderen, noch sonst gebräuchlichen Formeln, wie p:m itfHp/KnnnmTp und mm ^pHs Be- - sonders eingehend beschäftigte sich der Vortragende mit der Grund- - bedeutung des Kaddisch als einer öffentlichen Lobpreisung des > Gottesnamens/verbunden mit dem Wunsche nach dessen größerer Aus- " breitung, zuerst im Altertum anschließend an Agadavorträge ver- / wendet. Auch dem sogenannten 2171'"p-Kaddijch der Leldrragenden liegt im wesentlichen der Gedanke zugrunde: „Was Gott; tut, .das ist wohlgetan", darum „sei sein- Name gepriesen" usw. Mystik und .Aberglauben haben bei der großen Masse ein „die Seele der Dahingeschiedenen erlösendes Gebet" daraus gemacht. Daher'kommt es. daß das l^^p zumeist nur rlach der Anzahl, in der es „gesagt" wurde, bewertet worden ist. Gegen eine .: solche irrtümliche Auffassung, die das religiös-sittliche Moment dieses Gebetes außer acht läßt/haben stets die besten Geister-Front gemacht. / (Vergleiche auch Berliner, Randbemerkungen zum Siddur 1912)./ Der 2. Teil befaßte sich mit dcr Verwendung des ^'^p tm Gottes-; dienst und den-dabei geübten Zeremonien des Ausstehens,' Bückens. - und des Dr?i - Schritte - Rückwärts - Gehens bei dem letzten Vers), die uns die Pflicht der. Demut vor Gott versinnbildlichen wollen. Der Vortragende schloß.mit einem Appell an die Schule, sich - mehr, als es infolge unberechtigter Rücksichtnahme bisher geschehen/ / dieses hochwichtigen Gebetes anzunehmen, damit es dem erhabenen \ Zwecke diene: dqß der Name des Höchsten zur allgemeinen 8lnerkennung gelange. In dev Diskussion, die sich an den Vortrag schloß, wurde der, •; Wunsch geäußept, der Vortragende möchte die musikalische Seite des . V'^p beleuchten. Diesem Wunsche will College Gutlmann ent- / sprechen und zur Generalversammlung des Vereins jüdischer Lehrer ' der Provinz Brandenbrrrg am 23. Dezember dieses Jahres einen Bor- / trag darüber halten. — Der stellvertretende Vorsitzende teilte sodann;/ mit, daß die von der „Wissenschaftlichen Vereinigung" eingerichteten/s Fortbildungskurse sich eines lebhaften Zuspruchs erfreuen und gab / bekannt, daß ais'ch Nichtmitgliederder Vereinigung an den Kursen teilnehmen dürfen. Nachdem noch auf die von Herrn Geheimrat Herm.. - Cohenin der Lehranstalt?für die Wissenschaft des Judentums veran- & statteten Hebungen über den theologisch-politischen Traktat, die. am K Sonnabend von 6—7 Uhr stattfinden, empfehlend hingewiesen und M