Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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m*. /ausgezeichnete Frau, geboren 1646, 'lebte 'gerade' in der Zeit.des. beginnenden Emporsteigens und' hatte auch ein lebhaftes Bewußtsein von dem erzielten Fortschritt. Recht anschaulich schildert.sie, wie-- ihr Mann in der kleinen Stadt Hameln,- die „kein'Ort von Handelschaft" war, nur Geschäft hatte „mit Bauern und Pfändern". Dabei wollte er es aber nicht, bewenden lassen, sondern ist nach Hamburg , gezogen, wo er dann hauptsächlich mit Juwelen Handel trieb,: ohne jedoch andere Geschäftszweige gründlich auszuschließen, wie er dann häufig die Lieferung von Silber zu Münzzwecken übernahm. Gewissermaßen eine höhere Stufe gegenüber dem immer noch rein persönlichen Charakter des Handels ohne festen Sitz oder Firma, wie ihn der Mann der Glükel trieb, erscheint es, wenn ihr Sohn in Berlin ein Geschäft anfing, großes Gewölbe, mit allerhand Waren, das dann freilich nicht reüssierte. Im allgemeinen ist anzunehmen, daß so etwa in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zu Beginn des 18. aus den - Handel der Juden das Schwergewicht ihrer wirtschaftlichen Leistung Kel. Nur war aber damals Deutschland so. weit herabgekommen, daß es für den internationalen Warenaustausch vornehmlich nur noch Rohstoffe lieferte und dafür, fremde Jndustrieprodukte massenhaft importierte. Der Kaufmann Vertrieb also fremde Waren im Jnlande. Die Frankfurter Messe bildete das Einsalltor für die so sehr beliebten französischen Luxusartikel, und über Hamburg kamen Erzeugnisse der englischen Industrie. Die Juden mußten selbstverständlich dem Zuge der Zeit folgen. Es war nicht ihre Schuld, wenn Fremdwaren, die sie Verkauften, den schlechteren und teureren Produkten der Zunfthandwerker vernichtende . Konkurrenz machten. Immerhin bildete die Ueberschwem- -.nnlng Deutschlands mit Fremdwaren einew volkswirtschaftlichen Nachteil, dem Abhilfe zu schaffen dringend geboten -schien. Hebung der einheimischen Industrie, war also ein Ziel, auf das die territoriale Wirtschaftspolitik mit Notwendigkeit hinarbeiten mußte. Das Mittel zur Erreichung des Zweckes erblickten die damaligen Nationalökonomen in der strengen Anwendung des Merkantilsystems, wie sie zuerst durch Colbert, den Minister Ludwigs XIV. verfolgt war, und es ist nun nirgend in Deutschland das Merkantilsystem so konsequent durchgesührt worden als in Brandenburg-Preußen. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große waren bekanntlich überzeugte Merkantilisten. Es gehörte zum System/ wenn sie die Verarbeitung der Rohstoffe im Lande zu fördern suchten. '• Wenn Friedrich Wilhelm I. Juden, die Wolle außer Landes brachten, mit dem Tode drohte, so war nicht Religionshaß der Bewegrund, sondern Merkantilpolitik. Daß die vielbemerkte Abneigung Friedrichs des Großen gegen die Juden eben hiermit eng zusammenhängt, ist gar nicht zu verkennen. Denn daß sie als Feinde Christi galten, war dem Freunde Voltaires wohl recht gleichgültig, in dessen Staaten jeder, nach seiner Fasson selig werden durfte. Um so ärgerlicher war es für ihn, daß jüdische Kausleute durch Import von Fremdwaren das Gedeihen der einheimischen Industrie störten. Nun hatte aber die Handelstätigkeit der Juden und ihre Wertschätzung durch Friedrich den Großen noch eine andere Seite, die ja nicht außer acht bleiben darf.- Unter Handel versteht man die den Warenaustausch vermittelnde Tätigkeit. Der Händler schiebt sich zwischen Produzent und Konsument, indem er die Ware dem Orte zuführt, wo ein Bedürfnis nach ihr besteht. Es ist somit seine Sache, die Absatzmöglichkeiten zu überschauen, Gegenstände, dieetwa an einem Orte im Ueberfluß vorhanden sind, an einen anderen - zu bringen, wo Mangel besteht. Durch Erfüllung solcher Aufgaben erwirbt der Kaufmann, der an. dem materiellen Bestand der Ware keinerlei Veränderung vornimmt, das An- ' recht, auf feinen -Pro fit/ daser* fouff;nicht hätte.vNünfl w sehr nahe, daß der, der das Bedürfnis nach einer Ware/be-/? merkt, wenn sie -nicht vorhanden-'ist, für. ihre- Herstellung//^ sorgt. Die Produktion - wird durch'den Händel gesteigert./"/ Der Kaufmann .hat kein besonderes -Interesse daran, Waren ^, aus der Ferne zu beziehen, wenn-, er sie daheim Herstellen." lassen kann: Den Uebergang vom Händel zur Jndustrie?in der Gestalt, wie siewährend des 18. Jahrhunderts aus?/ schließlich vorhanden war, haben die Juden recht schnell voll-- zogen. Schon. Glückel von Hameln berichtet, daß sie eine Fabrik von Hamburger Strümpfen hatte, die sie für etliche Tausende selbst machen ließ. Sie übte also den Verlag aus für Strumpfstricker oder -Wirker, deren Produkte sie abnahm / . und in den Handel, brachte: Daß die jüdischen Kaufleute des 18/ Jahrhunderts - vielfach als Verleger oder Fabrikanten-' nach Sprachgebrauch der Zeit zu betrachten sind, ist kaum. - ernstlich, zu bezweifeln^ So wurde 1-744, um die Vertreibung aus Prag rückgängig zu machen, die Schädigung d^er Gewerbetreibenden durch Einbuße des Verlags ins Feld geführt. Beiden Bestrebungen zur Hebung der Industrie konnte diese Seite der jüdischem Handelstätigkeit am wenigsten außer / acht bleiben, und wie sich nun Friedrich der Große ihr gegen-, über verhielt, wird aktenmäßig aufgeklärt durch die Publikation über die '.preußische Seidenindustrieim.18. Jahr-, hundert. Da zeigt sich denn, die keineswegs auffällige, aber nicht genug beachtete Tatsache, daß, wo die Bestrebungen der . Juden in der Richtungslinie des Merkantilsystems lagen, sie > auf bereitwillige Förderung rechnen durften. .Fabrikations- - Prämien, ■ zinslose Vorschüsse, Schenkungen wurden Juden ebensogut zuteil wie Christen. Schließlich, wenn das Ein-. fuhrverbot für fremde Seidenstoffe den Kaufmann schädigte, u so nützte es dem Fabrikanten: Mindestens die Hälfte /der Verlegerfirmen trug jüdische Namen, man gewinnt geradezu den Eindruck, daß sie es waren, die der künstlich geschaffenen Industrie den Lebensodem eingeblasen haben, wie Mephisto; dem Homunculus im zweiten Teil des „Faust"- Das -Verhalten Friedrichs des Großen. gegen die Juden war wesentlich bestimmt durch wirtschaftliche Gesichtspunkte, während die religiösen ihm durchaus fernlagen. Wenn er es gleichwohl im großen und ganzen bei ihrer althergebrachten Rechtsstellung bewenden ließ, so war das eine jener In- , Konsequenzen, wie er sie des öfteren beging, weil er nicht zu; . Reformen schreiten wollte, für die sein Staat noch nicht reis war. In den -letzten Regierungsjahren, hat er freilich wohl allzu hartnäckig an einer Politik festgehalten, die in. den früheren ganz zeitgemäß' gewesen ist, denn mittlerweile hatte die Aufklärung ihr Werk zu verrichten 'begonnen, die nicht umsonst ihres Fortschritts gegenüber dem finstern Mittelalter sich rühmte. Die Emanzipation der Juden im Staate Friedrichs des' Großen ist auch während des 19. Jahrhunderts nicht/ zur.-/Ä>/. vollen Durchführung gelangt; ihr Einfluß auf die Be- ziehungen der Juden zum Wirtschaftsleben konnte sich daher nur in beschränkter. Weise geltend machen. . Immerhin wäre v es ganz unmöglich gewesen, daß binnen wenigen Generationen / sich die Nachwirkungen einer tausendjährigen Geschichte ver- - - wischt hätten. Unter den deutschen Juden hat es von jeher sehr wenig Handwerker gegeben. Die Versuche, solche heranzubilden, konnten keine nachhaltige Wirkung erzielen, - weil , die' Kleingewerbetreibenden am . mächtigsten von den modernen Umwälzungen erfaßt wurden. Die einen stiegen von der technischen Seite her zu Fabrikanten auf, die anderen,, und das ist wohl die Mehrzahl, sanken herab zu Arbeitern. Eben weil der vierte Stand sich hauptsächlich aus -ehemaligen / Handwerkern und Zuwanderern vom , Lande rekrutiert--. E hat, gehört ihm in Deutschland nur ein verschwindender I [ -41