Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229067--69049-3281340- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
; >/Fußeständ. Dagegen wurde zur Lektüre ein recht gutes Lese- '-/wuch benutzt, in dem auch einige Wruchstücke aus dem Nibelungenliede enthalten waren; freilich in neuhochdeutsche Prosa 'übertragen. Von dem Original sagte uns der Professor nichts; ' wahrscheinlich hat er selbst nichts davon gewußt, wie er auch - '/' von der Existenz einer Literaturgeschichte nichts gewußt zu , ' haben scheint. Aber auch die prosaischen Bruchstücke des Epos - haben einen starken Eindruck auf mich gemacht. - Sehr gut vertragen habe ich mich mit dem Schuldirektor Grosse, der im Rechnen, Buchhaltung und Zeichnen unterrichtete. Er war freilich ein Pedant und wurde von anderen für, einen bösen, strengen Menschen gehalten. Aber ich hatte ihm für die Behandlung, die er mir zuteil werden ließ, nur zu danken. Einige Beispiele mögen dies beweisen: r Das Tragen von Spazierstöcken war den Schülern streng / verboten, was mir sehr unangenehm war, denn ich trug gern einen solchen Stock und besaß deren mehrere. Einmal, wäh- - , rend der Ferien, ging ich mit meinen Eltern spazieren und . hatte meinen Stock mit. Da mußte uns gerade der Direktor - begegnen. Er erwiderte freundlich meinen Gruß, warf aber mir, oder vielmehr meinem Stock, einen sonderbaren Blick zu, ' der mich beunruhigte. In der Tat erschien am nächsten Tage, trotz der Ferien, der Schuldiener bei mir -mit einer Vorladung ad audiendum verbüm. Ich ging mit Herzklopfen zum Direktor, der mich, wie ich vorausgesehen, wegen des verbotenen Stocks ins Verhör nahm. Ich sagte zu meiner Entschuldigung, daß ich geglaubt habe, das Verbot gelte nicht-für die Ferien. Nein, erwiderte er, es gelte fürs ganze Jahr, damit keine Schlägereien zwischen den Schülern Vorfällen sollen; mir, der ich ein ruhiger, friedlicher Knabe sei, würde er das , Stocktragen Wohl erlauben, aber er dürfe keine Ausnahme machen, ich solle daher auch in den Ferien keinen Stock tragen. Dann führte er mich in seinen Gärten, pflückte einige - der. schönsten Aepfel und Birnen und füllte damit alle meine . Taschen. Einige Zeit später ließ er mich wieder rufen und sagte mir, der Gouverneur, Graf Goluchowski, und der Kaiser werden bei der Bereisung Galiziens auch Brody besuchen, ersterer einige Tage früher, um alles für den Empfang des Kaisers , . vorzubreiten. Beide würden auch die Realschule besuchen, und es müßten von Schülern Anreden an sie gehalten werden, ' er lasse mir nun die Wahl, welchen vonihnen ich anreden ' wolle. Ich entschied mich natürlich für den Kaiser, vielleicht in Erinnerung an das Renkontre Goluchowskis mit meinem Vater?) . v . Daraus setzte der Direktor eine Rede für mich auf, die ich - auswendig lernte. Dann mußte ich noch mehrmals zu ihm ins Haus kommen, wo er mit mir Haltung, Gebärde und Betonung bei der Anrede. einstudierte. Aber Obst bekam ich dabei, nicht. (Schluß folgt.) Verhältnis drr Juden?um Wirlkchsktslebrn. ' Von Georg Caro. (Schluß.) ' die Entstehung des modernen Wirtschaftslebens hat der Protestantismus in England und Amerika Bodeu- Va tung gewonnen, wo die Puritaner eine judaifierende Richtung einschlugen. Das in Deutschland mastgebende Luthertum förderte eher jene Stagnation, die zu der furchtbaren Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges führte. Nach dem westfälischen Frieden handelte es sich geradezu um einen Neubau *) In einem früheren Kapitel erzählt. der deutschen Volkswirtschaft. Das Bürgertum war ' dazu' nicht fähig. Seine Schaffenslust hatten die Fesseln des Zunftgeistes erstickt. Kümmerlich richtete es sich wieder ein auf den Trümmern vergangener Herrlichkeit. Größere Tatkraft besaß andauernd der Adel; aber egoistischen Sonderinteressen hingegeben, beschäftigte er sich vorzugsweise mit Bauernschinden. So mußte die Erneuerung von oben' kommen. Der Fürstengewalt verdankt Deutschland die Erhebung über jenen Tiefstand, auf den es um die Mitte des 17. Jahrhunderts herabgesunken war. Im Zeitalter der territorialen Wirtschaftspolitik, ist nun den deutschen Juden eine ungemein bedeutsame Rolle zugesallen. Damals erschienen sie, wie nie zuvor, als Vertreter des Fortschritts. Rastlos tätig, vor keiner Mühe zurückscheuend, nicht entmutigt durch Mißerfolge, gewandt zugleich und zähe, haben sie an der Entstehung der modernen Volkswirtschaft einen sehr gewichtigen Anteil erlangt. Das Emporsteigen der' deutschen Juden ist zweifellos eine höchst ausfällige Erscheinung. Es mag begreiflich sein, , daß die spa-nisch-portugie fischen Marvanen eineweitreichende Tätigkeit entfalteten als Pflanzer in Amerika, als Kaufleute und Makler in der Levante und als Spekulanten an 'der Börse zu Amsterdam und -London. Saßen sie doch ohnehin.von jeher an Hauptsitzen des Welthandels. Für Deutschland kommt von diesen fremden Juden fast nur die Kolonie der Portugiesen zu Hamburg in' Betracht. Sie hat gewiß viel beigetragen, der Hansastadt den Uebergang zu neuen Arten des Handels zu erleichtern, ist aber numerisch stets recht klein geblieben und nur sehr allmählich mit den deutschen Juden in nähere Berührung getreten. Zur Erklärung'der Tatsache, daß eine zurückgedrängte,. von der Volksmeinung verachtete Bevölkerungsklasse aus sich selbst heraus die Fähigkeit gewann zu folgenreicher Entwicklung, ist nur das Moment geeignet, das die Klassenbildung selbst verursachte. Die Lehren der mosaischen Religion bewirkten es, daß die ihnen getreulich Nachlebenden Juden ungeahnte Kräfte entfalteten. Die jüdische. Wirtschaftsgesinnung, in ihrem Gegensatz zu der ringsherum herrschenden, hat wesentlich beigetragen zur Umgestaltung einer verrotteten Welt. Daß die Zeitgenossen den wahren Sachverhalt mißachteten, ist selbstverständlich. Auf den Schachergeist der Juden wußte nicht genug zu schmähen, wer das Streben nach Gewinn durch wirtschaftliche Tätigkeit für unchristlich hielt, und die Zünftler schrien über Schädigung der redlichen deutschen Arbeit, sobald sie ihre Monopolrechte auch nur im geringsten beeinträchtigt glaubten. Besser gewürdigt wurden Leistungen der Juden nur an der Stelle, die zum Glück berufen war, reformierend in all das Treiben einzugreifen. Die Verdienste. der Juden um den' deutschen Fürstenstaat sind neuerdings besonders nachdrücklich hervorgehoben worden. Das stehende Heer verdankt ihnen seine Existenzmöglichkeit, weil sie die regelmäßigen Lieferungen der Armeebedürfnisse ins Werk setzten und auch das dazu erforderliches Geld herbeischafften. In der Gestalt der Hosjuden, die nicht wohl an einem deutschen Fürstenhose fehlen durfte, ihrer Teilnahme an der Staatsverwaltung verkörperte sich der jüdische Wirtschaftsgeist im 17. und 18. Jahrhundert. Freilich konnten nur wenige zu einer derartigen bevorzugten Stellung gelangen. Für die Großzahl erscheint als wesentlich eine Umwandlung in der Form des Geschäftsbetriebes, die wohl schon vorlängst eingesetzt hatte, aber erst unter günstigeren Zeitumständen vollends zum Durchbruch kommen konnte. Ueber das privatwirtschaftliche Moment, das sonst gar leicht sich der Beobachtung durch die Nachwelt entzieht, haben wi^ eine vortreffliche Quelle in den .Denkwürdigkeiten der Glükel von Hameln. Die