Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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%i§fM wurde mir versichert, daß man selbstverständlich meinem -Wünsche entsprechen würde. Vom Vj. 'St. ging mir am , 3. Dezember nachstehendes Schriftstück zu: . Königsberg i. Pr., den 3. Dezember 1912. ' An den Rabbiner der Synagogengemeinde Herrn Dr. Vogelstein Hochwürden- , Hier. Auf Ihr Schreiben vorm 11. November haben-wir zunächst zu erwidern, daß wir keinem Außenstehenden das > Recht zugestehen können, in die Maßnahmen unserer Kor-, .porationen einzugreisen. In Ihrer Zuschrift mußten wir ‘ außerdem Form und Ton als nicht angemessen empfinden. - Was die' Angelegenheit selbst betrifft, so hat zwar außer den Direktoren und den Eltern niemand die Befugnis, - Schülern den Besuch unserer jung-jüdischen Abende zu ver- . bieten; doch werden wir für alle Fälle vermeiden, daß Schülern aus dem Besuche eines von uns Veranstalteten Abends hinterher durch Anzeige bei der Schulbehörde Unannehmlichkeiten entstehen. Hochachtungsvoll Verein Jüdischer Studenten an der Albertina im B. I. C. I. A.: H. Herrmann. Ich enthalte mich jeder Bemerkung, die die Wirkung'! Schriftstücks nur abschwächen könnte. ■ -fr?;;*’'’ZrV J/Vä.* Lrodyrr Iugenderinnerungkn. Von M a r ku 8 La n d a u. III. mein großer Mann, aber der Schüler eines Großen war der alte Arzt Dr. F r i e d l ä n d e r, der sich rühmte, als Student Hörer Kants gewesen zu sein. Ich war aber, solange er lebte, noch zu unwissend, um den Wert dieses Ruhmestitels'schätzen zu können und den alten Arzt über den großen Philosophen auszufragen. Um in die eben erwähnte Realschule eintreten zu können, mußte man die dreiklassige öffentliche Volksschule, Normalschule genannt, mit Erfolg besucht, haben oder, wenn man, wie ich, Privatunterricht genossen hatte, dort die Prüfung ablegen. Obwohl ich privatim schon mehr gelernt hatte, als in dieser Schule gelehrt wurde, sogar ein wenig französische Grammatik, so wurde ich noch für einige Wochen mit einem Einpauker beglückt. Es ist aber auch möglich, daß dies nur , geschah, weil mein bisheriger Lehrer namens Ginsberg oder Günzburg erkrankt war. Dieser, der auch meine Schwester unterrichtete, war ein ganz angenehmer Mensch, aber kränklich, und ist auch jung gestorben. Für sich bescheiden, war er sehr stolz auf seinen Bruder, der in Wien lebte und Gedichte machte, die sogar gedruckt wurden. Von meinem Einpauker erinnere ich mich nur, daß er mir einschärfte, nach Schluß der Prüfung, die übrigens nur eine Stunde dauerte, dem Direktor die Hand zu küssen und zu sagen: ich bitte um ein gutes Zeugnis. Das habe ich folgsam getan und das beste Zeugnis, das nur möglich war, bekommen. Ohne unbescheiden zu sein, glaube ich jetzt, nach mehr als sechzig Jahren, sagen zu dürfen, daß ich es. auch verdient habe. Die Unterrichtssprache dieser Volksschule war die deutsche; doch wurde auch die polnische Sprache gelehrt, und der Direktor mit dem sonderbaren Namen Kinderforski war ein Pole. - / So trat ich endlich im Herbst 1849 in die heiligen Hallen der mehrerwähnten Realschule ein, die aber nicht ihr Eigentum waren. Sie war in' einem Privathause neben anderen Mietern untergebracht. In.diese ganz von Juden erhaltene Schule wurden christ-: liche Schüler unter denselben Bedingungen wie die jüdischen ausgenommen; es besuchten sie aber nur wenig Christen: -Der Direktor - und die meisten Lehrer waren dagegen Christen. Ob diese Bevorzugung von der Regierung vorgeschrieben war oder in dem Mangel an jüdischen Lehrern ihren Grund hatte, weiß ich nicht: - Jedenfalls wurde an christlichen und jüdischen Feiertagen sowie am Samstag und Sonntag keine Schule gehalten. Im Winter wurde an diesen zwei Tagen auch nicht geheizt, undda tat der.Schuldiener ein übriges und heizte am Montag so stark, daß ich in den ersten Wochen meines Schulbesuchs, bis ich mich an die Montagstemperatur gewöhnt hatte, an diesen Tagen stets mit Kopfschmerzen nach Hause kam. Wirklich erlernt habe ich in dieser Schule nur die französische und italienische Sprache, kaufmännisches Rechnen und Buchhaltung. Daß ich im Schönschreiben und Zeichnen keine besonderen Fortschritte machte, lag wohl an mir selbst. . Ganz ungenügend war aber der Unterricht in den anderen Fächern, während der in den Naturwissenschaften von dieser Reals ch u l e mit Vermeidung alles Realen und nach dem N i ch t - anschauungssystem erteilt wurde. In der Bo t a n i k stunde, mußten wir nachschreiben', was uns von Blüten, Blättern, Dolden und dgl. diktiert wurde, aber zu sehen bekamen wir solche Dinge nicht in der Schule. Einmal brachte ein Schüler einige Blumen Mit und erbat sich eine Erklärung vom Professor. Das brachte diesen in einige Verlegenheit, aber bestraft wurde der Schüler für diese Angehörigkeit nicht. — Ebenso wurde Warenkunde „diktiert", aber zu sehen bekamen wir nicht einmal einen Knäuel Wolle oder ein Stück Rohzucker. Glücklicherweise gehörte ich einer Kaufmannsiamilie an und.konnte da manches sehen, von dem ich in der Schule nur gehört hatte. Kaum besser war es um den Unterricht in Physik und Mineralogie bestellt. Da wurden wirklich' einmal im Laufe des Schuljahres einige Kästen mit Mineralien, ein Harzkuchen und eine Leydener Flasche itts Klassenzimmer gebracht. . Experimentiert wurde . aber Nicht,' unddie Mineralien konnten wir nur durch die Glasdeckel der verschlossenen Kästen sehen. Die Schlüssel verwahrte der Direktor, und sie wurdenwie mir scheint, nicht einmal dem Professor anvertraut. Daß es eine Wissenschaft gibt, die man Chemie nennt, erinnere ich mich nicht in der Schule gehört zu haben'. Der Professor der Physik trug auch „Weltgeschichte" vor. Das heißt, er diktierte einen Auszug aus einem kurzen Handbuch, wie es» für die Bildung loyaler- Untertanen geeignet war, und gelangte, wenn ich mich recht erinnere, nur bis zum Kaiser Franz.. ~ ./ Im Französischen unterrichtete ein Franzose, der aber schon seit langem in Galizien lebte und sich sehr häufig betrank. Einmal hat er mich so gequält, daß ich, obwohl schon dreizehn oder vierzehn Jahre alt, zu weinen ansing. Er wurde endlich abge- . setzt und an seine Stelle trat ein Pole. Das geschah aber erst im letzten Semester meines Schulbesuchs. Im Italienischen unterrichtete ein jüdischer Lehrer, ein putziges, altes Männchen, das ich aber recht gern hatte. Wem-, .ger seine Tochter, die mir einen Korb gab, als ich sie auf dem bei der Hochzeit meines Bruders veranstalteten Ball zu einer Quadrille engagieren wollte. Sie war um einige Jahre älter als ich und hielt es wohl unter ihrer Würde, mit einem kleinen Jungen zu tanzen. Ich beklagte mich über den Affront bei den älteren Tänzern, und diese haben sie, zur Strafe für die Beleidigung, des Bruders des Hochzeiters, für den ganzen Abend boykottiert. Im Deutschen und besonders im kaufmännischen Stil unterrichtete ein Lehrer, der zwar' einen deutschen Namen aber mit der deutschen „Sprak" nicht auf dem allerbestem > . ,V