Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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und hören nicht" — oder wollen nicht sehen und hören, was in der. Gegenwart ringsum sie vergeht. In der Gegenwart stehen wir, für dft Zukunst schassen wir, in der Vergangenheit wurzeln, wir. Und sür die jüdische Gegenwart und sür die Zukunft des Judentums haben wir unsere im alten Judentum wurzelnden Richtlinien aufgeftellt als Wegweiser sür das lebende jüdische Geschlecht, das sich dem altsrommen Judentum nun einmal entfremdet hat und nicht wieder zu ihm zurückkehren wird, und als Wegebahner und Rissevermaurer für die Zukunft. "Wer wagt es, auszustehen und angesichts unseres Ringens und Kämpsens im Dienste der Erhaltung und Wiedergewinnung dieser unserer Brüder uns zu sagen: „Lasset sie lieber dem „Nichts" angehören, als . das; ihr sie um eure Richtlinien sammelt! Lasset sie lieber verloren gehen!" „Meine Brüder suche ich", ja, dies Textwort könnten wir schreiben als Ueberschrift über unsere Richtlinien. Denn sie sind geboren aus der großen heißen Liebe unseres Herzens sür das Judentum, dem wir seine Kinder erhalten wollen, aus der großen heißen Liebe für unsere richtungslosen Brüder, die nach einem jüdischen Lebensweg suchen, den sie heute gehen könnten, aus unserer großen heißen Liebe für unsere jüdische Jugend, unsere Zukunft, die wir nur für diesen jüdischen Lebensweg gewinnen können. Und darum haben wir nichts zurückzunehm e n. und nichts Prei 8z u geben von d e m, w a s in unseren Richtliniengeschrieben i st. Und wenn wir eine Erklärung abgegeben haben, so war es — im vollsten, im wörtlichsten Sinne des Wortes — eine Erklärung, d. h. eine Klarstellung gegenüber Entstellungen und falschen D e u t u n g e n, welche a b s i ch t l i ch o der un a b s i ch tlich in si e h i n ein g ele g t w urd en. Denn un.sere Richtlinien Verlässen in keinem wesentlichen Punkte, nicht in religiösen V o r st e ll u n g e n un d n i ch t i n p r a k t is ch er Re l i g i - o n s ü b u n g d e n h i st o r i s ch e n Boden des Judent u ms, unsere Richtlinien geben auch nicht eins der wertvollen Güter und Schätze Ul ns er er r el i g i ose n Vergangenheitpreis-, u n s e r e Richtlinien sprechen n i ch t s a n s, als was in d e n j ü d i s ch e n G e m e i n d e n D e u t s ch la n d s bisher schon seit einem Jahrhundert als liberales Judentum angeseh en war. Uns e r e R i ch t l i n i e n -endlich stellen sich mit aller Entschiedenheit auf den Standpunkt der Einheit* des Juden - t um s und wer sen alle Versuche zur Spaltung, daß heißt zur Schwächung der j ü di s ch e n Gem e i n d e n , a l s u n h e i l v o l l z u r ü ck. Platz für a l l e h a t das Judentum! Platz sür a l.l e, die s ich seine Ki n d e r nennen, und die es als Kinderlieb e n, m ü s s e n d i e M u t t e r, d i e j ü dis ch e G e m e i n d e und das I u de n t u m haben! Aus unserem Platze stehen wir und können nich t v o n i hm w eich en! Wir neh m en nich t s zurück v o n dem, was wir als Wahrh eit und Notwendigkeit erkannt und in unseren Nicht- ' linien ausgesprochen habenund müssen es als Irrtum bezeichnen, w enn man in unseren Worten einen anderen Sinn hat finden wollen. .. A u s unserem S t a n d P unkt stehen wir s e st und können unsere Wahrheit nicht opfern. Wehe, wer um des Friedens willen die Wahrheit Pr eis gibt! . Aber wehe auch, wer beim Eintreten für die W a h r h e i t d e n F rü e d e n v e r m i s.s e n l ä ß t! Und darum haben wir in einem Punkte, der n i ch t d a sft i b e r a l e I u d e n t u m a n sich, s o n d er n nur die Praxis der Rabbiner an g e h t, i n einer Frage, die Xelal Ji-sroe 1, b ie'GesamtheitJsraels berührt, in eherechtlichen Dingen um der Einheit des Judentums willen, die uns über alles geht, um dem Gegner jeden Vorwand z u m A n g r i f f z u entwinden, auch gesagt: „Me i n e Brüder von der anderen Richtung suche ich", u m m i t i h.n e n g e m e i n s a m, w e n n s i e d i e V e.rständigung und den Frieden wollen, einen Weg zu suchen, der bei gutem Willen und dem Gesühb der Verantwortung auch auf jener Seite, hätte gesunden werden können, wie er g esun d en word e n i st vor 1 900 Iah r en von den Schulen Schammais und Hillels, wie er gefunden worden ist vdr 900.Jahren in der Zerstreuung von dem Lichte der Z e r st r e u u n g, von R a b b e n u G e r s ch o m. Aber das ist ja eine der seltsamsten Erscheinungen der ' Geschichte: Eine Wahrheit muß ein Jahrtausend alt sein, ehe sie heilig gesprochen wird. Darum vertrauen wir der Zukunft. Sie wird auch uns einst recht geben. '■ Modriger hangen! Von Nabbiner Dr. Vogelstein, Königsberg i. Pr. as Novemberheft von „Ost und West" brachte einen Aufsatz von Erwin Goldemann über die jüdische Stu- . dentenschaft in Deutschland, in dem es in Sp. 1031 heißt: „Wir wissen aber sehr gut, wie viel noch an der moralisch-geistigen Persönlichkeit des Juden der Gegenwart zu arbeiten ist. Diese Arbeit zu leisten, ist Aufgabe des B. I. E. Er will unserem Volke eine neue Aristokratie erziehen. Eine Gruppe von Männern, die fähig und würdig sind, die ersten der Nation zu sein. Einen moralischen Adel, der mit tiefem Ernst die ganze Fülle seiner Ausgaben erfaßt hat usw." Wie der Verein jüdischer Studenten in Königsberg diese Aufgabe erfaßt, erhellt aus folgendem Schriftwechsel: K ö n i g s b e r g, den 11. November 1912. An den Verein jüdischer Studenten Hier. Von verschiedenen Seiten ist mir mitgeteilt worden, daß hiesige jüdische studentische Vereinigungen Schüler und Schülerinnen zu belehrenden und sonstigen Veranstaltungen eingeladen haben. Die Schulordnung verbietet unbedingt die Teilnahme von Schülern an Vereinen; ganz besonders ist die Teilnahme an Veranstaltungen studentischer Vereine streng verboten. Ich habe' deshalb unseren Schülern streng verboten, etwaigen Einladungen Folge zu leisten. Für dies Verbot waren allgemeine pädagogische Rücksichten sowie die Erwägung maßgebend, daß die Verletzung der Schulordnung von seiten jüdischer Vereine die Haltung der Schulbehörden ' gegenüber unseren Bestrebungen ungünstig beeinflussen, könnte. Ich ersuche daher ergebenst, künftighin Einladungen an Schüler nicht mehr ergehen lassen und die Anwesenheit von Schülern bei den Veranstaltungen des Vereins nicht dulden zu wollen. Hochachtungsvoll Dr. Vogelstein, Rabbiner der Shnagogengemeinde. Ein gleichlautendes Schreiben erging am gleichen Tage an die zweite an der hiesigen Universität bestehende jüdische Studentenverbindung, den K. E. Stammtisch Friburgia. Von der Friburgia habe ich eine Antwort nicht erhalten; mündlich