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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-20 · Heft 51 (20.12.1912) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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, Katz bald -ein großes Ansehen und Politische Wichtigkeit errang. Bor allem in den Jahren des Kampfes um die Größerwerdung der deutschen Flotte stand Katz mit der „Süddeutschen Reichskorrespondenz" im Vordertreffen, und es ist wohl kein 'Geheimnis, mehr, daß unter denen, welche in seinem Organ für die Flottenbestrebungen des Kaisers eintraten, sich kein 'Geringerer ' als Großherzog Friedrich I. selbst befand, der es nicht verschmähte, wo es das Wohl des Reiches erforderte, hier auch zur journalistischen Feder zu greifen und mit überzeugungsvollen Worten auH an dieser Stelle auf die Nation zu wirken. Julius Katz, dejn für seine journalistischen Verdienste um die nationale Sache vom Großherzog der Zähringer Löwenorden 1. Klasse und vom Kaiser der Kronenorden 3. Klasse verliehen wurde, gab noch im Jahve-1907 eine „Auslese aus den Kundgebungen Großherzogs Friedrich I." im Anschluß an das Jubiläum des Fürsten heraus, dem 1908 schon unter dem Titel „In memoriam" eine Sammlung von Kundgebungen anläßlich des Todes des Großherzogs folgen sollte. Im Herbst des nächsten Jahres mußte Katz sich von seiner gesamten Redaktionstätigkeit zurückziehen — ein schweres, geistiges Leiden hielt ihn seitdem in seinem Bann, von dem ihn nun der Tod erlöste. Aber das Bild des vielseitigen Mannes wäre nicht vollständig, wenn nicht auch seiner künstlerischen Eigenschaften gedacht würde, die nicht nur in seiner schwungvollen Art des Schreibens zum Ausdruck kamen, sondern vor allem in seinen musikalischen Kompositionen zutage traten. Er war in seiner Jugend nicht umsonst der Schüler des böhmischen Meisters Smetäna gewesen. Sein Kompofitionstalent war lebhaft und reich, und immer wieder, wenn er es auch zeitweilig unter den Politischen Arbeitern zurückstellte, brach es durch. Er schrieb ernste Musik für Klavier, Violine und Cello. Eine Sonate trug ihm früh den Mozartpveis eiy, eine Suite für Violine Prangte auf den Programmen erster Geigenkünstler. Aber den. ganzen Reichtum seines Gemütes legte, er in den zahl-. reichen melodischen und feinsinnigen .Liedkompositionen nieder, die seinem Herzen in den letzten gesunden Jahren entquollen. So leicht flössen ihm die Melodien, daß er des öfteren erst mittags das Gedicht las, das er komponieren wollte, weil es abends schon öffentlich gesungen wurde. Die bekannte Konzertsängerin Marie Stägemann, Ada v. Westhoven, Käthe Warmersperger, Hans Bussard u. a. haben seine Lieder, oft noch naß, vom Blatt gesungen und immer reichen Beifall damit geerntet. Manch einer unserer badischen Dichter ist so vertont worden. Daß er nicht musikalisch einseitig war, zeigt auch die Vorliebe des Smetana-Schülers für Wagner, dessen erste „Tristan"-Aufführung in Mannheim ihn zur Herausgabe einer kritischen Studie veranlaßte. Nun hat er den letzten Zoll des Lebens zahlen müssen, schwerer als viele andere, er, der Lebensfrohe und allzeit Hilfsbereite, der für jede fremde Not ein so offenes Herz hatte. Aber unter seinen Freunden und in dem großen Kreis derer, die in seiner Schaffenskraft ihn kannten, wird die Erinnerung seinen Tod überdauern. Die Trauerfeier fand am 9. d. M. unter großer Beteiligung in Anwesenheit von Mitgliedern der obersten Staatsbehörden im .Leichenhaus des israelitischen Friedhofs statt. Rabbiner Dr. Appel hielt eine längere Ansprache, in der er ein treffendes Charakterbild des Verstorbenen zeichnete, dessen Wirken als Publizist, Mensch und Familienvater er in zu Herzen gehenden Worten schilderte. Dann sprachen Chefredakteur Amend und einige andere. Der Feier in der Halle schloß sich eine Andacht im Krematorium an. Orgelklänge umrahmten die Worte des Geistlichen, dann wurde der Sarg mit der irdischen Hülle des toten Freundes und Kollegen der Flamme übergeben. — Der Großherzog und die GroMerzogin richteten herzliche Beileidsschreiben an die. Hinterbliebenen. I Lur Verteidigung der Lichtlinien. Aus einer Predigt des . Herrn Rabbiners C. S e l i g m a n n , in Frankfurt a. M. (7. Dezember 1912.) er die Motive und. die Ziele, die Bestrebungen und die Erfolge des liberalen Judentums verstehen und mit gerechtem Maße messen will, der frage sich einmal mit allem vorurteilslosen sittlichen Ernste: Wer hat das Wort: „Meine Brüder suche ich" , zum Leitwort und Myhnwort. sich gemacht und mit diesem Zauberwort unendlich viele verlorene Brüder und Schwestern wieder gefunden und herangezogen und dem Judentum erhalten, die sonst rettungslos dem Ab? fäll preisgegeben worden wären? Wer hat die Probleme .und Schwierigkeiten der jeweiligen jüdischen Gegenwart angefaßt und mit ihnen gerungen und sich nicht damit begnügt, immer nur ratlos und tatlos rückwärts zu schauen?. Wenn kein liberales Judentum wäre, wie viele Juden zählte dann noch das deutsche, das europäische, das ameriß kanische Judentum? Wenn jeder, der nicht „traditionell? gesetzestreu" ist, kein Jude mehr wäre öder ein minderwertiger;,' ein sündiger Jude trotz feiner heißen Liebe, feiner opservollen^ Treue — wie viele Juden oder wie viele gute nichtsündige^ Juden zählte noch das Judentum? Wie bald würde das' Häuslein der Gesetzestreuen in den Ländern der Bildung zusämmenschmelzen, und der Tag wäre nicht fern, da zuletztj nur noch die Rabbiner selbst, eine neue Priesterkaste, übrigblieben! ...... Denn „sie haben, sich sürtgewandt", die Kinder Israels^ unsere Brüder, von der alten Väterweise. Sie haben sich: endgültig abgewandt seit einem Jahrhundert in immer wachsender Zahl, von Generation zu Generation, vom gesetzestreuen Judentum als notwendige, unausbleibliche Folge der neuen Lebensbedingungen. ,,i Sollen wir in solcher schicksalsvollen Zeit nichts weitervermögen als wehklagen und. jammern über den Verfall und untätig zusehen, wie Geschlecht um Geschlecht dem altsrommen Judentum verloren geht und sich dem Nichts in die Arme wirft? Dem öden, schauerlichen Nichts, aus dem der jüdische Jndisserentismus und der. schmähliche Abfall seit hundert Jahren seine unerschöpflichen Scharen gewinnen? - Wehe uns, wenn wir nichts anderes zu tun vermöchten^ zu tun versuchten! Aber ein mächtiges Gefühl der Verantwortung treibt uns, da wir mit sehenden Augen und hörenden Ohren und mit brennendem Herzen auf dem vordersten Posten stehen, einzugreisen in das träge Gehenlassen der Dinge, uns nicht treiben zu lassen willenlos von dem trostlosen Schicksal, sondern unser jüdisches Schicksal selbst zu bestimmen. - Wir liberalen Rabbiner kämpfen um jede Seele unserer Gemeinschaft, um jedes Kind unserer Jugend,'wir schassen neue jüdische Werte für unsere jüdische Gegenwart, und — wir erleben es Tag für Tag, wie wir die Entfremdeten wiedergewinnen. Langsam, schrittweise geht unsere Siegesbahn. Und sie hören es, sie fühlen es, sie antworten uns; bald lauter, bald leiser klingt uns ein Echo entgegen, wenn wir hinausgehen und rufen: „Meine Brüder suche ich!" Aber — das ist es ja, was uns wie ein Ruf Gottes treibt zu unserm Werke — nur das Judentum, das wir predigen^ das wir lehren, hat die Kraft, unsere Gemeinde dem- Judentum zu erhalten und wiederzugewinnen.. , Und darum wehren wir uns dagegen, wenn wir als solche verschrien werden, die es mit dem Judentum weniger gut meinen als die anderen. Denn wir sind uns bewußt, daß wir es besser mit ihm meinen als diejenigen, von denen es heißen könnte: „Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren

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