Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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. . Interessant wäre es, über die Fragen des Schul- und des ..Finanzrechtes in Einzelheiten einzugehen. Dies Würde aber ' über den Rahmen dieser Besprechung hinausgehen. Die vorstehenden Ausführungen sollen nur dazu dienen, kenntlich zu machen, in welch reichem Maße rechtliche, politische, religiöse und wirtschaftliche Fragen in Heimbergers Werk behandelt 'werden. . - Wenn in einzelnen Punkten abweichende Ausfassungen geltend gemacht wurden gegenüber den Darlegungen Heim- , bergers, so soll dadurch aber in keiner Weise das Verdienst geschmälert werden, das sich Heimberger durch die überaus, gründliche und umfassende Bearbeitung einer schwierigen Materie erworben hat. Vielmehr wird sich jedem Leser des Werkes und Kenner der Verhältnisse der Eindruck ausdrängen, daß hier mit Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit eine- Materie durchforschte ist, über die .es bisher eine züsammenfassende Arbeit nicht gegeben hat. - - - : Dir Woche. Berlin, den 17. Dezember 1912. ■ fyf us Bayern wird uns geschrieben: Am Frühmorgen des 12. Dezember ist, hochbejahrt, der überall angesehene Senior der deutschen' Bilndessürsten und der Monarchen der 'Gegenwart überhaupt, P r i n z r e g e n t L u i t p o l d von Bayern, nach ganz kurzem Krankenlager infolge der Komplikation mehrfacher, kleiner Leiden mit Herzbeutelwassersucht, in der Hauptstadt seines Landes, dem von ihm vielseitig geförderten München, gestorben. Der allbeliebte Herrscher war nicht nur bei alt und jung, bei hoch und niedrig, in allen den verschiedenen Bevölkerungsschichten des von ihm unter schwierigsten Verhältnissen 1886 in Obhut genommenen Staates überaus beliebt, wozu seine dauerhafte Leutselig- und Volkstümlichkeit den Grund gelegt, sondern er. wirkte als durchaus konstitutioneller Landesvater IMr den schroffen Gegensätzen und scharfen Kämpfen der politischen Parteien und konfessionellen Gemeinschaften gerecht, ausgleichend und völlig objektiv. So kommt es auch, daß, trotz wiederholter eifriger j u d e n h e tz e r i s ch e r Agitation und einesstarken antisemitisch en Einschlags nicht'bloß in der nun seit Jahren in Bayern, maßgeblichen ultramontanen Zentrums- Partei, sondern auch innerhalb der verschiedenen liberalen Organisationen, im zweitgrößten Bundesstaate die v e r - . fassungs m üs; ig garantierte Gl e i ch b e recht! - g u n g der Bekenn er des i s r a e l i t i s ch e n Glaubens über Vas Formale hinaus beobachtet und beispielsweise in der Zulassung zu Staatsst e l l e n, w i e sie ihnen anderwärts i m D e u tschen Reiche meist verschlossen bleiben, sowie sozial durchgesührt worden ist. Zweifellos hatte das jetzt 91-Xjährig verstorbene allverehrte Staatsoberhaupt daran ebenso persönlichen Anteil wie sein Vorgänger König Ludwig II. Es wäre gut, wenn man ähnliche Urteile aus allen anderen Bundesstaaten registrieren könnte. Immerhin freut es uns, einige Anzeichen vom Schwinden des Antisemitismus oder von offiziellem Auftreten gegen antisemitische t u s s ch reitu n g e n Kunde geben zu können. Das „Berliner Tageblatt" schreibt: V Die Zurückweisung jüdischer Medizinälprakiikanten in Britz und Lübeck Hot den Reichstag noch einmal beschäftigt. Wie erinnerlich, hatte der dirigierende Arzt des Britzer Kreiskrankenhauses, Dr. Schneider, einen jüdischen Bewerber um die Praktikantenstelle mit der Begründung abgelehnt, daß seine Assistenten nicht mit jüdischen Kollegen im Kasino zu verkehren wünschten. Auf eine Eingabe der Berlin-Brandenburger Aerztekammer hatte der Modizinalminister zwar das Verfahren des Dr. Schneider beanstandet, dem Britzer Krankenhaus aber nicht die Ermächtigung zur Beschäftigung von Praktikanten entzogen. Eine Eingabe des Aerztekammerausschusses aus, Grund der Beschlüsse aller preußischen Aerztekammern beschied der Reichskanzler abschlägig. Nunmehr hat eine Petition des Geschüstsausschusses der Berliner ärztlichen Standesvereine den Reichstag beschäftigt. In der Petitionskommission beantragte der Referent, der antisemitische Abg. Bürckhardt, Uebergang zur Tagesordnung. Die Kommission beschloß aber mit allen gegen zwei Stimmen, die Petition dem Reichskanzler zur Berücksichtigung 'zu empfehlen. Der Reichstag trat in seiner Sitzung vom 26. November diesem Beschluß ohne Debatte bei. Danach soll in die Prüfungsordnung für Aerzte ein Passus ausgenommen werden: „Die Ablehnung eines Kandidaten durch die Anstalt darf nur erfolgen, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. . Die Ablehnüng .aus konfLfsionellen Gründen ist nur seitens derjenigen l Anstalten?zulässtgMiL; im Verzeichnis der ermächtigten Kremchnhäuser als 'konfefsiyjwWbtzzeichnet sind. Dem Kandidaten.ist der Grund der Ablehnung schriftlich mitzuteilen. Gegen die Ablehnung steht dem- Kandidaten Beschwerde an die Zentralbehörde (Z 59 ^Absatz 2) zu, welche endgültig entscheidet." - . Ferner enthält die „Frankfurter Zeitung" nachstehende Notiz: - . In letzterer Zeit werden wieder in den Zügen und auf verschiedenen Bahnhöfen antisemitische Flugblätter und Schriften verteilt, die in der üblichen hetzerischen Tonart gehalten sind. Auch aus der Stadtbahn wird dieser Unfug getrieben teils durch Nied,erlegen der Zettel in die Abteile, teils durch Ankleben an die inneren Wagenwände. Teils.werden auch Zeitungen mit den Schmähzetteln beklebt und diese dann iit beit Abteilen der Züge niedergelegt. Auf Anzeige des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat der Eisenbahnminister an sämtliche Eisenbahndirektionen einen Erlaß gerichtet, wonach Stations- und Fahcpersonale angewiesen werden, rücksichtslos gegen die Verbreiter derartiger Flugblätter vorzugehen und sie sofort entweder der Polizei, zu überliefern oder ihre Personalien festzustellen, und sie dann selbst zur Anzeige zu bringen. . Dagegen meldet dieselbe Zeitung ausHessen folgenden unglaublichen Vorfall: Bei der Wiederherstellung der evangelischen Kirche in Georgenhausen im Kreise Dieburg wunde zur Erinnerung au die Kriegsveteranen des Feldzugs 1870/71 eine Gedenktafel mit den Namen der Kriegsteilnehmer angebracht. Es hat nun, namentlich in den Kreisen der alten Krieger, unliebsames Aussehen erregt, das; der Name des jetzt noch lebenden Veteranen Nathan Schack, der Israelit ist, aus der Tafel fehlt. Diese übelangebrachte antisemitische,..Manifestation,.die den Protest des Kriegervereins wie aller rechtlich denkenden Bürger des Ortes hervorruft, ist, wie erzählt wird, auf den Ortspsarrer zurückzusühren, der die Weglassung des jüdischen Veteranen damit begründet habe, daß „der Name eines Juden nicht in eine protestantische Kirche gehöre". (Es gibt Kirchen, in denen sich Fenster, Orgeln und sogar Altäre befinden, für die Juden das Geld her-gegeben haben, sollte da die Anbringung des Namens eines Mannes, der den Krieg mitgemacht hat, etwas Anstößiges sein? Auf welche Abwege doch antisemitische Gesinnung zu führen vermag! D. Red.) Während in Deutschland die Jugendvereine unter den Juden blühen und auch in Kreisen, die bisher dem Judentum ganz fern standen, Kenntnis der jüdischen Literatur und Geschichte und damit Liebe zum Judentum verbreiten, war in F r a n k r e i ch von solchen Bemühungen bisher nicht die Rede. Darum ist es froh zu begrüßen, daß, wie der „Univers israelite" berichtet, sich auch in Paris jüdische Jünglinge, meiste Studenten, zu einem - Bunde zusammenzuschließen gedenken. Wir werden die Weiterentwicklung-dieser -Angelegenheit mit Interesse verfolgen und unseren Lesern darüber berichten. ch Die Wahrheit über S a l o n i k i ist doch wohl,- daß schlimme Ausschreitungen seitens mancher Soldaten begangen worden sind, daß aber die Gebildeten und die BchöVde'n''de.n fchlimüren Eindruck dieser Bestrebungen zu verwischen, bestrebt sinöi. So hat ein griechischer Dichter Madzukas die Juden Salonikis