Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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W. Posen, 6. Dezember. Die Dereinsverbände innerhalb der Shnagogengemeinde beabsichtigen einen hebräischen Sprachkursus ins Lebens zu rufen, deren Leitung die Herren Rabbiner Blum und Dr. Joseph Feilchenseld unterstellt werden soll. Es soll ein Kursus für Ansänger, sowie ein solcher für Fortgeschrittene und, falls erforderlich, noch ein Mittelkursus eingerichtet werden. Der Unterricht ist unentgeltlich. — Die anregenden und belehrenden Vorträge des Rabbiners Professor Dr. Bloch über „Geschichte des Judentums" -finden auch in diesem Winter statt. — Ein seltenes Jubiläum feierte der Inhaber des ältesten Beleuchtungsgeschäftes am Platze, der Kaufmann M. Bendiz, nämlich das 45jährige Bestehen seines Geschäftes verbunden mit dem 70. Geburtstag. — Zum Handelsrichter ist Herr Bankdirektor Dr. Wilhelm Wolfs und zu stellvertretenden Handelsrichtern sind die Herren Bankdirektor Salo Schmoschewski und Kaufmann Hermann Loevh wiederernannt worden. - Der früher in guten Verhältnissen lebende Kaufmann Hirsch, welcher jahrelang ein rentables Herrenkonsektionsgeschäft betrieb, erlitt durch die Verdächtigung in der Musialschen Sache des Ritualmordes solch große Nachteile, daß er gezwungen war, sein Geschäft auszugeben. Einer der Beleidiger wurde gerichtlich zu einer Sühne von 400 Mark verurteilt. Außerdem mußte die Beleidigung mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückgenommen und Herr Hirsch um Entschuldigung gebeten werden. G. Ans Oberschlesien, 4. Dezember. Am 20. v. M. fand in Kattowitz eine aus ganz Oberschlesien beschickte Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt. In der. Delegiertenversammlung referierte Dr. Gold mann - Oppeln über „Richtlinien für die zukünftige Propaganda", Justizrüt Salinger- Oppeln und Rechtsanwalt Kochmann -Gleiwitz über interne Angelegenheien. Abends sprach in überaus stark besuchter öffentlicher Versammlung Justizrat E. F uchs - Berlin über „Die Zukunft der Juden". Er legte im wesentlichen das dar, was die Mitglieder des Zentralvereins aus der vortrefflichen Rede, die im „Deutschen Reich" abgedruckt war, kennen; als beachtenswert ist hervorzuheben die wohlwollende und entgegenkommende Art, in der er sich über das ° Verhältnis zum Zionismus äußerte. Er wies eindringlich daraus hin, daß die Bestrebungen des Zionismus, soweit sie sich auf das Philanthropische beschränken, unser aller Unterstützung finden können, bis dahin könne man zusammen gehen; indes trennen sich unsere Wege von dem Punkte an, wo der Zionismus ein „jüdisches Nationalgefühl" propagiere. Für die Wegstrecke, die man gemeinsam gehen könne, solle man alles Trennende beiseite lassen. In der darauf folgenden Debatte ereigneten sich turbulente Szenen. Herr Arnold Wiener-Kattowitz — und die z u - fällig in Kattowitz anwesenden Herren Ass. Friedman-Berlin und Dr. Sandler- Breslau — nahmen das Wort, um in zum Teil stundenlanger Rede gegen Fuchs und für Sornbart Stellung zu nehmen. Selbstverständlich, daß man wieder einmal Ausführliches über die Ziele des Zionismus vernahm, für Kenner der oberschlesischen Verhältnisse auch weiter nicht verwunderlich, daß das bescheidene Wort fiel, Zionismus und Judentum seien identisch, wer Jude sein wolle, müsse Zionist sein. Unverständlich dagegen war diese heftige Polemik gegenüber dem versöhnlichen, allzu versöhnlichen Ton der Fuchsschen Rede, auf den nur Dr. Friedmann einging. Rabbiner Dr. Goldschmidt - Königshütte geißelte in vollendeter Weise, sarkastisch und doch wuchtig, das zersetzende, ruhestörende Auftreten des Zionismus in OÜerschlesien; jeder Satz saß wie ein Peitschenhieb. Die Rede wurde von den Zionisten mit heftigen Zwischenrufen begleitet, und als der Redner dabei auch die Angelegenheit berührte, - die sich jüngst zwischen „Israelit" und Zionismus abgespielt hatte, da erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm — Trampeln und Schreien, „Unwahrheit" wurde dem Redner zugerusen, — so daß Dr. Goldfchmidt aufs Weitersprechen verzichtete. Ein Vorgang, der auch bei denen, die bisher den Zionismus vornehm ignorierten bzw. ihn tolerieren zu dürfen glaubten, heftigste Entrüstung hervorgerusen hat. Wer diesem wüsten Auftritt beigewohnt, mußte zu der Ueberzeugung kommen, die anläßlich des letzten Gemeindetages an dieser Stelle ..geäußert wurde: Die tragen dem demagogischen Element keine Rechnung, die, da glauben, mit dem Zionismus Paktieren zu dürfen. - Darüber hat die zionistische Antwort aus die Fuchsfche Rede in Oberschlesien erfreuliche Klarheit geschaffen. Es gibt in der starken jüdischen Bevölkerung Oberschlesiens auch außerhalb des Zionismus starke Gegensätze, ohne daß diese aber einer-gemeinsamen Ausübung überaus reicher praktischer Arbeit hinderlich gewesen wären. In dieses friedvolle, arbeitsfreudige Gemeinwesen ist aber durch die Herren, deren vratorische Leistungen in Oberschlesien im umgekehrten Verhältnisse zu ihren Praktischen stehen, ein neuer Ton hineingetragen worden. Zwar-geht die ruhige, sachliche Arbeit im stillen weiter; was sich aber jetzt -in der Öffentlichkeit breit macht, ist eine widerliche, aufdringliche Polemik, die bereits Zwiespalt und Unruhe in den Gemeinden gesät hat. Darin besteht das unbestrittene Verdienst des Zionismus in Oberschlesien. 2X2 Bernstadt, 6. Dezember. Eine in allen Schichten der Bevölkerung unserer Stadt hochangesehene und überaus hochgeachtete Persönlichkeit, die viel für das Allgemeinwohl getan, Herr Kaufmann Josef Es rem, beging am 29. November das goldene Bürgerjubiläum. Durch Uebersendung eines herrlichen Blumenarrangements und eines in herzlichen Worten gehaltenen Glückwunschschreibens wurde der Jubilar von der Stadt, der er 28 Jahre als Vertreter angehört, geehrt und gefeiert. Am 3. d. M. feierte Herr Efrem mit seiner Gattin, einer Esches chajil im wahrsten Sinne des Wortes, das goldene Ehejubiläum, und von allen Seiten gingen dem Paare die innigsten Glückwünsche zu. Das allverehrte Paar ist der Stolz und die Zierde unserer Gemeinde. — Liegnih, 6. Dezember. Die Hundertjahrfeier der hiesigen Shnagogengemeinde fand am 27. v. M. durch einen Festakt in der Synagoge statt. In dem festlich geschmückten Gotteshaus hatten sich u. a. eingesunden: in Vertretung des Regierungspräsidenten Ober-Regierungsrat B a r t e l s und Negierungsrat Grosse, als Vertreter der Stadt Erster Bürgermeister C h a r b o n n i e r, Stadtverordneten-Vorsteher-Stellvertreter Justizrat S ch m e i d l e r und viele andere Mitglieder der städtischen Körperschaften, Ehrenbürger Geh. Negierungsrat Oertel, Vertreter der Geistlichkeit der anderen Konfessionen, die Direktoren der höheren Lehranstalten, die Vertreter der Filialsynagogengemeinden Löwenberg, Jauer und Hahnau, Vertreter der Presse usw. Nach dem Chorgesang „Wie lieblich sind deine Wohnungen" begrüßte der erste Gemeindevorsteher, Kaufmann Ludwig D a n z i g e r, die Erschienenen. In der Festpredigt wies Rabbiner Dr. P e r i tz auf die Bedeutung des Tages hin. Mach dem Gebet für Kaiser und Reich beglückwünschte Ober-Regierungsrat Bartels namens der Staatsregierung die Synagogengemeinde, aus der viele loyale und treue Staatsbürger hervorgegüngen. Erster Bürgermeister Charbonnier überbrachte die Glückwünsche der städtischen Behörden und betonte dabei, daß aus der jüdischen Gemeinde stets verdienstvolle Männer für die Verwaltung der Stadt hervorgegangen und solche auch heute noch im Segen darin tätig seien. Stadtrat Mar ck aus Breslau gratulierte namens des Bezirksverbandes Breslau-Liegnitz. Chorgesang schloß die Festseier, die auf alle einen tiefen Eindruck machte. — Abends fand im Schießhause ein Festessen von 300 Gedecken statt,, an das sich lebende Bilder aus dem altjüdischen Familienleben (von Oppenheim) und Tanz anschlvssen. Bei dem Festessen wurde auch eine Stiftung von 4000 Mark zu wohltätigen Zwecken überreicht. M. Hamburg, 6. Dezember. Das R e p r ä s e n t a n t e n k o l l eg tum der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt im Gemeindebureau, Kaiser-Wilhelm-Straße, eine Sitzung unter Vorsitz des Herrn Jacob Alexander ab. Zunächst wurde ein Antrag des Gemeindevorstandes auf Einsetzung einer gemischten Kommission zur Beratung eines Statutenentwurfs für das Siechenheim und die Pslegestätte der Deutsch-Israelitischen Gemeinde angenommen. Gleichfalls genehmigt wurde der Antrag, dem Israelitischen Unterstützungsverein für Obdachlose zur Besoldung eines zweiten Beamten bis aus weiteres eine Beihilfe von 300 Mark pro Anno, und zwar schon für das Jahr 1913, zu bewilligen. Es wurden insgesamt an Beihilfen für hiesige und auswärtige Wohltätigkoitsvereine und gemeinnützige Institutionen rund 22 000 Mark bewilligt. Außerdem wurde dem Gemeindevorstand ein Betrag von 1000 Mark für Zuwendungen an hiesige und auswärtige Wohltätigkeitsinstitute in Beträgen bis zu je 100 Mark zur Verfügung gestellt und für „Unvorhergesehene Ausgaben", ein Posten, der auch für Wohltätigkeitszwecke verwendet wird, 2500 Mark bewilligt. Das wit einem Fehlbetrag von 24 000 Mark abschließende Budget wurde dann mit einigen unwesentlichen Aenderungen genehmigt. Der Antrag des Gemeindevorständes: „Das Repräsentantenkollegium. wolle seine Zustimmung dazu erteilen, daß die Gemeindesteuer für die Beitragspflichtigen pro 1913 bis zu rin Prozent des jährlichen Einkommens/ausgeschrieben werde", wurde ohne Debatte einstimmig angenommen.