Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Es waren einmal zwei Schneider gewesen, die nach Prag kamen. Sie kamen aus Eibenschütz in Mähren; sie waren sechs Jahre zusammen gewandert, hatten in verschiedenen Städten gearbeitet und wollten sich jetzt in Prag für immer niederlassen. Am Schlagbaum vor der Stadt Hielt sie der Torwächter an und verlangte ihre Reisepässe. Er las die Beschreibung des ersten. Nase: spitzig; Augen: braun; Stirn: hoch; auf dem ersten Blick aber sah er schon, daß die Nase platt, die Augen grau und die Stirne niedrig war. „Mensch, wie kommst du zu dem falschen Paß?" schrie der Hüter des Gesetzes vor Wut förmlich schnaubend. „Hochgeborener Herr leben", antwortete der Schneider bebend. „Ich komme aus Eibenschütz, aber der Sitz meiner Regierung ist doch äwadde in Krummau, und da Hab ich gemußt ä Agenten nehmen, was hat mir noch abgenommen ä Gulden, und hat mir dafür geschickt den Paß. Und hat er mein Ponim nicht richtig beschrieben, so is doch nur der Agent allein Schuld, was hat mir noch abgenommen ä Gulden-; und esscher hat er ihn gemacht aus seinen Kopf heraus, denn ich bin doch nicht dabei gewesen, als man ihn gemacht-," Der Wächter ließ diese wahrscheinliche Ausrede gelten und übergab dem Manne einen Passierschein nach der frommen Kille, nach der wunderschönen Hauptstadt Böhmens, Nun kam die Reihe an den zweiten Schneider. Als der Wächter zu der Stelle kam: Besondere Kennzeichen: keine, da fing er an wie ein gefangener Löwe zu brüllen, und seine Zornesader schwoll gar mächtig an. Denn der Schneider hatte gerade aus seiner Nasenspitze eine Warze wie eine Haselnuß groß, die mit einem Büschel Haar gekrönt war, so daß es wie ein bewaldeter Hügel aussah. „Mensch!" schrie er, puterrot im Gesicht. „Wie konnte nur der Schreiber, der deinen Paß ausgesertigt, die Warze an deiner Nase übersehen haben? Oder warst du vielleicht auch abwesend, als er ausgefertigt war?" „Oh, nein; ich bitte tausendmal gütigst um Entschuldigung, gnädigster Herr Offizier! Ich war so glückselig, daß er meinen schlechten Fehler nicht gesehen, denn ich versuchte es, so gut es ging, hinter meinem Taschentuch zu verstecken. Ist es nicht schon Busche genug, daß man hat eine solche Warze gerade in der Mitte des Gesichtes-soll sie auch noch in den Paß hinein gemalt werden-?" „Dein Paß ist falsch und du bist ein Betrüger", entschied der Hüter des heiligen Nepomok. „Du warst zugegen, als der Paß geschrieben wurde, und es war daher deine verd. Pflicht und Schuldigkeit, den Schreiber auf deine Warze ausmerksans zu machen; da du es aber unterlassen, bist du ein Betrüger, und kommst aus acht Tage ins Loch-!!" „Und auch mit diesem, deinem Paß", fuhr Reb Schmelke Stechnessel fort, auf Onkel Moses berühmten Leichenstein zeigend, „wird man dich osser in jene Welt hineinlassen-! Jene, die hier ruhen, können nicht dafür, was man auf ihre Steine hinschreibt-; doch du, du bist doch dabei und gibst es zu, daß man von dir eine falsche Beschreibung macht-, ist dieses gerecht, ist dieses anständig-? Ich frage dich, mein Freund, ist deine Eitelkeit, dein Begehren nach Eigenlob, nicht wie abscheuliche Warzen, die alle zuvor beseitigt werden müssen, ehe man sagen könnte, daß das Bild'dir ähnlich ist? Oh,. Menschen, Menschen! wird denn die Prahlerei, die Eitelkeit nie aufhören? Soll sie noch jenseits des Grabes andauern? Wagt man es sogar die Lüge in dem Leichenstein, ich möchte sagen, in dem Meilenstein einzugravieren, der aus der Grenze steht, die diese Welt von jener Welt scheidet-? Drei Tage später, nachdem Reb Schmelke Stechnessel abgereist war, stand Onkel Moses wiederum bei dem Steinmetz in der Werkstätte und sah es mit Wonne an, wie der hölzerne Hammer mit wuchtigen Schlägen aus den Meißel nieder¬ 599 -— sauste, um aus dem berühmten Leichenstein die häßliche Warze wegzuschlagen und ihn glatt wie ein neugebornes Kind herzustellen — —. Nach dem Tode Onkel Moses fand man im Geheimfach, unter feinen Wertpapieren folgende Inschrift: Hier ruht Moses Kurhahn Gestorben am .... Tage des Monats .... im Jahre .... „Friede seiner Asche". r-LMek Mersrilchk Mitteilungm. — Der Balkankrieg gab einem ausgeruhten Kopfe Veranlassung, eine längst bekannte Stelle aus dem Sohar neu zu entdecken und unter der Ueberschrift „Kabbalistische Prophezeiung" der Welt mitzuteilen, daß der gegenwärtige Krieg vom Verfasser des Sohar im voraus verkündet worden sei. „Man lese nur den Abschnitt „Wajera" nach, wo über diese merkwürdige Erscheinung ausführlich berichtet und im Hintergründe aus die Ankunft des Messias angezeigt wird." Da nun diese zuerst in ausländischen Blättern erschienene Notiz auch von einigen jüdischen Zeitungen in Deutschland reproduziert wurde, unterzog sich der greise Professor A. Berliner der Mühe, diese Soharstelle, aus die übrigens schon Leopold Zunz (Ges. Schriften III, S. 227) hinweist, wissenschaftlich zu beleuchten und mit Recht darauf hinzuweisen, daß Israels wahre Weisen von jeher diejenigen verwünscht haben, die sich mit derartigen Berechnungen befassen, die, da solche Verkündigungen doch nicht eintreffen, nur Mutlosigkeit und Abfall bewirken. Prof. Berliner schreibt hierüber in der vorletzten Nummer der „Jüd. Presse": „Führen wir nun den Wortlaut im Sohar in ungefährer Uebersetzung an: Anfangs der 60 Jahre nach dem Beginne des sechsten Jahrtausends (also 5060 — 1300) wird der Gott des Himmels die Tochter Jakobs bedenken, und von da ab 6 % Jahre später wird die Geburt in die Erscheinung treten und dann" 6 Jahre weiter, somit 72K Jahre (nach dem Beginne des sechsten Jahrtausends), also 5072. Aber bereits im Jahre 66 (also 5066) wird sich der Messias im Lande zeigen, nämlich in Palästina (über die Kämpfe dort zwischen Jsmaet und Edom siehe näheres im Sohar Abschnitt fcOKl gegen Ende). Ein Stern erscheint im Osten, der die sieben Sterne von Norden her verschlingt. Eine schwarze Feuerflamme erscheint am Himmel sechzig Tage hindurch; nach Norden hin entwickeln sich Kämpfe, zwei Könige fallen, und alle Völker vereinigen sich gegen die Tochter Jakobs, um sie aus der Welt zu stoßen. Hieraus beziehen sich die Worte des Propheten Jeremia (30, 7). „Und eine Zeit der Bedrängnis ist es sür Jakob, dennoch soll ihm daraus geholfen werden." Ferner im 73. Jahre (des 6. Jahrtausends, also 5073) werden sich alle Könige der Welt in der großen Sjadt Rom versammeln, und Gott wird aus sie bringen Feuer, Hagel und Meteorsteine und sie untergehen lassen, außer jenen Königen, die sich dort nicht eingefunden hatten und für die letzten Kämpfe zurückblieben. Und da, in jener Zeit, wird der Messias erscheinen in der ganzen Welt und viele Völker und Heere ans allen Teilen der Erde um sich sammeln, und alle Kinder Israel verharren an ihren Orten, bis das Jahrhundert vollendet sein wird." Hier mögen meine Auszüge aus dem Soharbnche enden; denn sie genügen, um den Beweis zu liefern, daß in demselben von unserm gegenwärtigen Jahresdatum durchaus nicht die Rede ist. Nur auf den EHn ^iNliZum Abschnitt pbsfßi noch hingewiesen, worin ebenfalls die Anzeichen, wenn auch etwas variiernd, für die Ankunft des Messias geschildert werden, ausdrücklich aber ebenfalls für die Jahre 60 und 70 nach dem Beginne des sechsten Jahrtausends. Haben seine Weissagungen bereits in der Zeit, für die sie niedergeschrieben wurden, keine Geltung gehabt, um so weniger in unserem-Jahrhundert, das wir 600 Jahre später zählen. — Es wäre aber unrecht von mir, von noch gebuchten Hoffnungen zu schweigen, welche uns oder den kommenden Geschlechtern bleiben, wenn auch das Jahr 1900, dem Buche zufolge ein Erlösungsjahr, spurlos vorübergegangen ist. So verlegt Joseph Jachia in seinem Buche U2VÜ2 2NX auf das Jahr 1940 die Erlösung; noch weitergehende Daten verzeichnet Zunz (a. a. O. S. 231). Wir wollen aber ruhig ausharren, bis die vollendete Erlösung eintritt, vor: der wir heute im Jahre 1912, nach den Verheißungen des Propheten Jesaja' 11, 8 u. 9, immer mehr entfernt sind. Was der