Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229066--69031-3281321- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gegenteil wiederholt bestätigt zu finden. In der dritten Klasse der Schule zu Tantah fanden wir 30 Schüler im Alter von 8—10 Jahren, die — mit Kopfbedeckung — den Wochenabschnitt (Wajera) mit der Neginah lasen undübersetzten und sich zum Teil auf Grund des Unterrichts in hebräischer Sprache verständigen konnten, in dieser Sprache uns auch Fragen aus der biblischen Geschichte gut beantworteten. Nachdem wir noch unter Führung des Direktors Alphandarh die berühmte Moschee in Tantah besuchten, die dem Andenken des Wundertäters Said el Bedawi geweiht ist und wo Hunderte arabischer Jünglinge, aus dem Boden kauernd, den Koran mit seinen Kommentaren eifrig studieren, trafen wir am selben Abend im eigentlichen „Mizraim", in Kairo, in der Nähe der Pyramiden ein. Chsnukks. A ch wie harrten im Winter wir Kinder froh und beklommen, Wenn.das Chanukkafest mit den Liedern und Lichtchen gekommen. Damals galt als härteste Strafe für kindliche Sünden: Wer nicht brav war, durste am Leuchter kein Flämmchen entzünden. Uns gehörte die Nähe, das glänzende Sternengewimmel, Aber am achten Tage glänzte wie nie unser Himmel! Dann gab es Geschenke, das ganze Haus war voll Gästen, Ja das Chanukka war das schönste von unseren Festen. Anders war es, ganz anders, in jenen behüteten Jahren. Heut , kämpft jeder in der Welt mit seinen Gefahren. Doch ich weiß es vertrauenden Herzens: Auch meine Knaben Werden ihr Chanukkaglück und die Lichter zu Hause haben. Denn sie sollen im Glanz unsere Feste zu Jünglingen reifen Und den dichtenden Sinn unserer stolzen Geschichte begreifen, Ihren kämpfenden Vätern verwandt im Blute sich wissen Als ein Glied jener ehernen Kette, die niemals zerrissen. Nur d i e Männer ftnb aufrichtig und werden im Sturm nicht stranden, Die als Kinder im Heim auf heiligem Boden gestanden. Oeorg J. Plotke. ‘ Ein flusbund der Eitelkeit. Aus dein Englischen von M. P u l v e r m a n n. 0nkel Moses Kurhahn war ein berühmter Talmudist und ein scharfsinniger Gelehrter, wie man einen zweiten im siebenmeiligen Umkreise von Tarnow so leicht nicht hätte auffinden können. Aber er besaß auch die Mittel, um sich seinem Lieblingsstüdium mit allem Eifer hingeben Zu können: denn hinter dem hohen, breiten Bücherschrank, vollgefüllt mit großen und dicken Folianten, befand sich auch ein Geheimfach, das eine Anzahl buntfarbiger Wertpapaiere enthielt, von denen er halbjährlich, am Erew-Pessach und Erew- Rosch-haschono, mit der großen Schere kleine Streifen schnitt, die er in Kurant umwechselte. Im ganzen Talmudgab es keine Frage, und wäre sie noch so verzwickt, die er nicht mit Leichtigkeit und befriedigend hätte beantworten können. Doch eine Frage gab es, die zwar nicht im Talmud vorhanden war, die weder Onkel Moses, noch einer seiner Kollegen im Beth-Hamidrasch, richtig zu beantworten imstande gewesen wäre, nämlich die Frage: „Warum hat Onkel Moses sich keine Gehilfin gesucht, wie es doch die Thora ausdrücklich geboten?" ' An seinem sechzigsten Geburtstage endlich, da übermannte ihn das Gefühl der Einsamkeit in der großen und weiten Welt, und er fing ernstlich an, an seine Wiedervereinigung mit der Mutter Erde nachzudenken. Wie alle frommen Juden ließ er sich seine Sterbegewänder anfertigen, kaufte sich, ein schönes Plätzchen auf dem „Guten-Ort" für seine ewige Ruhestätte und bestellte sogar auch seinen Leichenstein. Ob er auch die Inschrift auf demselben selbst ängefertigt, oder ob ein befreundeter Berskünstler ihm dabei ausgeholsen, ist wiederum eine Frage, die selbst die gelehrtesten Geschichtsforscher nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen können; doch so viel ist sicher, daß, wie die meisten jüdischen Grabinschriften, war auch diese im wohlbekannten üppigen Stil verfaßt, so daß sie sich geradezu wie eine Ode las. Onkel Moses las nicht nur die schmeichelhafte Beschreibung seiner Person immer und immer wieder, sondern er bewachte auch sorgfältig den Steinmetz, wie er einen Buchstaben nach dem anderen hineinmeißelte, die er mit schwarzer Farbe belegte, während er den Namen „Moses Kirrhahn" in Goldlettern erstrahlen ließ. Er war glückselig wie ein Schulbube, dem der Lehrer am Schulschluß ein saftiges „Gut" ins Zeugnis malt, das ihm die Gewißheit gibt, in eine höhere Klasse versetzt zu werden. Dieser Leichenstein stand viele Jahre in der Leichenhalle, und die Mitglieder der ganzen Kille hatten das Vergnügen, die schöne Inschrift bei jeder Beerdigung zu lesen; denn er blieb dort volle fünfzehn Jahre, bis Onkel Moses seinen fünsundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hat. Wörtlich übersetzt lautete die Inschrift wie folgt: „Und der Herr berief Moses zu sich; damit er schauen könne den Glanz des Allheiligen, Schutz finde unter den Fittigen seiner erhabenen Majestät, und genieße die Früchte seiner Wohltaten auf Erden. Denn Moses war ein Diener des Herrn, und in seinem ganzen Hause war er ein Getreuer. Er war das Haupt feiner Gemeinde und -eine Zierde für Israel. Siehe, so war der fromme, ehrliche und gelehrte Rabbi Moses Kurhahn, gestorben .... des Monats . ... im Jahre .... Möge feine reine und lautere Seele ausgenommen fein im Bunde des ewigen Lebens!" n ' Wäre unserem lieben Onkel Moses Kurhahn die Gabe des Prophetentums wie feinem großen Namensvetter verliehen gewesen, so wäre auch sicherlich die Stelle für das Datum nicht leer geblieben. „Schließlich ist es doch noch besser, kein Prophet zu sein", pflegte er immer zu sagen. Das Datum kann ja schnell genug ergänzt werden, ehe der Stein gesetzt wird. Und überlegt es euch nur für einen Augenblick, wenn der Leichenstein jetzt schon sein richtiges Datum hätte-- wie würde mir zumute sein, in der letzten Woche, da der Herr, gepriesen sei sein heiliger Name, mich von dannen abberusen sollte! Welch eine schreckliche Empfindung wäre mein letzter Aufenthalt auf Erden, da zu sitzen und aufzupassen und zu zählen, eine Minute nach der anderen, und zuzugucken, wie die Sandkörnchen der Zeit, eins nach dem andern, in das Stundenglas hinunter fallen --! Kein jüdisch Kind möchte ich so etwas wünschen!" Eines schönen Tages erhielt Onkel Moses den Besuch eines teuren und lieben Freundes, eines Schulgenossen, Reb Schmelke Stechnessel, der direkt von Prag hergekommen war, um die Gräber seiner Eltern zu besuchen. Als die Freunde durch die Leichenhalle kamen, machten sie vor dem berühmten Leichenstein plötzlich halt, und Reb Schmelke las die Inschrift. - - „Wie gefällt dir das?" fragte Onkel Moses, befriedigt lächelnd. - „Statt einer Antwort will ich dir eine Geschichte erzählen", erwidert Reb Schmelke: