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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-13 · Heft 50 (13.12.1912) · p. Seite 597

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
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Welt gezogen, die jüdische und dann die christliche, die das ganze Mittelalter beherrscht hat. Hier hat die größte jüdische Gemeinde des Altertums außerhalb Palästinas bestanden, die Niesensynagoge, in der den versammelten Volksmassen nur . durch das Schwenken einer Fahne bedeutet werden konnte, wann. der Vorbeter eine Benediktion geschlossen und mit „Amen!" zu antworten war. Aber der Anblick der Stadt, die flach gelegen ist und keine besonders hervorragenden Bauten besitzt, ist, wenn man von der See kommt, nichts weniger als imposant; er wirkt.eher ernüchternd. Man ruft sich ins Gedächtnis zurück,, daß die großen Denkmäler längst zerstört wurden, daß die berühmten Obelisken, die beiden Nadeln der Kleopatra, nach London und New Pork gewandert sind, daß der Kalif Omar die wertvollen Bücherschätze zur Heizung der Bäder verwenden ließ. Alexandrien ist jetzt mchts als eine orientalische Provinzstadt mit vorwiegend arabischer, teilweise aber auch sehr gemischter europäischer Bevölkerung, das sieht man schon an den Trachten und hört es am Kreischen und Schreien der die Ankunft des Schiffes erwartenden, wie ein Ameisenhaufen sich bewegenden Menschengruppen. Zwei, europäisch gekleidete Herren, mitten im morgenlänöischen Menschengewirr leicht bemerkbar, winken uns von der Landungsbrücke zu. Es sind der Oberrabbiner von Alexandrien, Chachambaschi Prof. Raffaelo della Pergola und der Direktor der Allianceschule Mr. D a n o n. Der außerordentlichen Liebenswürdigkeit dieser beiden Herren, die trotz der frühen Morgenstunde uns persönlich erwarteten, und sich uns mit herzlicher Kollegialität zur Verfügung stellten, war es zu verdanken, daß wir in der für den Aufenthalt in Alexandrien in unserem Programm kurz bemessenen Zeit die wichtigsten AUstalten und Institutionen der jüdischen Gemeinde kennen zu lernen vermochten. Prof, della Pergola, der würdige Nachfolger des im Jahre 1908 Hingeschiedenen gelehrten Ehachambaschi Elia Chasan, ist ein Schüler des Oberrabbiners Dr. S. H. Margulies in Florenz. Er schreibt und spricht — außer Französisch, Italienisch, Englisch, und Arabisch — ein klassisches Hebräisch und ist die Seele der zahlreichen großartigen humanitären und erziehlichen Anstalten der auf etwa 15 000 Seelen geschätzten jüdischen Gemeinde. Man ist angenehm überrascht, nach allen Wandlungen der Weltgeschichte, „post tot disecimina rerum“, auch im Alexandrien der Gegenwart nicht nur zahlreiche Synagogen zu finden — darunter den prachtvollen „Tenrpel des Propheten Elias" („Knesseth Elijahu", schon von Rabbi Obadjah Bertinoro in einem Reisebriefe vom Jahre 1487 erwähnt), und die von Baron Menasce erbaute Synagoge — sondern auch herrliche jüdische' Schulen, die jeder großen jüdischen Gemeinde in.Europa zur Zier gereichen würden, ebenso eine nach modernen Grundsätzen geordnete Armenunterstützung und Krankenpflege. Die Wohltätigkeitsgesellschaft (Loeietä Israelitica di Beneficenza) hat ein Budget von 273 000 Piastern (zirka 68 000 Frank), die größten Beitrage werden von Baron I. L. de Menasce (der auch Präsident der Gemeinde ist), und den Familien Aghi o n und T it b y (die ebenfalls im Gemeindevorstand vertreten sind) geleistet. Das israelitische Spital, iy welchem im Jahre 1911 insgesamt 726 Kranke Pflege gefunden, hat ein Budget von 263 000 Piastern (zirka 66 000 Frank), wozu die Stadtgemeinde einen Beitrag von 10 000 Piastern leistet.' 'Die großartigste Anstalt der Gemeinde-ist. aber die.israelitische Freischule, in welcher nahezu 1500 (im verflossenen Schuljahre genau 1436) arme Schüler und Schülerinnen nicht . nür unterrichtet, sondern auch täglich zu Mittag gespeist und alljährlich bekleidet und beschuht werden. Die Schule, ein dreistöckiges, in der Straße des. „Propheten Daniel" (Nabi-Daniel) gelegenes, nach den neuesten hygienischen Grundsätzen eingerichtetes Haus, enthält einen Kindergarten, eine Talmud- Thora für Knaben, eine Mädchenschule (mit dem bezeichnenden hebräischen Namen: „Schaddai Jaasor" — Gott wird helfen) und Handarbeitskurse. Die Kosten der Schule betragen jährlich 345 000 Piaster (zirka. 86 000 Frank), die Speisung, Bekleidung und Beschühung geschieht durch einen besonderen Verein „Amöle Thora". Einen sehr breiten Raum nimmt im Lehrplan das Hebräische ein Mehr als zweitausend Jahre, nachdem ln Alexandrien die Kenntnis des Hebräischen beinahe ganz erloschen war und statt des Textes der - Thora die griechische Uebersetzung eingeführt wurde! - In manchen Klassen lernen Schüler und Schülerinnen „ibrith beibrith", vermittelst des Hebräischen als Unterrichtssprache, deren sie sich frei bedienen; sie singen hebräische Lieder,.die ihnen von ihren zum Teil in Palästina herangebildeten, Hebräisch sprechenden Lehrerinnen beigebracht werden. Daneben lernen sie;die arabische Landessprache und.Französisch; in zwei Jahrgängen auch Italienisch, wodurch sie für das dort bestehende italienische Lyzeum vorbereitet werden. Die Vielsprachigkeit ist eine' frappante Eigentümlichkeit der Bevölkerung, auch die Berichte der Gemeinde und der Vereine erscheinen teils Italienisch, teils Französisch, teils in arabischer . Sprache. ' Außer der Gemeindeschule, die der armen jüdischen Bevölkerung dient, bestehen noch zwei jüdische Schulen, die eine von Baron Menasce, die-andere von der Alliance Jsraölite Universelle gegründet. Die Leistungen beider Anstalten, die auch von besser situierten Schülern frequentiert werden, werden vom Oberrabbiner sehr hoch veranschlagt, besonders mit Rücksicht auf den Umstand, daß, wenn sie nicht bestehen würden, die Schüler zumeist die christlichen Missionsschulen aufsuchen würden. Die Allianceschule, die von 115 Knaben und 131 Mädchen besucht wird, wird eigentlich zum größten Teil durch Schulgelder erhalten. Sie führt einen schweren K a m p f, um nach Möglichkeit den hebräische n Unter - richt zu erhalten und auszudehnen, da gerade die begüterten, jüdischen Familien zumeist, das Hebräische als nutzlosen Ballast betrachten, und die Eltern sich darüber beschweren, daß man ihre Kinder damit Plage. In der Schule wird-natürlich auch Arabisch, ferner Französisch und Englisch gelehrt, wofür außer der Alliance auch die Anglo Jewish Association in .London eine Subvention gewährt. Ein trauriges Kapitel bildet die Notwendigkeit einer intensiven Bekämpfung des Mädchenhandels, der besonders in Alexandrien stark grassiert. Das O.rtskomitee der internationalen Gesellschaft „pour la repression de la Traite des Blänclies“, an dessen Spitze der Gouverneur von Alexandrien Mustapha Hadi Pascha steht und zu welchem sämtliche Konsuln und die Präsidenten sämtlicher wohltätigen Vereine gehören,.darunter auch der Präsident der.jüdischen Gemeinde, hatte im verflossenen Jahre in nicht weniger als 35 Fällen, zur Rettung j ü - . drs ch e r , zumeist aus Rumänien und Galizien nach Aegypten gebrachter Mädchen und Frauen zu intervenieren. Auf dem Wege von Alexandrien'nach Kairo (3 Stunden mit dem Schnellzug) hielten wir uns für einige Stunden in Tantal) aus, der drittgrößten ägyptischen Stadt (zirka 60 000 Einwohner), in der etwa 800 Juden leben, zum großen Teil in' ärmlichen Verhältnissen, und eine Schule der Alliance besteht, die von 92 Knaben und 116 Mädchen besucht wird. Hier im Innern des Landes herrscht das Arabische souverän. Man trifft keinen Menschen, der irgendeine europäische Sprache ver- : steht. In der von M r. Ä l p h a n d a r y geleiteten Allianceschule werden der Landessprache viele Stunden gewidmet, daneben hat aber auch hier das Neuhebräische als Unterrichtssprache für Religion und biblische Geschichte sich Eingang verschafft. Wenn man fo vielfach, besonders in manchen deutschjüdischen Blättern, Schauergeschichten gelesen Hab,; wie die Alliance angeblich das Jüdische und .namentlich; das He-- bräische ausmerze, ist man ein wenig verblüfft, das. gerade

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