Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
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treiben. Jedenfalls hat es die Schwerfälligkeit des deutschen (Land) - Gerichtsverfahrens verursacht, - daß die Juden nur gegen ein Faustpfand doppelten Wertes Vorschüsse machten. Erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts gelängte der Schuldbrief mit Bürgschaftsverpflichtung zur Einführung.' Das Stadtgericht übte wohl promptere Justiz. Immerhin waren die kleinen Beträge, die gewerbetreibende Bürger bei den Juden aufzunehmen pflegten, wohl kaum das. Pergament wert zur Beurkundung. ' ' Gerade in den deutschen . Städten hat das Pfandleihgeschäft der Juden den größten Umfang angenommen, weit erheblicheren als .irgendwo in Migland, Frankreich oder Spanien, wo sie viel mehr mit Schuldbriefen zu arbeiten pflegten.. Die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts wird als die Blütezeit des mittelalterlichen Geldhandels der Juden in Deutschland angesehen; den Abschluß der Epoche bildet die große Verfolgung, die hervorgerufen wurde durch das Märchen von der Brunnenvergiftung. Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden fiel damals der blinden Volkswut zum Opfer, und es ist gewiß kein Zufall, daß in gar manchen Städten die Erhebung sich gleichzeitig gegen die Juden und gegen den patrizischen Rat richtete, daß die. Einführung oder Stärkung des Zunstregiments dem Judenmord unmittelbar vorranging oder folgte. ' Daß der jüdische Wucher die Handwerksinteressen ernstlich geschädigt habe, ist nicht anzunehmen, sondern ganz im Gegenteil. Der Leichtigkeit, Kredit beim Pfandleiher zu erhalten, verdankte - der Handwerksmeister seine wirtschaftliche. Selbständigkeit. Wo e§y keine Juden gab, in Flandern und in Florenz, sind die gewerblichen Arbeiter vom Verleger abhängig geworden, der ihnen 'den Rohstoff lieferte und das fertige Produkt abnahm, so daß. sie nur den Arbeitslohn erhielten als tzausindustrielle Arbeiter. In deutschen Städten vermochte dagegen der Hand- , werksmeister als Kleinunternehmer aufzutreten, weil er mit geliehenem Geld selbst den Rohstoff kaufen und daher das Erzeugnis an jeden beliebigen Abnehmer'zu entsprechenden Preisen verkaufen konnte. So bezog er außer dem Lohn für seine Arbeit auch den Unternehmergewinn, hatte also mehr Profit als der bloße hausindustrielle Arbeiter. Daß er freilich den Gewinn mit dem Geldgeber teilen mußte, der gar nicht mitarbeitete, : wird manchen biederen Handwerksmann arg gekränkt haben, und das um so 'mehr, wenn der.Geldgeber ein Jude war,' ein Feind Christi, und wenn er den Gewinnanteil - in Form des festen Darlehnzinses entrichten mußte,'dessen Verwerflichkeit die Kirche andauernd und ein- ■ dringlich predigte. Tiefere -volkswirtschaftliche Einsicht hat das zünftlerische Kleinbürgertum des 14. Jahrhunderts nicht besessen. Zur Macht gelangt, lenkte es die städtische Wirtschaftspolitik mit beschränktestem Egoismus. So tat sich weit klaffend der Gegensatz zwischen Stadt und Land auf, der fortan jahrhundertelang die deutsche.Geschichte beherrschen sollte. Der. große Städtekrieg zur Zeit König Wenzels war nur das erste Symptom eines Zwiespalts, in dem das Bürgertum nicht siegen konnte, weil es durch engherzige Vertretung seiner Interessen die Bauern auf seiten des Landadels trieb. Während des 15.. Jahrhunderts ist vielfach eine Reaktion eingetreten gegen die Regierung der Stadt durch Gevatter. Schneider und Handschuhmacher, es sind aber auch die Städte an Einwohnerzahl und Reichtum zurückgegangen, wenn sie den zünftlerischen Idealen allzu eifrig nachstrebten. Für die Juden wurden die Zeiten immer trüber. Die Gläubigkeit der Massen nahm zu,. Kirchliche.Fragen bewegten die Gemüter im Zeitalter des Schisma und der Reformkonzilien. . Um so eifriger wurden die kanonischen Vorschriften beobachtet, und . mit dem religiösen Gegensatz -verknüpfte sich der wirtschaftliche. In der Zunftstadt war dem Juden ein für allemal die Stelle des Pfandleihers angewiesen. Dieser Beruf blieb ihm Vorbehalten, während alle anderen sich ihm verschlossen. 'Schließlich wurde man aber auch der Geldgeber überdrüssig, weil man ihrer bei abnehmendem Verkehr weniger bedurfte, und weil die Christen selbst das Wucherverbot nicht mehr beobachteten. In Schwaben und auch am Rhein wurden-die Juden aus den meisten Städten vertrieben, so daß sie auf dem Lande einen Wohnsitz suchen mußten. Schon deswegen haben sie. an dem Aufschwung des oberdeutschen Handels im Zeitalter der Fugger keinen Anteil genommen. Ähre Bedeutung für das deutsche Wirtschaftsleben ist kaum je so gering ge- . wesen als eben im 16. Jahrhundert. Fast nur in einigen geistlichen Territorien oder in reichsritterschastlichen Dörfern konnten sie ein armseliges Dasein fristen. In der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands führte die Epoche der lutherischen Kirchenreformation eine verhängnisvolle Wendung herbei. Bis dahin war trotz mannigfacher Unterbrechungen und Rückschläge die, aufsteigende Richtung unverkennbar gewesen. .An Stelle der Urwälder Germaniens wären wohlangebaute Fluren und Städte getreten, die sich mit den italienischen messen konnten. Ein ausgesprochener Niedergang ist auch nicht eingetreten, als die großen geographischen Entdeckungen den Gesichtskreis der europäischen Menschheit und den Spielraum für ihre Wirtschaftstätigkeit so unendlich erweiterten. Aber Deutschland, blieb stehen, während die Nationen des Westens voranschritten. Den Uebergang von ' der Stadtzur. Staatswirtschaft konnte das >vielgespaltene Reich nicht mitmachen, die Städte verharrten in den gewohnten Gleisen der Stadtwirtschaft, in den größeren. Territorien begannen wohl einzelne . Fürsten sich, um die Volkswohlsahrt zu bekümmern, aber, weit mehr pflegte ihnen der eigene Geldbeutel am Herzen zu liegen^ es herrschte der Fiskalismus. Schließlich ermangelte ja auch im damaligen Deutschland die Volkswirtschaftspolitik des nationalen Interesses. Was jedermann am Herzen lag, war die religiöse Frage, und der Papst sowohl als Luther verdammten das Gewinnstreben, während gepredigt wurde: Wer all sein Gut den Armen gibt. Nun haben ja wohldie Leute selber zu dieser Höhe christlicher Entsagung sich ausgeschwungen, aber dem selbstbewußten Unternehmungsgeist, wie er erforderlich ist, um wirtschaftliche Fortschritte zu erzielen, war es gewiß nicht förderlich, wenn fortdauernd von allen Seiten die Verwerflichkeit des schnöden Mammons gepredigt wurde. Allerdings hak Luther nachdrücklich den sittlichen Wert der Arbeit hervorgehoben; aber nur um ihrer selbst willen schätzte er sie, nicht wegen des Erfolges. Die Arbeit soll ohne Hoffnung auf' Gewinn geschehen. (Schluß, folgt.) . Auk dem Wege nach Jerusalem. ■ Reisebriefe von Rabbiner Dr. Armand Kami n k a, Wien.. . V ' II.; ’ , ' Alexandrien. — Tantah. — Schulen der Alliance. m 17. Oktober bei-Sonnenaufgang näherte sich unser Schiff der Küste Aegyptens. Bald sollten wir die Stadt Alexanders. des Großen und der Ptolemäer. betreten, die Stadt des Hellenismus, der Septuaginta, des Philosophen Philo und seines vom Judentum abgefallenen Neffen, der Statthalter oder Chef der Okkupation von Aegypten wurde — der Lord Kitchener der römischen Kaiserzeit: Gewaltige Erinnerungen drängen sich auf' Von dieser Küste ist die mit platonischen Ideen verwebte Religlonsphilosophie in die