Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 595 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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■m 596 In viel schlechteren ökonomischen Verhältnissen lebten stets seine Mitarbeiter K r o ch m a l und Erte r. Ersterer war zuerst Kaufmann, dann Kassierer bei einer Assekuranzgesellschaft, eine Anstellung, die er, wie mir scheint, mehr aus Mitleid als wegen seiner Fachkenntnis bekommen hat. Er war ein grundehrlicher, gutmütiger, für seine hebräischen und philosophischen Studien begeisterter Mann. Von abschreckender Häßlichkeit, machte er sich durch Benehmen und Gebärden oft lächerlich. Isaak Erter, 1793 geboren in einem Dorfe am Dnjester, war Wundarzt, Chirurg, wie man damals sagte, wurde aber gewöhnlich Doktor tituliert. Er hatte neben den diplomierten Doktoren der Medizin einen schweren Stand, wenig Praxis und' geringes Einkommen. Als Honorar für einen Krankenbesuch erhielt er gewöhnlich einen „polnischen" Gulden, d. i. ungefähr eine halbe Mark. Einmal faßte er Mut und sagte einem wohlhabenden Patienten: „Sie könnten schon einmal anfangen, mir einen ganzen Vierziger (% Mark) für die Visite zu zahlen." Ob diese bescheidene Bitte erfüllt wurde, weiß ich nicht. Schon früh hat er sich durch Aufsätze in hebräischen « Zeitschriften und prächtige Satiren auf die Orthodoxen und die Sekte der Chassidim den Ruf eines eleganten und-witzigen hebräischen Schriftstellers erworben. Diese drei waren die Herausgeber und vorzüglichsten Mitarbeiter der hebräischen fortschrittlichen Zeitschrift „Hacholuz" (der Gewaffnete), die auch eine wahre Kampfzeitschrift war, und von 1852 bis 18$3 erschienen ist. Anderen Kreisen jüdischer Gelehrsamkeit, einer älteren Generation von konservativer Richtung, gehörten Berisch Blumenfeld undder „Smiler", Verfasser des „Rabijah" (1837 in Ofen erschienen), an. Letzterer hieß mit seinem Familiennamen Mehlsack und behauptete Rabbiner in Smila (Rußland) gewesen zu sein, was aber von Leuten, die von dort kamen, bestritten wurde. Sein eben genanntes theologisches Werk soll nicht ohne Wert sein; er selbst aber machte den Eindruck eines Deklassierten und war ein Trinker. Er kam oft zu uns ins Haus, und mein Großvater pflegte ihn manchmal an einem Feiertage zu Tische zu laden. Dies war meiner Mutter gar nicht lieb, denn er benahm sich nicht eben manierlich und reinlich beim Essen. Einen Gegensatz zu ihm bildete der geachtete, in seinem Aeußeren stets sehr saubere Berisch Blumenfeld, der bis zu seinem vor etwa fünfzig Jahren erMgten Tode die jüdische . Tracht trug. Er war kinderlos und ist in hohem Alter in derselben Woche, wenn nicht gar am selben Tage, wie seine Frau gestorben. Er hat eine gute Uebersetzung nebst Kommentar des Buches Hiob verfaßt und sie 1826 in Wien drucken lassen. Auch ein anderer B l u m e n f e l d, Isaak mit Vornamen, ebenfalls ein hebräischer Gelehrter, war ein Brodyer; ich habe ihn -aber erst in Wien kennen gelernt. Er ist 1890 in Genf gestorben, und hat sein kleines Vermögen zu Stipendien für jüdische Kunstschüler bestimmt. Gewissermaßen ein Brodyer war auch der berühmte Musiker Rubin st ein. Sein Großvater, der in einer kleinen Stadt Rußlands lebte, stand mit dem meinigen von mütterlicher Seite in Geschäftsverbindung. Um seinen Sohn einen besseren Unterricht genießen zu lassen, schickte er ihn nach Brodh, wo er die Realschule besuchte und im Hause meines Großvaters Gastfreundschaft genoß. Aus dessen Ehe mit einer Vrodyerin stammten der große Anton und ein zweiter, ebenfalls musikalisch gut begabter, früh verstorbener Sohn. Die Frau ist dann einmal zum Besuch'ihrer Mutter nach Brody gekommen mit den zwei Knaben, deren Klavierspiel schon damals viel bewundert wurde. Später ist Anton zum Christentum übergetreten, wenn ich nicht irre, auch seine Eltern, und hat sich an die jüdische Abstammung nicht gern erinnern lassen. Er galt als Russe, urö die Nationalrussen haben den berühmten Künstler gern sich angeeignet. Wäre er Jude geblieben, so hätte man ihn wohl in dem sogenannten Ansiedlungsrahon eingepfercht. (7»ortsltzung folgt.) Das Verhältnis der Juden?um Mirtlchsktsleben.'> Von GeorgCaro. III. 3 m Zeitalter der Naturalwirtschaft war es Aufgabe des Handels, Luxusartikel aus der Ferne herbeizuführen und allenfalls noch den sich selbst genügenden Landwirtschaftsbetrieben ihre Ueberschüsse abzunehmen. Die aufkommende Stadtwirtschaft hat nicht so belebend auf den Handel gewirkt, wie man in Anbetracht des gewaltigen ökonomischen Fortschritts, den sie darstellte, wohl meinen sollte. Der Markt vermittelte den unmittelbaren Verkehr zwischen Konsument und Produzent ohne Dazwisthenkunst eines Händlers, mit dem Endergebnis, daß der Handel seßhaft wurde, und je mehr Jndustrieartikel in der Stadt selbst hergestellt wurden, um so weniger bedurfte sie der Zufuhr . von auswärts. Ein sehr lebhafter Aktivhandel hat sich in den Küstenstädten der Nordnnd Ostsee entwickelt. Der hanseatische Kaufmann trieb grundsätzlich Zwischenhandel, er führte flandrisches Tuch nach Bergen und Nowgorod und brachte Pelzwerk nach Brügge. Gerade an diesem Handelszweige sind aber Juden nicht beteiligt gewesen, und auch in den hanseatischen Binnenstädten waren sie verhältnismäßig schwach vertreten. Bei alledem wird sich ein endgültiges Urteil über den Handel der Juden bis zum Jahre 1348 nicht gewinnen lassen. Argumentum ex silentio entbehrt der Beweiskraft, und so wird es genügen müssen, zu konstatieren, daß in dem erhaltenen Quellenmaterial fast nur von Darlehüsgeschäften die Rede ist. Den Wucher der Juden pflegt selbst noch heutzutage die Wirtschaftsgeschichte unter dem Gesichtswinkel des kanonischen Rechts zu betrachten, wobei ihr zugute gehalten werden muß, daß der Normalzinsfuß des 13. Jahrhunderts 43)4 Prozent betrug. Tatsächlich lagen aber die Dinge folgendermaßen: Die Päpste betrachteten es als ihre Aufgabe, die kirchlichen Satzungen mit voller. Strenge durchznführen. Sie konnten dennoch nicht umhin, das biblische Verbot des Zinsnehmens einzuschärfen. Volkswirtschaftliche Erwägungen theoretischer oder praktischer Natur haben sie dabei nicht geleitet, sie hielten sich an den klaren Wortlaut der alten Satzungen, ganz so, wie das später Luther getan hat. Auch davon kann nicht die Rede sein, daß die Päpste den Juden erlaubt hätten, Zinsen zu nehmen. Galt doch die Ansicht, daß der Wucher eine Todsünde sei, die den göttlichen Zorn über das Land herausbeschwöre, in dem.ex geduldet werde. Nichtsdestoweniger läßt sich getrost annehmen, daß Darlehen gratis und amore, umsonst und aus Liebe, also ohne Hoffnung auf Gewinn im Mittelalter nicht häufiger gegeben worden sind als heutzutage. Der Kredit, den die Juden und andere Leute gegen Zins oder sonstige Vorteile gewährten, war damals schlechthin unentbehrlich, und es handelte sich gar nicht mehr wie in biblischer Zeit um Vorschüsse der Reichen an die Armen, sondern eher umgekehrt, Geldnehmer waren die weltlichen und geistlichen Grundbesitzer, Fürsten, Grafen, Herren, Ritter und Edelknechte, nach der Rangordnung des Deutschen Reichs. Der Bauer ist nur sehr allmählich wieder kreditfähig geworden. Mit großen Herren Geschäfte zu machen, schloß ein Risiko in sich. Konnte man, doch nicht gut dem. Ritter auf seine Bürg einen Exekutor senden, um Geldschuld einzu-