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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-13 · Heft 50 (13.12.1912) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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V: Die:Nachricht. ist um 'so"inteveffanter, weil' der hier kurz erwähnte Bekker^ dev zu. gleicher Zeit, wie Henriette und Karoline in Jtälien, gewesen, ihr ständiger Begleiter und auch ihr Äefährte.Ä^^r'WÄeise'-gÄvesen war, kein anderer ist als 'dA großLWilösoge''AMusi.Zmmänuel Bekker (1788—1871). Er war äW d amals - erst 34' Jahre alt,,stand freilich schon auf der Hohe ' seines -Ruhmes .(er war bereits 1811 Ovdiüärius gMötdßn), während Henriette Herz' bereits (geb. 1764) 58 Jahre Wtte.' - Arch ' der 'Sache wurdet freilich nichts, auch später hat Bekker nicht zu - den Intimen - des' Herrschen --Kreises' -gezählt. Zum Schluß , mag eine interessante Notiz 'über den Chef des Londoner Hauses Rothschild, mit dem Humboldt während seines Londoner Aufenthalts 1818 viel zu tun hatte, mit-geteilt werden. Nachdem Humbolidt berichtet hättewie eine preußische Anleihe von 5 Millionen Pfund besonders durch Rothschilds Bemühungen untergebracht war, der selbst 1'^ Millionen für sich zeichnete, berichtet er über diesen Rothschild folgende gute Geschichte: „Gestern aß Rothschild bei mir, der ein ganz roher und ganz ungebildeter Mensch ist, aber sehr viel Verstand und für das Geld wirklich Genie hat. Den Major Martens, der auch hier aß und immer alles 'Französische lobte, hat er einige Male himmlisch abgeführt. Unter anderem apitoyierte sich Martens auf eine -albern sentimentale Weise über das Unglück der Kriege und die vielen Gebliebenen.- „Ach," sagte. Rothschild, „wenn die Leute nicht alle gestorben wären, Herr Major, wären-Sie vermutlich noch Tambour." . -L. G. Lrovyer Iugkndennnerungrn. Von Markus Land a u. II. ie jüdische Privatschule hatte nur kurzen Bestand, denn es fehlte an Geld.. Erst einige Jahre nach ihrer Auslösung kam unerwartet Hilfe. Den stets bildungsbegierigen Juden Brodhs war die von der gnädigen österreichischen Regierung wingehobene Steuer für das nach jüdischem Ritus geschlachtete 'Vieh und Geflügel nicht genug — sie erhoben noch einen Zu- .'schläg dazu und bestritten aus dessen Ertrag und dem Schulgelde die Kosten einer Real- oder richtiger Handelsschule. 'Diese im Jahre 1817 errichtete Schule war eine der ersten, 'wenn nicht gar die erste ihrer Art in Oesterreich. Sie wurde anfangs der fünfziger Jahre vom Staate übernommen und in orn Realgymnasium umgewandelt. Der somit freigewordene Neischaufschlag würde nun selbst anderweitigen Beiträgen zur Errichtung und Erhaltung einer jüdisch-deutschen Volksschule verwendet, die aber jetzt schon ziemlich polonisiert sein soll und eine Subvention vom galizischen Landesausschuß bezieht?) ' Mit dieser Schule wurde im- Jahre 1858 ein von vier jungen Frauen geleiteter Verein zur Bekleidung armer Schulkinder verbunden, zu dessen Kassierer und Rechnungssührer ich gewählt wurde. Nach einiger Zeit geriet ich aber in Konflikt mit einem der Lehrer, der in der Auswahl der zu bekleidenden Schüler nach meiner Ueberzeugung.Parteiisch-vorging. Da die vier Vereinsvorsteherinnen der Eigenmächtigkeit des Lehrers nicht steuern wollten oder konnten,, legte ich mein Ehrenamt nieder. Es war stets meine gute oder üble Gewohnheit, wenn eine Sache nicht so ging, wie-ich wollte, eine Person sich mir gegenüber nicht so benahm, wie ich für recht und - passend hielt, mich ohne Streit und Vorwürfe davon loszusagen.- Einen ähnlichen Charakterzug hatte auch Grillparzer nach seiner eigenen.Angabe. Genutzt hat er freilich weder ihm. noch mir. ' *) Ich schreibe diese Jugenderinnerungen fern von Brody, das ich vor vierzig Jahren verlassen habe, und bin über die jetzigen dortigen Zustände nicht genau informiert. Trotz aller. Rückständigkeiten regte sich, wie ich"bereits an einigen Beispielen. gezeigt habe, der Geist des Fortschritts immer lebhafter. Es mag den Gründern der eben erwähnten Realschule mehr an der besseren Ausrüstung ihrer Söhne für die geschäftliche Tätigkeit als an der Hebung der allgemeinen Bildung gelegen gewesen sein, aber nebenbei fehlte auch dies nicht. Uebrigens waren sie fast alle nicht mehr am Leben, als ich in diese Schule eintrat, und ihre Namen sind mir nicht mehr erinnerlich. . Dagegen will ich hier ein Blättchen der Erinnerung jenen Männern widmen, die um die Mitte des. vorigen Jahrhunderts außer durch die Errichtung der bereits erwähnten jüdischen Volksschule auch sonst im Kampfe gegen die Unwissenheit und den Aberglauben der ärmeren, eifrig religiösen Volksschichten und gegen die unumschränkte Herrschaft des Talmud und seiner Kommentatoren sich verdient gemacht haben. Auf diesem Wege waren Rabbiner Geiger in Breslau und der gelehrte Luzzato in Padua ihre Leitsterne. Erter, Osias H. Schorr, Krochmal jun (in Lemberg M. Dubs) waren alle nicht ausschließlich Schriftsteller.oder Gelehrte; jeder hatte seinen bürgerlichen Beruf: Schorr war Kaufmann und zuerst Forscher und Gelehrter, später erst Reformkämpfer. Er hat nach damaligem jüdischen Begriffe spät geheiratet und schon als Junggeselle sich als Autodidakt den größten Teil seines Wissens, das überaus gründlich in hebräischer und aramäischer Sprache und Literatur, leider nicht auch genügend in anderen Fächern war, erworben. Ich erinnere mich noch welch' ein Freudentag es für ihn war, als eine Sendung von ihm erworbener hebräischer Manuskripte aus Italien eintraf. Als sich seine Vermögensverhältnisse verschlechterten, mußte er freilich einen Teil derselben wieder verkaufen; seine Studien hat er aber in guten wie in bösen Tagen nicht unterbrochen. und nicht vernachlässigt. Und dabei war er, wie überhaupt in seiner ganzen Lebensweise, von erstaunlicher Regelmäßigkeit. Den ganzen Vormittag saß er an seinem Schreibtische, um die Mittagsstunde machte er seinen Spaziergang, ohne Rücksicht auf das Wetter zu nehmen, so daß ihm einmal bei großer Kälte ein Ohr erfror. Und diese Spaziergänge machte er jahrelang auf demselben Wege. Sein Ziel war die Stange einer Telegraphenleitung außerhalb der Stadt, welche die Nummer 1000 trug. Nie ist er bei 999 oder 1001 umgekehrt. Nachmittags und abends saß er wieder am Schreibtische, dann nahm er sein Nachtmahl ein, das gewöhnlich aus einer Buchweizensuppe bestand-. Sonst war er ein guter Esser, trank aber nur Wasser. Von kräftiger Konstitution — seine Händedrucke waren berühmt und gefürchtet — und hoher Statur, schritt er stets stramm und fest einher, den Stock nicht als Stütze gebrauchend, sondern mit ihm stark aufs Straßenpflaster aufschlagend. Er muß sehr früh kahl geworden sein,-denn so weit ich mich erinnern kann, hat er stets eine Perücke getragen. Und dies war in Brody eine große Seltenheit. Nach dem fünfzigsten Jahre begann sich seine Gesundheit zu verschlechtern. Im Charakter war er von seltener Redlichkeit, Geradheit und Aufrichtigkeit, die manchmal schon verletzend ward. Und wenn er auch für einen harten, gefühllosen Mann galt, an seinem einzigen jung verstorbenen Sohn Jakob hing er mit unendlicher Liebe. Er war sein Stolz und seine Freude; er hat dessen Tod nie verwinden können, und deshalb wohl hat er sich im Alter auch körperlich vernachlässigt. In seinem Testamente zeigte er aber, daß. er an den Grundsätzenseiner Jugend festhielt. Da, er weder Frau noch Kinder hinterließ, stiftete er, wit wenig Rücksicht aus seine minder wohlhabenden Neffen und Nichten, mit seinem ganzen Vermögen Stipendien an dem jüdischen theologischen Seminar in Wien für Studenten, die sich verpflichteten, als Lehrer oder Rabbiner in Galizien zu wirken.

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