Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Brand gesteckt wurden, dann wurden auch die Bücher, die mitunter in beträchtlicher Zahl in ihnen angesammelt waren, ein. Raub der Flammen. Die jüdische Literatur hatte überdies das Unglück, daß sie infolge des kirchlichen Argwohns selbst ein Gegenstand der. Verfolgung war, der Scheiterhaufen-wurde auch für sie angezündet, oder, wo man nicht auf ihrer vollständigen Vernichtung bestand, wurde sie vielfach infolge von Mißtrauen arg verstümmelt. Es war ein besonderes Verhängnis/daß gerade in jener Zeit, in der der B uch druck begann, die Lage der Juden am bedrängtesten war. In Spanien und Deutschland, den beiden Ländern, in denen die jüdische Literatur am. eifrigsten gepflegt wurde, sandemdamals fortwährend Austreibungen statt.' Es konnten infolgedessen nur wenige Druckereien für die Erhaltung der jüdischen Literatur sorgen, und es sianden ihnen, abgesehen von denjenigen Werken, die zu dem Praktischen Gebrauch oder für das tägliche Studium notwendig waren, Handschriften nur in geringer Zahl zur Verfügung. In den meisten Fällen war der Zufall dafür maßgebend, welche Werke gerade zum Druck-gelangten und welche Handschriften als Vorlagen benutzt wurden. Den Schwierigkeiten, die sich von' außen her geltend machten, gesellten sich andere hinzu, die aus dem damals wenig günstigen Stande der jüdischen Kultur sich ergaben. Die Blütezeit der jüdischen Wissenschaft im Mittelalter war längst dahin, das Verständ- .nis für die von ihr behandelten - Probleme so gut wie völlig ge- . schwunden, für die Einfachheit ihrer Methode herrschte wenig Verständnis. Daher kam es, daß der Buchdruck unter den Juden eine ganz andere Richtung nahm als in der übrigen Literatur. Während auf anderen Gebieten die Bestrebungen bei. Humanismus für die Veröffentlichung gerade der klassischen Werke maßgebend war, herrschte in der jüdischen Literatur wenig Sinn und Verständnis für die Produktionen der klassischen Zeit. Bibel und Talmud wurden selbstverständlich gedruckt, aber mehr aus religiösen, als aus wissenschaftlichen Gründen. Die Schriften der Gelehrten aus hem früheren Mittelalter wurden damals wenig studiert. Was über das Studium der talmudischen Halacha hinausging, selbst einfache ältere Kommentare und Abhandlungen, war geradezu vergessen. Die reiche Sammlung der Poesien, die zahlreichen Erzeugnisse rein wissenschaftlicher Forschung, die wir besonders den Juden in Spanien verdanken, dursten damals aus Liebhaber nicht rechnen. So kam es, daß ein großer Teil, und nicht gerade der wertloseste, in Handschriften erhalten blieb . oder vielmehr, da .das nun einmal das Schicksal der handschriftlichen Ueberlieferung ist, im Lause der Zeit inVet- ^gessenheit geriet oder verloren ging. Erst die Neuzeit mit ihrem wiedererwachten humanistischen Verständnis und wissenschaftlichen Streben hat auf die reichen Schätze hingewiesen, die in Handschriften verborgen lagen. Der Aufschwung, den die jüdische Literaturgeschichte in der Neuzeit genommen hat, wurde durch die Erforschung der Handschriften weit mehr gefördert als durch die vorhandene gedruckte Literatur. . Um die Veröffentlichung, der Handschriften jedoch war es noch immer übel bestellt, denn es fehlte an den notwendigen Organen, die für sie eintraten; die Publikationen erforderten unerschwingliche Preise und hatten infolgedessen stets nur aus einen geringen Kreis von Käufern zu rechnen. Diese Lücke strebte der Verein M e k i z e N i r d a m i m auszufüllen, - und man darf es ihm nachrühmen, daß er in den 50 Jahren seines Bestehens der Wissenschaft des Judentums eine erhebliche Anzahl wertvoller wissenschaftlicher Texte in guten Ausgaben zugänglich gemacht hat. . v Leicht ist dem Verein seine Wirksamkeit, niemals^ geworden, er hatte mehrfach mit unüberwindlichen! Schwierigkeiten zu. 'kämpfen und mußte, wie erwähnt, seine Arbeiten zeitweise jahrelang unterbrechen. Die ersten Jahrgänge wurden, unter Beteiligung von anerkannten Gelehrten wie S. D. Luzzatto, M. Sachs u. a., durch Silbermann in Lhck besorgt. Nach einem längeren Zwischenraum ries' dann Abraham Berlin e r 1885 die Erwecker der Entschlafenen, die selbst entschlafen waren, wieder ins Leben. Zwanzig Jahre lang hat er in aufopfernder Arbeit und hingebender Mühewal-, tung die Geschäfte des ' Vereins geleitet, bis das hohe Alter ihn zwang, die Arbeit an jüngere Kräfte äbzugeben. Seit einigen Jahren hat das Komitee sich von neuem gebildet und unter der Leitung der Herren Prof. Simonsen in Kopenhagen, Dr, Freimann in Frankfurt a. M. und Dr. Poznanski in Warschau die Tätigkeit des Vereins in energischer Weise wieder ausgenommen. . Es ist unmöglich, die ganze Liste der vom Vereine herausgegebenen Werke aufzuzählen, es sollen daher hier nur die allerwichtigsten Notizen darüber gegeben werden. Vor allem sei hervorgehoben, daß kein einziges.Gebiet der jüdischen Wissenschaft ganz leer dabei allsging. Bibel- und Tälmudforschung, Liturgie und Ethik, Sprachwissenschaft und Poesie, Philosophie und Mathematik, sie alle sind, unter den Publikationen des Vereins vertreten. Wichtige Werke der mittelalterlichen Literatur sind überhaupt erst durch die MekizeNirdamim zugänglich gemacht worden. Wir nennen hiervon die Responsen der Geonim, die durch Harkavy veröffentlicht wurden und 'einen ganz, neuen Einblick in die Verhältnisse jener Epoche ervssneten, das Machsor Vitry, jene umfassende liturgische und literar-historische Sammlung, die neuerdings durch den Siddur Raschis ergänzt wurde. Die Anerkennung und Dankbarkeit weitester Kreise hat sich der Verein dadurch erworben, daß er die Poesien I e h u d a H a l e v i s in der schönen und durch Brodhs Bearbeitung so wertvollen Ausgabe zum erstenmal zugänglich gemacht hat. . . Der Mangel, unter dem der Verein oft litt, war die Knappheit der Mittel, die ihm zur Verfügung standen. Den großen Kosten, die hebräische Drucke verursachen, steht ein immerhin kleiner Interessentenkreis - gegenüber. Neuerdings ist . die Lage des Vereins etwas günstiger geworden,, dadurch, dasi Bros. Dr. I. ^imonsen in Aopenhagen.