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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-06 · Heft 49 (6.12.1912) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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Ihre Frauen saßen am Nebentisch, unterhielten sich oder spielten das „geistreiche" Lotto. Diese Praxis wurde geübt von Jahr zu Jahr. Wieder war es Ehanuka. Wieder -waren sie in das Kartenspiel vertieft. Da siel ohne jede äußere Veranlassung ein Foliant aus dem hohen Bücherregal.. Das Buch wurde wieder an seinen Platz gebracht. Nach kurzer Zeit siel es wieder heraus. Als es einer der Anwesenden wieder an seine Stelle brachte, meinte der Rabbi, die SesorinU) wollen wohl auch die Freiheit genießen. Kaum hatte das Spielkollegium seine Beschäftigung wieder ausgenommen, als derselbe Talmudband wieder herausfiel und diesmal so, daß er sich im Fallen össnete. Man hob es auf und das Kapitel, das von fehlerhaften Erscheinungen an Schlachttieren im Traktat Ehulin handelt, lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Obwohl in diesen strenggläubigen Männern abergläubische Anwandlungen nicht aufkamen, erschraken sie doch ein wenig. Es wurde eine Untersuchung der Wand vorgenommen, doch nichts wurde gefunden, was dieses seltsame Ereignis hätte veranlassen können. Die Lust am Kartenspiel war gewichen, und der Lehrer sagte: „Legen wir die Karten weg und laßt uns mit der Gemoro befassen. Vielleicht erfahren wir nachher, weshalb die Gemoro keine Ruhe fand." Der Vorschlag wurde angenommen, und gleich vertieften sie sich so sehr in die Materie von dem Wiesel, das den Kops eines Vogels beschädigt habe, und wie in diesem Fall das Gehirn auf eine Verletzung zu untersuchen sei. Bei Raschi und Tosefoth, bei Rambam und Rosch und bei der Schitto mekubezes^) wurde angefragt, um zu einem Resultat zu gelangen. Im Eifer der Forschung hörten sie nicht, daß an die Haustüre geklopft wurde. Erst als das Klopfen verstärkt wiederholt wurde, wagte eine der anwesenden Frauen, vom Schrecken bleich, die Männer aufmerksam zu machen. Es klopfte darauf nochmals und Laute des Unwillens hörte man schon von draußen. Vorsichtig öffnete der Rabbiner den Fensterladen und auf seine Frage, wer da sei, erhielt er die Antwort: „Die Obrigkeit des Ortes verlangt sofort Einlaß." „Sie fei mir willkommen," erwiderte der Hausherr, der keinen Augenblick seine Fassung verlor, „wenn ich auch nicht weiß, welche Veranlassung mir in so später Stunde diese Ehre widerfahren läßt." . „Wir werden es euch schon sagen!" entgegnete der sonst den Juden wohlgesinnte Ortsvorsteher mit seiner Bierbaßstimme. „Kol man d'ovid rachmono letav ovid,"°) sagte der Rabbiner im Hinausgehen, öffnete die Haustüre, und herein traten der.Ortsvorsteher und der Pfarer, der Baumeister und der Gemeindeschreiber. Die wenigen Augenblicke genügten, um voll Entsetzen den Gedanken von dem Schekerbilbu?) mit seinen Begleiterscheinungen, die Israel gar oft am eigenen Leib verspüren mußte, bis zur letzten Konsequenz auszudenken. „Was verschafft mir die Ehre?" fragte diesmal der Rabbiner. Aus seiner Stimme klang weder Angst noch Zagen. In seiner ganzen Hoheit stand er der Behörde gegenüber, Rechenschaft fordernd. Seinem scharfen Blick entging nicht der Ausdruck der Verlegenheit auf den Gesichtern der Wächter der öffentlichen Ordnung. Keiner wollte reden. Der Vorsteher'sah den Pfarrer und der Pfarrer den Vorsteher an. Nochmals fragte der Rabbiner, *) Bücher. 2) Kommentare zum Talmud. 3) Alles, was Gott tut, ist zum Guten, h Falsche' Beschuldigung. ob es sich denn um einen Scherz oder um eine ernste Sache handle. Da sprach endlich der Pfarrer. „Es scheint, daß wir um Entschuldigung ob dieser Störung bitten müssen. Man erzählte uns, daß Sie, Herr Rabbiner, und der hier anwesende Herr Lehrer in jeder Nacht eifrig in ihren Religionsbüchern studieren. In dieser Nacht dagegen, da unser Weihnachtsfest beginnt, pflegen sie das Studium mit Kartenspielen zu vertauschen. Es sollte dadurch eine' Mißachtung gegen unseren Heiland, der in dieser Macht geboren, zum Ausdruck gebracht werden. Es scheint, man hat uns ein Märchen erzählt, und wir konstatieren, daß wir Sie nicht beim Kartenspiel antrafen. So bitten wir nochmals um Entschuldigung." „Sie haben sich von der Haltlosigkeit der Beschuldigung-nun überzeugt," sagte der Rabbiner. „Unsere Lehre heißt uns, Achtung haben vor jeder anderen Religion. Weder öffentlich noch im stillen werden wir kirchliche Einrichtungen geringschätzen. So fleißig, wie Ihnen, Herr Pfarrer, berichtet wurde, studieren wir nicht in unseren heiligen Schriften," setzte der Rabbiner mit heiterem Plauderton zu reden fort, „wir nehmen auch zuweilen die Karten in die Hand. An unserem Weihefest, das allerdings meist mit dem Christfest zusammenfällt, gestatten wir uns, den Talmud mit den Karten zu vertauschen. Aber fern ist es von uns, einen Nebengedanken damit zu verbinden." Auf die aus kirchlichen und Laienelementen zusammengesetzte Untersuchungskommssion verfehlten die klaren und ungekünstelten Worte des Rabbiners ihre.Wirkung nicht. Kam sie auch im Vorgefühl der Schadenfreude, so blieb ihr jetzt nur Beschämung. Um diese doch einigermaßen zu mildern, sagte der geistliche Wortführer: „Herr Rabbiner, Ihre Erklärung halte ich für wahr und aufrichtig, und obwohl ich keinen Judenhaß kenne, ließ ich mich herbei, der verleumderischen Stimme Gehör zu geben. Ich glaube, die Blätter der Geschichte würden weniger von jüdischem Blut getränkt sein, wenn die erhobenen Anklagen auf ihren wahren Wert geprüft worden wären. Entschuldigen Sie nochmals die Störung, und seien Sie überzeugt, daß ich in meinem Kreise aufklärend wirken werde. Wir empfehlen uns!" und die Kommission entfernte sich. Wir wissen nicht, wie sie unter sich von der Mission sprachen. Aber in der Studierstube wurde der Zwischenfall noch lange kommentiert. Doch für die heräusgefallene Gemoro gab es keine Erklärung. Die Wand wurde am folgenden Tage gründlich untersucht, sie war völlig unbeschädigt. „Ein Zufall," meinte Schape Rosenheim, „war es nicht, es war ein Rausfall und hätte zu einem Neinfall werden können, wenn der Lehrer nicht den Einsall gehabt hätte, den Wink zu verstehen." Meier Beermänn, der auch zum Kollegium gehörte und in TchillinU) gut Bescheid wußte, gab auch eine Meinung ab: „Nun verstehe ich, was David ha Melach (?) gesagt hat, verou kol ame Ho-Orez ki schem haschem nikro olecho vejor'u mimeko. Wenn die Unwissenden erst einsehen, daß auch der Zufall gottgewollt ist, dann werden sie vor dir (Israel) Achtung haben." Mgtthatiss" Tod. er Dämiwrung Schatten senken still sich nieder. -- - Rings auf den Fluren leuchten Feuerflammen, Im Abendgolde Erd" und Himmel ruhen Und künden ihres Schöpfers Macht mitsammen. Ein sanfter Strahl fällt auf ein schlichtes Lager. — Der fromme Matthatias liegt im Sterben; Das Aug" geschlossen, licht verklärt das Antlitz — » So schau'n den edlen Helden feine Erben. h Psalmen.

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