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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-06 · Heft 49 (6.12.1912) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
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Zustand herausbildete, sehr wichtig geworden. Hatten sie, soviel ersichtlich, bisher nur in den wenigen alten Städten am Rhein und der Donau gewohnt, und etwa an einigen Handelsplätzen des Ostens, so breiteten sie sich nunmehr über das ganze Land aus. Die vielen Stadtgründungen gewährten ihnen reichliche Gelegenheit zur Ansiedlung, und sie verschmähten es auch schwerlich, sich in Dörfern niederzulassen. Je geringer ihre Zahl war im Vergleich zu der Weite des Nahrungsspielraums, um so weniger lag Anlaß vor zu einer tiefgreifenden Berufsgliederung. Jüdische Handwerker hat es in Spanien wie in den anderen Mittelmeerländern gegeben. Die Judenviertel, von wehrfähigen Befestigungen umgeben, stellten dort auch in wirtschaftlicher Beziehung gewissermaßen eine Stadt für sich dar, ihre Bewohner bildeten nichts weniger als eine gleichartige Masse. Neben dem reichen Steuerpächter, dem Grundbesitzer und Kaufmann, können die gewiß nicht übermäßig mit Glücksgütern gesegneten jüdischen Handwerker doch nur als eine niedere Gesellschaftsklasse angesehen werden. Gehörten ihrer mehrere an einem Orte dem gleichen Gewerbe an, so bildeten sie wohl auch eine Innung gleich wie die Christen. Das Statut der jüdischen Schuhmacher von Saragossa aus dem Jahre 1336,. das keineswegs das einzige feiner Art ist, verfolgt allerdings nicht unmittelbar gewerbliche Zwecke, sondern nur gesellige, religiöse und sozialpolitische durch Einrichtung einer- Hilsskasse. Indessen, wenn einmal die Genossen zusammenkamen, werden sie nicht verfehlt haben, auch über die Ausübung ihres Handwerks sich zu besprechen, Preistaxen sestzustellen, und was sonst zum Nutzen des Handwerks ihnen gut schien. Daß die Juden dem Zunftwesen prinzipiell feindlich gegenüberstanden, darf keineswegs angenommen werden. In Deutschland aber gab es überhaupt kaum jüdische Handwerker, als die Zunft-Verfassung zur Ausbildung gelangte. Der Zunftzwang hat bei seiner Einführung wohl nur sehr wenige Juden ihrer Nahrung beraubt, vielleicht gar keinen. Die einzige Zunft, mit der sie sich damals auseinanderzusetzen pflegten, ist diejenige der Metzger, so wurde schon 1294 in Frankfurt a. O. unter Vermittlung des Rats bestimmt, wieviel Stück Vieh die dortigen Juden wöchentlich schlachten dürften. Der Handel war in Deutschland nicht zunstmäßig organisiert. Nur für den Detailverkauf von Tuch gab es seit alters Vorzugsrechte der Gewandschneider, oft an den Läden haftend, in denen der Tuchausschnitt erfolgte,. später haben auch die Gewürzkrämer sich zusammengetan, um zunftmäßige Monopolrechte zu erlangen. Jahrmärkte und Messen blieben nichtsdestoweniger frei, und auch der Großhandel, so weit von einem solchen die Rede sein konnte, ist nicht beschränkt worden. Vielfach hat man von einer Zürückdrängung des jüdischen Handels in Deutschland durch den christlichen gesprochen, und einiges Gewicht kommt dieser An- ‘ sicht zu. Haben noch zu Anfang des 12. Jahrhunderts alle Juden Handel getrieben, so trat eben später das Geldgeschäft in den Vordergrund. Gleichwohl ist gerade für die Uebergangszeit, das 12. und 13. Jahrhundert, nicht im entferntesten an einen erbitterten Konkurrenzkampf zwischen jüdischen und christlichen Kaufleuten zu denken. Vielmehr hat die Ausbildung der Stadtwirtschaft den gesamten Handelsbetrieb modifiziert. Im früheren Mittelalter ging der Kaufmann auf Reisen, um Waren einzukaufen und äbzusetzen, er pflegte seine Kunden aufzusuchen an Fürstenhöfen, und wo sonst zahlungsfähige Abnehmer zu finden waren. Mit dem Hausierhandel ging der Trödelhandel zusammen, weil Industrie- Produkte bei ihrer Seltenheit hohen Wert besaßen und daher auch noch in gebrauchtem Zustande absatzfähig waren. Zweckmäßig ist es jedoch nicht, moderne Bezeichnungen mit übler Nebenbedeutung aus ein Zeitalter anzuwenden, in dein der Hausierer bei Königen Zugang hatte, und wenn er etwa byzantinische Seidengewebe mitbrachte, gewiß nicht gefragt wurde, ob die'Ware neu sei. . Uebrigens haben die deutschen Juden, wie die neuerdings zugänglich gemachten rabbinischen Responsen zeigen, vor allem auch mit Landesprodukten gehandelt und ebensowohl in Getreide Terminspekulation getrieben, als Heringe schiffsladungsweise eingekauft. Von einer Beschränkung auf den sogenannten Hausier- oder Trödelhandel kann bei den jüdischen Kaufleuten des früheren Mittelalters so wenig die Rede sein wie bei den christlichen, aber an große Umsätze ist förmlich für beide nicht zu denken. (Farlfekung -folgt.) 'SS esgsra Das Ksrtenlpikl-Mllkgium. Eine Channka-Begebenheit. Von M. S ch w e i tz e r - Glogau. Rabbiner einer bayerischen Gemeinde war ein Mann j von tiefgründigem Wissen. Seine Amtsgeschäfte nahmen nur einen ganz geringen Teil seiner Zeit in Anspruch. Obwohl er gediegen zu reden vermochte. Predigte er nur in. seltenen Fällen. In seiner Zeit, sie liegt fast sieben Jahrzehnte zurück, war für die Predigt in seiner Gemeinde kein sonderliches Verständnis, und er selbst unterdrückte die Lust, zum Reden, um sein Publikum nicht matriachJ zu sein, wie er zu sagen pflegte. Dafür widmete er seine freie Zeit dem Studium der Lehre. 1 Da lagen die Folianten aufgeschlagen. Auf jedem Blatt waren Randglossen, von seiner Hand geschrieben, die davon zeugten, wie tief er in das Meer des Talmuds zu tauchen verstand, und wie treffend er scheinbare Widersprüche zu lösen wußte. In den Nachtstunden leistete ihm ein Gleichgesinnter Gesellschaft. Es war der Lehrer der Gemeinde. Auch er hatte neben der allgemeinen Bildung ein großes Maß von talmudischem Wissen. Das gemeinsame Studium schärfte die Waffen des Geistes, und in der Studierstube ging es deshalb zuweilen recht lebhaft zu, wenn der P'schat') des einen dem anderen nicht einleuchten wollte. Ein geistiges Turnier, bei welchem es manchmal weder einen Sieger noch einen . Besiegten gab. Wenn der ganze Ort schon im tiefen Schlafe lag und nur einzelne Wirtshäusler mit schwanken Schritten dem häuslichen Herd zusteuerten und der Nachtwächter auf leisen Sohlen den Gang durchs Dorf machte, dachten die beiden Männer noch nicht, ans Schlafengehen. War die Mitternachtsstunde längst überschritten, dann schlossen sie ihre Folianten.- Meist führten sie dann, die Friedenspfeife rauchend, noch leichtere Gespräche über politische und andere Dinge. Beide konnten aber auch sehr heiter sein. In dieser Stimmung überboten sie sich an Witz. Gelegenheit 'dazu fandsich in dieser Gemeinde sehr häufig. Bei Hochzeits-, Beschneidungs- und Barmizwofeiern, die in jener Gemeinde nicht selten vorkamen, brachten diese beiden Männer durch geistreiche Einfälle die Würze zum Mahle. Ebenso eifrig wie in der ernsten Geistesarbeit waren sie auch im Kartenspielen. Diese Abwechslung gestatteten sie sich aber nur an den Chanukaabenden. Da wurde die Studierstube zur Spielstube. In dichte Rauchwolken gehüllt, saßen sie mit noch einigen Freunden brs in die Morgenstunden hinein. 1) Lästig zu fallen. 2) Einfacher Sinn der Talmudstelle.' - - ' ' -- l* i.

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