Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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' Drucke lag,. sondern in dem Bewußtsein/ nun frei zur Mirarbeit zu sein, wo Kulturwerte von Deutschen geschaffen werden. Frei also auch, um auf unserem ureigen st e,n G e b t e t, ' d e r W o hlf a h r t s P f l e g e > wieder ' Vor.bild l-i ch e s l eisten z u k ö n n e n i n b e z u g auf .-ihre n r e ichen Inh alt, auf ih r e n bedeute-n d en Ilmfang, aber., auch auf die Schönheit und Wür de ihrer Form. ."dSfa- Sas Verhältnis der Juden?um Wirtlchaktsleben.^ Von G e o r g Caro. ' II. ’■ . / s wäre also die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden ün Zeitalter der Natural-, der Geld- und der' Kreditwirtschaft auseinanderzuhalten. Immerhin würden sich aus einem solchen Verfahren gewisse Schwierigkeiten ergeben. Die wirtschaftliche Entwicklung der vielen von Juden bewohnten Länder hat keineswegs gleichen Schritt gehalten. Der Lrreüt ist nach der Römerzeit bei weitem nicht so tief in die Naturalwirtschaft zurückgesunken wie bas Abendland, hat sich aber' auch-später niemals so hoch darüber erhoben. In Europa selbst sind noch heutzutage die Unterschiede .zwischen Osten und Westen nichts weniger als ausgeglichen, und die Juden als Vertreter einer fortgeschrittenen Wirtschaftskultur in rückständigen Ländern aufzufassen, ist nur sehr' bedingungsweise möglich, weil eben das nationale Wirtschaftsleben, in das sie jeweils eingegliedert waren, als ganzes-zu gelten hat. Einen wichtigen Dienst könnte immerhin der jüdischen Wirtschaftsgeschichte , das übliche Schema der . Entwicklungsperioden leisten. Naturalwirtschaft setzt vorwiegend bei allen Erwerbstätigen Beschäftigung mit Landbau voraus, und je mehr es zur communis opiniö gworden ist, daß die Juden ein Handels- Volk sind, um so schwieriger erscheint es, sich vorzustellen, wie sie dereinst sich agrarischer Tätigkeit gewidmet haben. Da müssen dann Schlüsse aus anderweitig bekannten Zuständen vermittelnd eintreten. Die eigentliche Landarbeit wurde im früheren Mittelalter von einer Klasse Persönlich abhängiger Leute verrichtet, in der das römische Kolonat. seine Fort? setzung fand. Unter diesen an die Scholle gefesselten Bauern hat es dereinst Juden gegeben. Sie sind urkundlich nachweisbar für Sizilien zu Ende des 6. Jahrhunderts. Reste einer solchen Landbevölkerung haben sich vielleicht unter den eingeborenen Juden in Tripolis und Marokko erhalten. Im übrigen ist jedoch sehr zu beachten, daß der Wohnsitz in einer Stadt oder stadtähnlicher Ortschaft agrarische Beschäftigung und den Erwerb des Lebensunterhalts aus Bodennutzung keineswegs ausschloß, sondern ganz im Gegenteil. Die Stadtbewohner des früheren Mittelalters hatten in der Regel Grundbesitz, den sie mit eigener Hände Arbeit oder auch in anderer Weise nutzbar zu machen pflegten.' Bloße Ackerbürger brauchen sie deswegen nicht! gewesen zu sein. Die 'agrarische Beschäftigung ließ ihnen gewiß Zeit genug übrig für. Handelsgeschäfte, aber es kann nicht ein wirtschaftlicher Gegensatz von Stadt- und Landbewohnern bestanden haben, derart, daß die einen ausschließlich sich der' Urproduktion widmeten und die anderen deren Verarbeitung besorgten, wie das später so vielfach der Fall war. Was nun die Juden betrifft, so bildeten sie keine Ausnahme von der Regel. x) Vergleiche Nr. 46, Seite 547 fg. ' Der vorstehende Auffatz war von dein Verfasser, der, wie unsere Leser wissen, inzwischen leider verstorben ist, als Vortrag für die Montagsvorlesungen der .,Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums" bestimmt, er folgt hier nach dem hinter'lassenen Manust .'vt. . > > : Die Red. .. Es ist bereits mehrfach auf emfc Talmüdstelle verwiesen worden, in der R. Jitzchak fick) über die Frage nach der zweckmäßigsten Vermögensanlage'^geäußert hat, und zwar empfahl, der Weise eine Drittelung. Ein Drittel soll man in Grundstücken anlegen, ein Drittel in Waren und' ein Drittel in Händen behalten; ein solches Verfahren wäre heutzutage nicht angebracht/ Der Kapitalist, der sichergehen will, kaust Staatspapiere, und der Geschäftsmann läßt sein Kapital arbeiten. Bargeld aufzubewahren, .verursacht Zinsausfall. Im früheren Mittelälter ist dagegen das Thesaurieren üblich gewesen, der Besitz von Edelmetall und Wertgegenständen galt als Reichtum, und ebenso warf angenommen werden, daß der Rat des R. Jitzchak hinsichtlich des Erwerbes von Immobilien Nachachtung fand. Als Stadtbewohner hatten die Juden Grundbesitz auf dem Lande. Das ist.selbst für Deutschland nachweisbar, in'Südsrankreich und vor. allem in Spanien läßt-sich das gesamte Wirtschaftsleben der Juden überhaupt nur unter dieser Voraussetzung verstehen. Dort finden sich denn auch Einrichtungen, die bisher noch recht wenig beachtet sind. So wird urkundlich schlechthin von terra bledreorum gesprochen, ohne daß der Besitzer genannt ist. Veräußerung jüdischen Grundbesitzes bedurfte der Genehmigung des Königs, nicht nur in Burgund zu Ende des 9.. Jahrhunderts, sondern auch in Navarra im 13. In Kastilien war es damals den Juden verwehrt, Erbgüter der Christen zu erwerben, aber die ihnen selbst seit alters gehörigen genossen Befreiung vom . Kirchenzehnten. Als König Alfons XI. 13M das Verbot erließ, Zinsen zu nehmen, wollte er dafür den Juden gestatten, Güter in allen Stadtgebieten der Krondomäne zu erwerben, und zwar diesseits des Duero bis zum Wert von 30 000 Maravedis Pro Kopf und jenseits bis zu 20 000 Maravedis. Einige Jahre später verlangten die-Cortes von Valladolid, der König möge lieber wieder den Juden zinstragende Darlehen gestatten. In Portugal lastete auf dem Landbesitz der Juden eine , Grundsteuer in der Höhe von einem Achtel des Rohertrages.. Gleichwohl ist gerade dort die Vermögensanlage im Grundbesitz nicht außer Gebrauch gekommen. Don Mosse Navarra, der Rabbimayor oder Schatzmeister des . Königs, hat mit dessen Erlaubnis 1328 aus Gütern bei Lissabon ein Majorat geschaffen, das stets seinen'Nachkommen verbleiben sollte. Aus der Pyrenäenhalbinsel haben, soviel ersichtlich, die alten gesellschaftlichen Zustände der Stadtbevölkerung sich recht lange erhalten. Noch zu Ende des 14. Jahrhunderts geriet Madrid in Verlegenheit, weil geächtete Verbannte die Arbeiter anzugreifen drohten, die von den Aeckern der Bürger die Ernte einbringen sollten. Dagegen ist nun in den nördlicheren Ländern und vor allem in Deutschland die soziale Struktur der Stadt eine ganz andere geworden. Im 14. Jahrhundert, als die »Umwandlung abgeschlossen war, bildeten den numerisch weitaus überwiegenden Teil der Stadtbewohnerschaft die Handwerker, und zwar die Handwerksmeister, also selbständige Gewerbetreibende, die ihren Beruf allein oder doch -mit sehr geringem Hilfspersonal, einem oder zwei Gesellen und Lehrlingen ausübten. Gegenüber diesem kompakten Kern der Bevölkerung trat schon rein zahlenmäßig zurück, was sonst noch in der Stadt lebte, patrizische Altbürger, Geistliche und Juden. Es erscheint daher völlig begreiflich, daß die zu Zünften vereinigten Handwerker durch die Kraft ihrer Fäuste das Stadtregiment an sich rissen mnd den Rat aus ihrer Mitte besetzten, aber auch wo die Patrizier ihre Gewalt zu behaupten vermochten, mußten die Handwerkerinteressen das vorherrschende Element der Stadtwirtschaft bilden, weil es eben die Interessen der. weitaus-überwiegenden Majorität waren. Für die . deutschen Juden ist die Uebergangszeitin der' sich der neue