Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
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und Selbstbescheidung, nach heutigen gesellschaftlichen>Regeln eine Berechtigung, ungehindert sich amüsieren zu können', zu flirten, sich zu küssen, zu animieren, sofern es nur.zum Besten der Armen geschieht. Während die Kinder, die unter den Sittengesetzen der alten Lehre aufgewachsen waren, diese. Lehre in Worten und Taten ihrer Erzieher erleben, und in sich befestigen konnten, müssen heute die Begriffe unserer Jugend notwendig verwirrt werden. Denn sie muß erfahren, daß die Handlungen,, die ihr an sich stets als unerlaubt und verwerflich bezeichnet werden, erlaubt und sogar erwünscht sind, so- / bald sie mit dem Mantel der Nächstenliebe bedeckt werden können. Die Lehre vom Zweck, der die Mittel^ heiligt, kann auf dem Boden der jüdischen Gesetzgebung nicht Wurzel fassen. Liebe üben kann hier nur i n e n g st e r V e r b in d u ng mit Rechttun gedacht werden. Die. enge Verbindung zwischen diesen beiden Begriffen ergibt schon der Sprachgebrauch des hebräischen Ausdrucks für Wohltätigkeit: Zedokoh bedeutet Wohltätigkeit u n d Gerechtigkeit, .es können damit also nur solche wohltätigen Handlungen bezeichnet werden, die den Begriff des Rechttuns mit dem der Nächstenliebe verbinden. Im. prophetischen Judentum finden wir diese Ausfassung verdichtet in der Forderung Michas: Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist, und was der Ewige von dir fordert: Nichts anderes als r e ch t z u tun, L i e b e z u ü b e n u n d i n D e m u t zu wandeln. Wie die Anschauungen des prophetischen Judentums einen Höhepunkt der jüdischen Ethik im allgemeinen bedeuten, so auch im besonderen für die Lehren dM Wohlfahrtspflege. Die weiteste Ausführung der Gebote der Nächstenliebe tritt uns in den Worten Jefaias entgegen: Gib d e m H u n g r i g e n deine S e e l e! Der Bedürftige, dem wir in seiner Not helfen wollen, bedarf nicht nur der Kleidung, der Nahrung und Wohnung, er bedarf vor. allem unserer Ehrfurcht gegenüber seinem Menschentum, um ihm seine Selbstachtung zu wahren. Diese Selbstachtung muß aber einen -bedenklichen Stoß erhalten, wenn wir seine Not, von der. er uns meist nach schwerer.Selbstüberwindung berichtet hat, zum Anlaß nehmen, um ein fröhliches Fest zu feiern, wenn er sein Elend an allen Straßenecken verkündet sieht, verbunden mit der Aufforderung an die Begüterten, die günstige Gelegenheit zu ergreifen, um sich eine vergnügte Nacht zu machen. Es gibt Tausende von Bedrückten, die diese Verletzung ihres Ehrgefühls schwerer empfinden als . die Not, die auf ihnen lastet, die sie bitter und verschlossen macht. Auf diese Weise werden die Klassenunterschiede statt ausgeglichen nur verschärft. Und wenn wir vielleicht gerade bei unseren jüdischen bedürftigen Mitmenschen die Beobachtung machen, daß dieses Ehrgefühl abgestumpft ist durch die jahrhundertelange Knechtung und Beschimpfung, so haben wir doppelte Veranlassung, es zu wecken und zu Pflegen durch achtungsvolles Verständnis für ihr Leid und durch seelenvoll hingebende Hilfe. Nach der Auflösung des jüdischen Staates, als der größte Teil des Volkes verarmt war, wurde eine neue Organisation notwendig', um der 'Not erfolgreich zu begegnen. Jetzt erscheint auch zum erstenmal die Geldmittelbeschaffung für die Armenpflege als ein Problem, das einer verständnisvollen Lösung harrt. In den Schriften des Talmud wird berichtet, daß man zwei Arten von Sammlungen veranstaltete, und zwar: das sogenannte Schüsselalmosen oder Tamchu, eine tägliche Speisensammlung für besonders Bedürftige, und das Büchfenalmosen oder Kuppa, eine wöchentliche Geldsämmlung für verschämte Arme. Es ist nun sehr beachtenswert, daß in dem Augenblick, wo freiwillige Sammlungen für die Armen Einsetzen, man sofort ängstlich darauf bedacht ist, die Form dieser Sammlungen so würdig als möglich zu gestalten, das Ehrgefühl der Armen zu schonen und ihren Vorteil auf das gewissenhafteste wahrzunehmen. Die Sammlungen < und . ihre Verteilung durften nur unter Aufsicht der Almosenvor-. steher geschehen. Zu diesem Amt' wählte" man nur solche» Männer, die sich durch Treue, Rechtschaffenheit und Klugheit . auszeichneten und. sich das Vertrauen ihrer Mitbürger - er-: worben hatten.- Sie mußten, sich stets zu zweien auf ihren Weg begeben und.hatten alles Geld, das sie zufällig fanden oder-erwarben, ebenfalls in die Büchsen zu tun. Die Gestalt ' eines Rabbi Chanina, der eine namhafte Summe aus seinem eigenen Besitz, die zufällig unter die Almosen gekommen war, sogleich mit unter die Armen verteilte, ist ein würdiges Beispiel für' das gewissenhafte Gebaren der Almosenvorsteher. Eine seine Bemerkung voll Psychologischen Verständnisses für die Beweggründe der Geber, die sich in den Pirke Aboth, den Sprüchen der Väter, in der dort eigentümlichen charakteristischen Darstellung findet, zeigt uns, daß man schon damals, erkannt hatte, daß als einzig wünschenswerte Art der Geldmittelbeschaffung eine, üb erz eug e n d e. W-er b etätigkeit anzusehen war, die der freien Entschließung des. einzelnen entspringt, sobald die Notwendigkeit einer armenpflegerischen Fürsorge erkannt ist, und auf 'Grund dieser Erkenntnis dann die Beeinflussung anderer zu gleichem Tun. Es heißt dort: „Vier Klassen-gibt es unter den Atmosenspendernr. Wer gern gibt, aber nicht gern sieht, daß andere geben, dessen Auge ist böse auf das Grit der anderen; wer andere zu geben veranlaßt, aber selbst nicht gibt, dessen Auge ist böse-auf Das Sein'ige; wer selbst nicht gibt und'auch andere zum Geben nicht veranlaßt, der ist ein Frevler; wer selbst gern gibt und auch andere dazu veranlaßt, ist ein wahrer Gottesverehrer." Auch zur Zeit des Talmud beobachten wir, wie man stets bedacht ist, das Ehrgefühl der Bedürftigen zu schonen. Sv wird von dem Talmudlehrer Mar'Ukba erzählt, daß er einem Armen, der in seiner Nachbarschaft wohnte mad dessen Not ihm bekanntgeworden war, täglich 4 Sus in das Niegelloch seiner Tür legte, die er . zum Tagesbedarf benötigte. Der Arme, der gern entdecken wollte, wer sein Wohltäter sei, beobachtete des Morgens den Rabbi und lief ihm nach, um ihm zu danken. Mar Ükba flüchtete jedoch eilig hinter einen geheizten Backofen, der in der Nähe war, um sich dem Blick des Almosenempfängers zu entziehen. Gern ertrug'er die leichten Brandwunden, da er 'vermeiden wollte, daß der Arme bei. seinem Anblick von einem Gefühl der Beschämung beschlichen werden könnte. Dieser Rabbi bewies sicher ein viel größeres Maß von Taktgefühl, als manche Menschen in unserer Zeit, die keine Scheu tragen, durch öffentliche Verkündigungen, die auch den Bedürftigen vor Augen kommen, mitzuteilen, daß man wohltätig sein will, .indem man Vergnügungen veranstaltet. Manches von den hohen Auffassungen der Bibel und des Talmud ist in den langen Jahrhunderten der Bedrückung des Ghettolebens verloren gegangen. Abraham Geiger klagt in seiner Abhandlung „Das Judentum seiner Zeit und die Bestrebungen in ihm": „Daher nun/mußte das Judentum . gänzlich hinter der Zeit Zurückbleiben--es war trübe und unfreundlich in seinen Einrichtungen, es geriet in Widerstreit mit den Wahrheiten, die der Menschengeist gefunden — und es wußte es nicht — auch die Form verlor an Schönheit und Würde." An Freudentagen gedachte man jedoch auch in dieser trüben Zeit stets des noch ärmeren Bruders und nahm besonders Familienfeste gern zum Anlaß, ihm seine Not nach Vermögen zu erleichtern; nie aber wurde diese Not den Juden ein Vorwand, um ein Wohltätigkeitsftst zu veranstalten. '■ .. Vor einigen Monaten 'haben wir die Jahrhundertfeier der Befreiung der deutschen Juden begangen. Wir haben längst' erkannt, daß der Wert, den dieser Befreiungsakt für uns bedeutete, nicht in erster Linie in der ErlöMng von. schwerem,