Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 583 (sequence 7)
- Language
- German
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Tagung in Braunschweig über das Thema „Die Be- - schaffung der Geldmittel für die Bestrebungen d e r f r e i e n L i e b e s t ä t i g k e i t"^) gehalten hat, war eine Umfrage an ca. 1500 Vereine in 80 deutschen Städten veranstaltet worden, die folgendes Resultat ergab: Mitgliederbeiträge: 13,68 Prozent. - Einmalige Beiträge: 18,69 Prozent. - Zinsen: 11,36 Prozent. Kollekten und Büchsen: 2,81 Prozent. Subventionen: 9,99 .Prozent. Betr. Ueberschüsse: 0,42 Prozent. . Arbeitslöhne: 2,49 Prozent. Erwerbsunternehmen: 4,10 Prozent. Rückzahlungen: 0,14 Prozent. Lotterien: 0,9 Prozent. Vorlesungen: 0,1 Prozent. Konzerte: 0,41 Prozent. Theateraufführungen: 0,2 Prozent. Feste: 0,91 Prozent. Basare und Tombolen: 0,6 Prozent. Blmnentage: 3,75 Prozent. Es war dabei auffallend, daß die festlichen Veranstaltungen einen so geringen Prozentsatz gegenüber den Gesamteinnahmen ergaben, trotzdem von den 1500 Vereinen ca. 700 Institutionen, also ungefähr die Hälfte sich an festlichen Veranstaltungen beteiligt hatten. Aus dem überaus interessanten, reichhaltigen Material habe ich nun eine Zusammenstellung der jüdischen Vereine bearbeitet, deren Ergebnisse ich in nachfolgender Tabelle vorführen möchte: Mitgliederbeiträge: 29,1 Prozent (467 695 Mark). Einmalige Beiträge: 40,26 Prozent (646 635 Mark). Zinsen: 16,5 Prozent (266 968 Mark). Kollekten und Büchsen: 2 Prozent (32 964 Mark). Subventionen: 3 Prozent (48 624 Mar.k). Kostenerstattung: 5,5 Prozent (88 430 Mark). Erwerbsunternehmen: 0,25 Prozent (4582 Mark). Rückzahlungen: 0,15 Prozent (2660 Mark). Vorlesungen: 0,25 Prozent (4100 Mark). Konzerte: 1 Prozent (16 450 Mark). Theateraufführungen: 0,72 Prozent (1168 Mark). Feste: 0,92 Prozent (14 872 Mark). Basare: 0,16 Prozent (2617 Mark). Blmnentage: 0,2 Prozent (3289 Mark). Es hatten sich 128 (1468*) jüdische Verine in 38 (89) ' deutschen Städten an der Beantwortung der Fragebogen beteiligt, darunter war unter anderem Berlin mit 33 (144), Frankfurt a. M. mit 11 (55), Köln mit 11 (64), Hamburg mit 5 (95), Kassel mit 5 (35), Nürnberg mit 5 (34), Freiburg mit 5 (22), Aachen mit 5 (13) Institutionen vertreten. Von diesen 128 (1468) Vereinen waren 32 (669) festliche Veranstaltungen abgehalten worden, die 42 496 Mark (2 095 199 Mark) eingebracht hatten, und zwar: 0 (75) Lotterien mit 0 Mark (276 778 Mark oder 0,9 Prozent) Einnahmen, 3 (46) Vorlesungen mit 4100 Mark oder 0,25 Prozent (28 234 Mark oder 1 Prozent) Einnahmen, 1 (59) Theateraufführungen mit 1168 Mark oder 0,72 Prozent (62 346 Mark oder 0,2 Prozent) Einnahmen, 8 (120) Feste mit 14 872 Mark oder 0,92 Prozent (276 474 Mark oder 0,91 Prozent) Einnahmen, 2 (49) Basare mit 2617 Mark oder 0,16 Prozent (181 847 Mark oder 0,6 Prozent) Ein§- nahmen; 5 (189) jüdische Vereine hatten sich an Blumentagen mit einem Erträgnis von 3289 Mark oder 0,2 Prozent (1 144 441 Mark oder 3,75 Prozent) beteiligt. Die Gesamterträge aus den besagten Veranstaltungen ergaben also den geringen Satz von 3,25 Prozent (6,87 Prozent). Diese Zusam- *) Dr. Albert Levh: „Die Beschaffung der Geldmittel für die Bestrebungen der freien Liobestätigkeit." Verlag von Duncker unD humblot,' 98. Heft. 2) Die in Klammern boigefügten Ziffern bedeuten die Zahlen auf der Haupttabelle. menstellungen ergeben in bezug auf die jüdischen Vereine zweierlei: 1. Wie bei der Gesamtzahl der Vereine nur ein ganz geringer Teil der erforderlichen Mittel durch festliche Veranstaltungen aufgebracht wurde, während der Hauptanteil (Mitgliederbeiträge, . Stiftungen, Subventionen usw.) einer intensiven Werbetätigkeit zu verdanken war, sind auch bei den jüdischen Vereinen diese Veranstaltungen nicht notwendig gewesen, um die Hilfsmittel für eine ausgedehnte Wohlfahrtspflege aufzubringen. 2. Während im Gesamtbild 672 festliche Veranstaltungen insgesamt 6,87 Prozent der Einnahmen erbracht haben, verzeichnet die Tabelle der 128 jüdischen Vereine nur 32 Veranstaltungen, deren Gewinn nur 3,25 Prozent der insgesamt für jüdische Wohlfahrtszwecke gespendeten Gelder beträgt. Auf Grund dieser Zusammenstellungen erhellt die Tatsache, daß die notwendigen Mittel für die Bestrebungen der freien Liebestätigkeit auch ohne f e st l i ch e .V e r a n st a l t u n g e n aufgebracht werden können, ganz besonders aber in jüdischen Kreisen, wo die Gebefreudigkeit auch in unseren Tagen noch so groß ist, daß die Einn a h m e n d u r ch festliche Vera n stalt u n g e n übe rhaupt nicht in Betracht kommen, gegen di,e Summen, die bewußt f ü r d i e Armen mit dem Wunsch, sie ih n en unv erkürzt zukommen zu lassen, gegeben werden, ohne dafür als Entgelt ein Vergnügen zu verlangen. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus muß also die Notwendigkeit von festlichen Veranstaltungen zum Besten Armer verneint werden. Man hätte aber noch nicht die Berechtigung erworben/ sie abzulehnen, wenn nicht ernste, sittliche Bedenken vorhanden wären, die in diesen Festlichkeiten Gefahren für die Erziehung unserer Jugdnd einerseits und für das Gedeihen einer ernsten Wohlfahrtspflege anderseits erblicken. Es soll hier einmal untersucht werden, in welcher Hinsicht vom jüdischen Standpunkt aus diese Bedenken gerechtfertigt erscheinen. Zur Zeit des jüdischen Reiches konnte von einem Konflikt bei der Beschaffung von Mitteln für Hilfsbedürftige natürlich keine Rede sein, da eine für unsere Begriffe ideal großzügige Gesetzgebung dafür sorgte, daß ein Zehntel jeglichen Einkommens den Armen zur Verfügung gestellt wurde; der Zehnte bezog sich -zunächst nur auf die Erzeugnisse des palästinensischen Bodens, das Gesetz wurde aber später auf jeglichen Erwerb ausgedehnt; außerdem mußten gesetzmäßig die Ecke des Feldes, die zufällig zurückgebliebenen Garben, die Nachlese der Getreideähren und der Weinernte und der Nachwuchs im Sabbatjahr den Unbemittelten der Bevölkerung überlassen werden. Neben der Festlegung dieser gesetzlichen Forderungen, denen sich niemand entziehen konnte, werden aber freiwillige Spenden wiederholt empfohlen. Schon die Lehren der Bibel hatten den hohen erziehlichen Wert, den die Ausübung der freiwilligen Armenpflege für die Ausübenden selbst in sich birgt, erkannt. Ihnen ist sie ein Mittel zur Vervollkommnung der Menschen. Im 19. Kapitel des Buches Leviticus finden wir als Einleitung die Worte Mooses: Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott, und dann folgen, gewissermaßen um den Weg zu dieser Heiligung zu bezeichnen, alle die Lehren, die die Ausübung der Nächstenliebe den Israeliten zur Pflicht machen. Ein innerer Zusammenhang mit der heutigen Auffassung mancher Kreise scheint unauffindbar: Nach der biblischen Lehre ist die Armenfürsorge ein Mittel zur sittlichen Vervollkommnung, heute bisweilen ein Mittel, sich ein ausgiebiges Tanzvergnügen zu verschaffen — nach den alten Erziehungsprinzipien ein Weg zur Selbstzucht