Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-06 · Heft 49 (6.12.1912) · p. Seite 582

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229015-3229065--69008-3281297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

und diese Eigenart lag und liegt nur auf sittlich-religiösem Gebiete. Der Makkabäerstaat mußte zugrunde gehen, weil die Idee, aus der er errichtet war, eine Verkennung jüdischer Eigenart in sich barg und eine.Trübung der diesem Volke zugewiesenen Aufgabe bedeutete. Denn wie die in der Geschichte überall waltende immanente Gerechtigkeit noch niemals solche Vergehen gegen den Geist eines Volkes ungestraft gelassen hat, so hat sie auch am Judentum den Versuch, ihm Ziele und Ideen aufzupfropfen, die ihm wesensfremd sein und bleiben mußten, bitter gerächt. — Discite moniti! I tfufti?rat M. Sserwsld. eboren am 3. Dezember 1860 zu Thorn, besuchte dort das Gymnasium bis März 1879, studierte von 1879 bis 1882 in Heidelberg, Leipzig und Berlin Rechts- und Staatswissenschaften, machte im Oktober 1882 die erste und im Juli 1887 die zweite Staatsprüfung und bin seit dem 22.. September 1887 in Bromberg als Rechtsanwalt und seit Oktober 1908 als Notar tätig. Im Jahre 1888 wurde ich in das Nepräsentantenkollegium gewählt, dem ich seit dem 1. Januar 1889 bis zu meiner Wahl in den Vorstand der Synagogengemeinde angehörte. Ich bin zurzeit stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes, und sonach fast 24 Jahre ununterbrochen in der Gemeindevertretung. Seit 1903 bin ich unbesoldeter Stadtrat, ohne vorher Stadtverordneter gewesen zu sein. Dem Vorstand der Anwaltskammer für die Provinz Posen gehöre ich seit 1904 an. Im Oktober 1912 wurde ich zum Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses gewählt. Dir lörschsffung von Geldmitteln für Wohlkshrts?weckr vom jüdischen Standpunkt aus. Von Siddy Wronsky. Es war wohl kein Zufall, daß auf der diesjährigen Septembertagung des Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit in Braunschweig die Kongretzleitung den Teilnehmern eine Aufführung von „Nathan der Weise" im Hoftheater bot. Meines Wissens ist der „Nathan" das einzige deutsche Bühnenwerk, in dem die Ausübung einer weisen Wohlfahrtspflege als notwendige Forderung für die Ehararterisierung einer edlen Persönlichkeit zum Allsdruck kommt. Im Verkehr mit seinen jüdischen Freunden, besonders mit Moses Mendelssohn, hatte Lessing Gelegenheit gehabt, die Grundzüge jüdischen Wesens zu erforschen, und wenn er von Nathan behauptet, daß er „so gut als klug, so klug als weise" sei, so haben sich in dieser Behauptung die Erfahrungen und Anschauungen kristallisiert, die er in bezug aus den ethischen Gehalt des jüdischen Charakters in diesem Verkehr erwerben konnte. Die Ausübung einer sittlich vertieften Wohlfahrtspflege wurde schon in den Schriften der Bibel und des Talmud in hervorragendem Mätze von den Anhängern der israelitischen Religion gefordert. Daß dieser Forderung wie den meisten Lehren der starken und reinen Ethik unserer Glaubensgemeinschaft auch in unseren Tagen ihre Berechtigung zuerkannt wird, zeigen die von Breslauer im Jahre 1908 bearbeiteten Zusammenstellungen über die „Jüdische Wohltätigkeit und Wohlfahrtspslege in Deutschland"^, in denen unter anderem aufgeführt *) Breslauer: „Die jüdische Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege in Deutschland," Archiv für Volkswohlfahrt, November 1908. wird, daß in Frankfurt am Main, dessen jüdische Gemeinde 23 476 Seelen zählte, in einem Jahre allein aus einem sogenannten Almosenkasten 106 300 Mark verausgabt wurden, daß 23 Vereine ein Vermögen von über 4 Millionen Mark Nachweisen konnten, und daß 26 Vereine in diesem Jahre: über eine halbe Million verausgabt hatten. Die Berliner jüdische Gemeinde, die 130 000 Seelen umfaßte, hatte nach der erwähnten Zusammenstellung 357 704 Mark verteilt, ganz abgesehen von den beträchtlichen Ausgaben der zahlreichen Privaten Vereine, die teils von Juden für Glaubensgenossen, teils von Juden ohne Unterschied der Konfession errichtet worden sind. Der in diesen Tagen erschienene Bericht der Emilie- und-Rudolf-Mosse-^Stiftung weist einen Ausgabeetat von ca. 80 000 Mark jährlich auf, der ganz von privater Seite bestritten wird. . Ebenso beachtenswert wie der Umfang der jüdischen Wohlfahrtspflege erscheint die vielfach mustergültige Art und Weise ihrer Ausführung. Man sucht überall den Forderungen nach einer vertieften Wohlfahrtspflege gerecht zu werden durch verständnisvolle Erkenntnis der Bedürfnisse unserer Zeit. .So hat die Einsicht in den Wert einer gut organisierten Zentralisation an vielen Orten zu einem Zusammenschluß von jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen geführt, als dessen idealste Gestaltung wohl das in New Bork errichtete Charity Building zu betrachten ist, von dem Münsterberg^) in seinem interessanten Werk über das amerikanische Armenwesen in so anerkennender Weise spricht. So haben sich auch z. B. die Juden der Ausbildung der körperlich und geistig Minderwertigen unter ihren Glaubensgenossen in besonders starkem Maße angenommen, um durch solche Ausbildung dem ' Leben der Unglücklichen, für sie selbst und für die menschliche Gesellschaft, wieder Wert zu verleihen; die Erziehungsanstält für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz, die der Deutsch- Israelitische Gemeindebund vor einigen Jahren errichtet hat, ist auf diesem Gebiet mustergültig und in. Groß-Berlin einzig in ihrer Art. - ' Wenn die Juden es so verstanden haben, den bedeutenden Inhalt ihrer Wohlfahrtspflege mit scharfem Unterscheidungsvermögen in neue wertvolle Formen zu gießen, die den Anforderungen der veränderten Zeitlage entsprechen und mit dem hohen sittlichen Wert der alten Forderungen in Einklang stehen, so scheint es bisweilen doch, als ob in gewissen Kreisen dieses Unterscheidungsverinögen allmählich abgestumpft sei, wenn es gilt, Mittel für die Ausübung der Wohlfahrtspflege aufzubringen. Es -berührt eigentümlich, wenn beim Lesen der Vergnügungsanzeigen in der Zeitung oder an den Anschlagsäulen Berlins das Auge immer wieder auf die Namen jüdischer Mitbürger fällt, die die Aufrufe zu Wohltätigkeitsvergnügungen zum Besten ihrer Glaubensgenossen oder Bedürftiger im allgemeinen unterzeichnen. Die Sorge für Arme und Kranke, die Professor Drews vor einigen Tagen in einem Vortragsabend des Deutschen Monistenbundes als Erbschaft der jüdischen Synagoge, bezeichnete, hat mit der Verkündung der Paradoxe,, daß Man zum Besten der Hungrigen Sekt trinken, zum Besten der Krüppel tanzen, für die Heilung der Trunksüchtigen Likörbuden errichten und, um die Gefallenen zu heben, nach Herzenslust kokettieren will, nichts gemeinsam. Es erschien von Interesse, einmal festzüstellen, inwieweit die Behauptung der Veranstalter, daß Festlichkeiten zum Besten Armer wirtschaftlich zur' Erlangung der nötigen Geldmittel notwendig seien, tatsächlich der Wirklichkeit entspräche. Zu dem Referat, das Dr. Albert Levy auf der vorher erwähnten Münfterberg: „Das amerikanische Armenwesen", Duncker und Humblot, Heft 77 der Schriften des Deutschen Vereins für Armenpflege. . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.