Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
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ältesten Zeiten dazu geführt, geschichtliche Erinnerungstage einzusetzen, die den kommenden Geschlechtern immer wieder vor Augen führen sollten, daß so manche von den Güterndie für . uns so selbstverständlich geworden sind, daß wir kaum noch das -Bewußtsein haben, in ihnen ein wertvolles Gut sehen zu müssen, nicht mühelos uns zuteil gewordene Gaben des Geschickes sind, sondern die Früchte langer, heißer Kämpfe, die, von den Ahnen mit beispiellosem Mute und unter unvergleichlich schweren Opfern durchgefochten, den späten Enkel noch mit ihrem Siegespreis beglücken. Gedanken dieser Art sind es, die das Ehanukkafest in uns auslöst. Lenkt es doch unseren Blick in jene Zeit/ da, in den Tagen der Syrerherrschäft, das höchste Gut, das uns geworden, die Reinheit des Glaubens und die Ungetvübtheit der .Gottesidee, in Gefahr schwebten, von hellenistischen Ideen ver- . drängt und ihrer Eigenart beraubt zu werden. Und diese von seiten des Hellenismus drohende Gefahr war um sv grö ßer, als die „Schönheit Japhets" auf viele einen unwiderstehlichen Zauber ausübte und ein großer Teil des Volkes sich von dem gleißenden Glanze griechischen Wesens gern blenden und gefangen nehmen ließ und nichts sehnlicher erstrebte, als ein völliges Aufgehen und Untertauchen im Griechentum — wobei . wir nicht vergessen dürfen, daß das Griechentum, das hier in die Erscheinung tritt, mit denu was wir darunter verstehen, wenn wir an das Griechentum derklassischen Zeit denken, außer dem Namen und hohlen Äußerlichkeiten kaum etwas gemeinsam hat. Wohl merkten die Frommen im Lande, welche Gefahr dem Väterglauben drohte, doch so lange man ihnen ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit unangetastet ließ, sähen sie, wenn auch mit Groll und Gram im Herzen, dem selbstmörderischen ^Treiben der Griechlinge mit; Verschränkten Armen zu. Erst als der Syrerkönig, dem die Hellenisie- - rung Judäas zu langsam vor sich ging und der den Widerstand auch dieser Frommen brechen wollte, Gewaltmaßregeln zur Anwendung brachte, erst als das Heiligtum aus. Zion entweiht und geschändet war, da kommt der lange angesammelte Groll zur furchtbaren Entladung: die im innersten Lebensmark getroffene jüdische Volksseele bäumt sich auf gegen den rohen Zwang, der ihr Bestes, ihr Heiligstes, der ihren Glauben ihr rauben will und, von Mattathia und seinen Söhnen angefacht, flammt die Fackel des Aufruhrs im ganzen Lande lodernd empor. Bald scharen sich die- Gläubigen, aus allen Teilen des Landes um das von Mattathia entrollte Panier, und als der Shrerkönig seine Truppen aussendet, um die Empörer zur Vernunft zu bringen, da muß er erkennen, welche Wunder von Tapferkeit und Mut ein Volk zu vollbringen vermag, das für seinen von den Vätern ererbten Glauben zu den Waffen gegriffen hat. Aber dieser Krieg, der um des Glaubens willen begonnen ward, bleibt nicht lange das, was er in seinen Anfängen ge-' wesen, bleibt nicht ein Glaubens-, / bleibt nicht ein heiliger Krieg. Des greisen Mattathia tapferer. Sohn, Juda Makkabi, und seine Scharen hatten in Schlachten, die die staunende Bewunderung aller ihrer Zeitgenossen erregten, die Syrer.geschlagen und. den Weg zum Tempel sich erzwungen: das Standbild des Zeus ward aus dem Heiligtum entfernt und. am 25'. Kislew des Jahres 1645 der Tempel neu geweiht. Freudenfeuer verkündeten es weit hin, daß des Syrers Macht im heiligen Lande gebrochen, daß die Zeit' des Glaubens- .und .Gewissenszwanges vorüber sei, daß das Blut der Helden in dem Kämpfe gegen Tyrannenmacht nicht vergeblich vergossen war und daß jeder seinem Gotte nach alter Väter Weife, wieder dienen könne. Das Ziel des Kampfes, die Freiheit des G t a u b e n s , war siegreich erkämpft. .; Und doch. — trotzdem kein Syrerkönig mehr den Juden einen fremden Glauben aufzwingen kann, trotzdem bald auch der letzte syrische Soldat vom Boden Palästinas vertrieben ist: der Kampf'ist damit dennoch nicht zu Ende, der Krieg wird dennoch weiter fortgeführt — nur daß es nicht mehr ein Re-- ligionskrieg ist, der jetzt hier geführt wird, sondern daß das religiöse Ziel, nachdem es erkämpft war, durch ein. anderes, ein politisches ersetzt wird. Die Parole des Kampfes heißt von Juda Makkabis Tode ab nicht mehr Freiheit des Glaubens, sondern Freiheit des Landes, vollständige politische Unabhängigkeit. Und der Tatkraft der .Prüder Juda Makkabis und mehr vielleicht noch ihrer geschickten Diplomatie — denn es ist ein überaus bezeichnendes Symptom, daß nach dem Tode Judas, nach Erringung der religiösen Freiheit, an die Stelle der sprichwörtlich gewordenen .Tapferkeit der Makkabäer ein äußerst geschicktes Diplomatisieren tritt — gelingt es, auch dieses Ziel in verhältnismäßig kurzer Zeit zur Verwirklichung zu bringen, zu einer Verwirklichung, an die noch wenige Jahre vorher .auch die kühnsten Phantasien nicht zu glauben gewagt hätten. Der 18. Elul des Jahres 140 sieht — zum erstenmal seit fast fünf Jahrhunderten — an der Spitze des jüdischen Volkes wieder einen eigenen, freien, unabhängigen Fürsten:' das Zepter war an " Juda zurückgekehrt. Aber nur kurze Zeit dauert des Reiches Herrlichkeit. Schon nach. sieben Jahrzehnten steht der Römer, steht Pompeius vor den Mauern Jerusalems,- und fast genau 100 Jahre, nachdem Juda Makkabi das Heiligtum den Heiden entrissen hatte, dringt wieder ein Heide als Sieger in den Tempel ein: die Mauern Jerusalems werden geschleift, Judäa den Römern tributpflichtig gemacht — die Zeit der Freiheit ist endgültig dahin: Juda ist von nun an Rom untertan und in allem und jedem von Rom abhängig. Das also war der heißen Mühe karger Lohn: ganze sieben Jahrzehnte hatte sich das Land der goldenen Freiheit erfreuen können, die mit so vielen Opfern, mit solch unvergleichlichem Heldenmut erkänrpft war. Wie war es nur möglich gewesen —, das ist die Frage, die sich jedem mit ünabweislicher Notwendigkeit aufdrängt —, daß ein von solch edler Begeisterung, von solch glühender Liebe errichteter Bau nur so kurze, so schmählich kurze Zeit hat bestehen können, daß er,, kaum vollendet, in sich selbst Zusammenbrach? Die Antwort kann für den, der sehen w i l l, nicht zweifelhaftsein: die Bewegung, die Juda Makkabis Vater ins Leben gerufen, war eine rein religiöse gewesen. Die Freiheit des Glaubens hatte er erkänrpfen, die Religion der Väter von unerträglichem Druck befreien wollen: für dieses Ideal hatten seine Getreuen gern und willig ihr Leben geopfert. Als aber dann, nachdem dies Ziel errungen war, andere, politische Ziele in die Bewegung hineingetragen wurden, als die Frucht des religiösen Krieges das Politische Staatsgebilde werden sollte und auch wurde, da erwies es sichdaß das Judentum nur dann stark und gefestigt bleiben kann, wenn es feine Eigenart wahrt und' rein erhält,. , 4 Justizi ar M. vaerwald, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses.