Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
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russischen Regierung unternehmen werde, doch'konnte mail es nicht glauben, baß der französische Ministerpräsident' durch eine solche Kundgebung die russische Bureaukratie' noch ausmuntern und die amerikanische Regierung wegen ihres energischen Schrittes in der Paßfrage verhöhnen werde, wie dies Poincare getan hat- Mit Recht .befürchtet man, daß -diese Haltung Poinoares auch, die französischen Antisemiten aufmuntern und den Antisemitismus in Frankreich von neuem fördern werde. Tatsächlich haben die nationalistischen und royalistischen Blätter das Schreiben Poincarös bereits zu aufreizenden Artikeln gegen die Juden verwendet. Dagegen polemisieren jüdische und nichtjüdische sranzösische Blätter aufs schärfste gegen das Schreiben des Ministers. Sie finden es unzulässig: 1. weil es einem formellen Versprechen keine Rechnung trägt, , » 2. weil es im Namen der französischen Republik eine Sprache redet, zu der sich weder die Julimonarchie noch eine andere Regierung entwürdigt habe, 3. weil es Frankreich von 1912 unter die Türkei von 1815 fetzt, 4. weil die Vereinigten Staaten Amerikas einen viel höheren und gerechteren Sinn für ihre Würde besitzen) - 5. weil sich Frankreich dadurch zum Mitschuldigen Rußlands macht, daß es seinen Bürgern indiskrete und unerträgliche Fragen über ihre Religion raubt. * Die r u s s ifche n D'u m a w a h l e n haben - infolge des , starken Beeinflussens der Regierung ein äußerst trauriges Resultat ergeben. Von 440 Abgeordneten gehören 230 der reaktionären und nationalistischen Partei an, 130 der Opposition, 80 den Oktobristen. Nur drei Juden sind gewählt: Dr. Friedmann in Kowno, Dr. Bomasch in Lodz, Dr. Hurwitz in Kurland. ' Unterdessen sind neue Judenverfolgungen in Rußland zu beklagen. Das „Verl. Tagebb" meldet darüber: - - P e t e r s bürg,-2. Dezember. Mit der Eröffnung der Reichsduma gehen dem-jüdischen Abgeordneten Friedmann zahlreiche telegraphische Klagen über'gewaltsame Ausweisung von hebräischen Familien aus Dörfern und Flecken Podvliens, Wolhyniens und Jekaterinoslaw zu. So wurden vor zwei Tagen aus Lugansk Zweihundert Judenfamilien administrativ ansgewiesen, obgleich die Frage, ob sie zum Bleiben berechtigt sind oder . reicht, vom Senat noch nicht entschieden worden ist. Der Abgeordnete Friedmann erklärt demgegenüber/daß er machtlos sei, dieser Willkür zu steuern, da alle seine Schriften im Ministerium des Innern abgewiesen worden seien. ■* ■ Aus, Bayern schreibt uns unser L. ^.-Berichterstatter: Jin zweiten Bundesstaate des Deutschen Reiches, in Bayern, mit seinen schier unlöslichen konfessionellen Gegensätzen kommen fast allwöchentlich Ereignisse vor, die das Judentum in seiner religiösen, politischen, sozialen Stellung betreffen. So liegen aus der letzten Woche drei Begebenheiten vor, die das Registrieren an dieser Stelle verdienen. .Da ist zunächst eine sehr wichtige Entscheidung des bayerischen Verwaltungsgerichtshofes zu München in einer Frage des Kirchenaustritts; dieser Entscheid stammt zwar aus dem Frühling, trat aber erst soeben an die Oeffentlichkeit. Heft 20 der „Zeitschrift für Rechtspflege in Bayern", 8. Jahrgang, 15. Oktober 1912, berichtet als Urteil des II. Senats vom 10. April 1912: „Der verfassungsrechtliche Grundsatz, däß ein Kind, das rechtsgültig durch die Konfirmation oder Kommunion in die Kirche eines bestimmten Bekenntnisses ausgenommen ist, in dieser bis zum gesetzlichen Unter-. scheidungsalter zu belassen sei, läßt eine Ausdehnung aus di e i sr a c-C i tische G l a u b en s g e s el l,s cha s-t n i cht z.u." Nach dieser Entscheidung' ist bie?b i s h e r i g e b e h öl: Ä l i che A u s - f a s s u n g, wonach fürisraelitische Knaben nach . dem vollendeten 13., fürisraelitische' ' Mädchen ' nach dein -'vollendeten 12. Lebensjahre der Austritt aus der israelitischenGlaubens-Mmeinschaft bis zur Mündigkeit nicht mehr erfolgen konnte, aufgehoben. Die.Begründung der Entscheidung führt aus, daß der 8 18 - der zweiten. Verfassringsbeilage, wonach ein Wechsel des Bekenntnisses der Kinder nach erfolgter- Kommunion oder Konfirmation bis zum erlangten Unterscheidungsjahre (Mündigkeit) nicht, mehr möglich ist, auf die israelitische Glaubensgemeinschaft keine.Anwendung findet, da diese keine Kultushandlung kenne, welcher die Bedeutung einer Konfirmation zukomme. — Sonach leugnet also . hier der Staat juristisch stattsrechtlich, verwaltungsrechtlich nicht nur die modern-jüdische Konfirmation, sondern auch die Barmizwahfeier als rechtskräftige kirchliche Handlung ab! — Wie im Frühjahr -1912 der Führer der bayerischen Konservativen und Orthodox-Pro- .testanten, Landtagsabgeordneter Becky, Rathsberg,, auf dem Parteitage seiner Gesinnungsgenossen zu Nürnberg die Juden aufs schroffste angriff, so „entdeckte zum Schluß der 5.. Jahresversammlung des B und es der Lan d w i r t e i n Baye ru Pfarrer Scholüer (Fürth), daß die Mehrzahl der 'deutschen Presse gar nicht deutsch sei/.sondern deutschfeindlich; schuld daran seien die Juden"-(so'das Referat - in den nichts weniger als philosemitischen „Münchener Neuesten Nachrichten", Nr. 603, S. 3). — Die Z ioni sti s ch e O r t s g r u P P e München veranstaltete am 27. November eine öffentliche Versammlung, in der Referate über „Das bayerische Judeneditk und seine Revision" sowie über „Unser Gemeindeprogramm" mit freier Aussprache erstattet wurden.' Die Einladung enthielt die Begründung: „Da die Revision des Judenedikts in absehbarer Zeit die^ gesetzgebenden Körperschaften beschäftigen wird, dürfte eine öffentliche Besprechung der Frage allgemeinem Interesse begegnen." Das sind dieselben Leute, die bisher jede Teilnahme an innerpolitischen, kommunalen- und ähnlichen Bestrebungen streng verketzert haben. Uebrigens haben die Zionisten Nürnbergs jüngst . die breiteste Oeffentlichkeit durch Protest und Zeitungsnotizen gegen wen dortigen Rabbiner mobil gemacht, weil er durch eine mißbilligende Aeußernng über die zionistische Idee die Kanzel für politische Zwecke mißbraucht habe!. Eine sehr bedauerliche Aeußernng ist jüngst im deut- .fchen Reichstag gefallen. Bei.einer Besprechung über Maßnahme gegen Säuglingssterblichkeit sagte Ministerialdirektor Dr. v: Jo n q ui pes : Wir beklagen die hohe Säuglingssterblichkeit, wir wissen aber alle auch, daß wir sie nicht allein durch gesetzgeberische Akte bekämpfen können. 'Dazu gehören auch Maßnahmen der praktischen ' Verwaltung und der christlichen Liebestätigkeit. (Beifall rechts und In der Mitte: Lachen bei den Soz.) , Wir Verkennen in keiner Weise die segensreichen Wirkungen christlicher Liebestätigkeit. Aber der hohe Beamte sollte wissen; daß in den Gesellschaften und Vereinen, die sich der Säuglingsfürsorge widmen, Juden in ganz hervorragender Weise tätig sind, daß'die aufgewendeten Gelder vielfach von Juden stammen. Die Juden, welche für die allgemeine Wohlfahrt ihre Kräfte einfetzen und ihr Geld spenden, fragen nicht, ob dies nur für Juden geschieht, aber sie Hallen ein Recht,, zu verlangen, daß man ihre Bemühungen nicht vergißt. Der Herr Ministerialdirektor sollte von m e n s ch l i ch e r Liebestätigkeit, von einem Eintreten -aller Konfessionen, aber nicht allein von christlicher 'reden. - ' ' Des Mskkabserreiches Macht und Ende. Von Rabbiner Dr. Schreiber-Potsdam. n seiner akademischen Antrittsrede: „Was ist und. zu J welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" gibt Schiller einmal dem Gedanken Ausdruck, daß wir aus der Geschichte erst lernen, einen Wert aus d i e Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener.Besitz so gern unsere Dank? barkeit rauben. -Die Erkenntnis von der Wahrheit dieses Ge? dankens und der hierdurch bedingten Gefahr hat seit den