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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-12-06 · Heft 49 (6.12.1912) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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zu geben von nachstehender Erklärung der Repräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde, die keine Parteikundgebung ist, sondern ein einstimmig gefaßter Beschluß der bei weitem größten Gemeinde Deutschlands, die wohl das Recht und die Pflicht hat, im Namen des Deutschen Judentums zu reden. Die Resolution lautet: Wir sehen uns' zu folgender Erklärung veranlaßt: 1. Innerhalb des deutschen Judentums bestehen die verschiedensten Anschauungen und Richtungen, die durch das Band der Jüdischen Gemeinde zu einer Einheit zusammengeschlossen sind. Diese unverbrüchliche Einheit kann weder durch Erklärungen liberaler Rabbiner noch durch Erklärungen orthodoxer oder traditionell-gesetzestreuer Rabbiner erschüttert werden. 2. Keiner Richtung im Judentum steht das Recht zu, einer anderen die Zugehörigkeit zur religiösen Gemeinschaft abzusprechen oder ihr den Makel der religiösen Minderwertigkeit anzuheften. 3. Wir bedauern und mißbilligen, daß eine Anzahl von Rabbinern einer bestimmten Richtung für sich das Recht in Anspruch nimmt, religiöse Entscheidungen, Funktionen oder den Religionsunterricht der von den jüdischen Gemeinden erwählten Rabbiner als ungültig oder gefährlich zu erklären. 4. Bei der Wahl der Rabbiner tragen wir den verschiedenen, in der Gemeinde bestehenden religiösen Richtungen Rechnung und werden jedem Vorgehen entgegentreten, das geeignet ift, die Autorität unserer Rabbiner, welcher Richtung sie auch angehören mögen, zu beeinträchtigen. Berlin, den 1. Dezember 1912. Vorstand und Repräsentantenversammlung der Jüdischen Genreinde zu Berlin. Dieser Erklärung hat sich auch der Vorstand der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. angeschlossen. Sir Woche. Berlin, den 3. Dezember 1912. er W a f s e n st i l l st a n d im Valkankrieg ist noch immer nicht definitiv geschlossen. Man sprach schon vom Beginn der Friedensverhandlungen; wünschen wir, daß sie bald beginnen und vom besten Erfolg begleitet sein mögen. Kein Einsichtiger wird sich freilich der Erkenntnis verschließen, daß ein Frieden zwischen den kriegführenden Mächten nur ein zeitweiliger sein kann, daß nach einigen Jahren zwischen den jetzt Verbündeten Differenzen entstehen müssen, und daß es noch einmal zu einer großen Abrechnung zwischen ihnen und der Türkei kommen muß. Völlig geklärt sind auch die e u r o p L i 's ch e n Verhältn i sse keineswegs. Sicherlich ist eine Entspannung eingetreten, aber Rüstungen und Kriegsvorbereitungen werden von verschiedenen Seiten betrieben. Ob der Gedanke einer Botf ch afterkonferenz zur Ausführung gelangt, ob eine solche imstande ist, die Streitfragen im friedlichen Sinne zu Lösen, bleibt abzuwarten. Sehr unklar bleiben die Verhältnisse in Saloniki. Was ist den Juden dort geschehen? Ist ihnen Schutz gewährt morden?. Die Zeitungen melden: Nach einer Meldung aus Konstantinopel hat der dortige Großrabbiner bei den Botschaftern und der Pforte wegen der Ausschreitungen, die nach Privatnachrichten Griechen gegen Israeliten in Saloniki begangen haben, Schritte unternommen und Schutzmaßnahmen verlangt. Der türkische Ministerrat beschloß, der bezüglichen Note des Großrabbinats Folge zu geben. Die deutsche israelitische Gemeinde in Saloniki, hat ihrerseits bei der deutschen Regierung um Gewährung des Reichsschutzes nachgesuchteine Bitte, der, wie wir hören, bereits entsprochen worden ist. Der Reichsschutz erstreckt sich aus die jüdischen Einwohner Salonikis, die nicht deutsche, sondern türkische Staatsangehörige sind: er besteht dann darin, daß diese. Israeliten das Recht haben, sich mit Beschwerden an die deutsche Konsularbehörde zu wenden, die den Umständen nach für sie eintreten wird. Dagegen stellt die griechische Regierung es 'so dar, als wenn den Juden gar nichts geschehen wäre. Die „Voss. Ztg." berichtet: Die griechische Gesandtschaft übermittelt uns folgendes Telegramm, das unter dem 26. November d. I. der Großrahbiner von Saloniki, Herr G. Meier, an den Prinzen Nikolaus von Griechenland, Militürgouverneur von Saloniki, gesandt hat: i „Königliche Hoheit! Ich habe soeben erfahren, daß einzelne englische und französische Zeitungen Nachrichten aus Konstantinopel - und Saloniki veröffentlicht haben, wonach die griechischen Soldaten israelitische Synagogen geplündert und zerstört, junge israelitische Mädchen vergewaltigt und meine Glaubensgenossen terrorisiert haben sollen. Dieselben Zeitungen schrieben, daß ich mich wegen dieser Zustände an die Gesandtschaften von England und Frankreich in Konstantinopel gewandt habe, um deren Schutz zu erlangen. Es ist meine Pflicht und Ehrenschuld, zur Steuer der Wahrheit mich an Sie zu wenden und zu erklären, daß das Rabbinat von Saloniki sich an keine Gesandtschaft in Konstantinopel gewandt hat, noch je daran dachte, sich an eine solche zu wenden. An das Grvßrabbinat in Konstantinopel habe ich seit dem Einzüge der Griechen in Saloniki nicht geschrieben. Was die Klagen gegen Soldaten oder Zivilpersonen betrifft, die in den ersten Tagen der Annektierung an mich gerichtet wurden und in denen nichts von Zerstörung und Plünderung von Synagogen stand, so freue ich mich, feststellen zu können, daß ich diese einzelnen Klagen direkt an die griechischen Behörden geleitet habe, die sich mit sehr großem Entgegenkommen der Sache annahm-en und alles taten, was in ihrer Kraft lag, um die Ruhe und Ordnung in der Stadt aufrechtzuerhalten. Wir verdanken es der Haltung der griechischen Behörden, daß die Ordnung wiederhergestellt worden ist und daß schon einige Tage, nach der Besetzung der Stadt durch die Griechen meine Glaubensgenossen keinen Anlaß mehr hatten, -sich mit irgendeiner Klage an mich zu wenden. Indem ich Euere Königliche Hoheit bevollmächtige, von diesem meinem Briefe den Gebrauch zu machen, den Euere Königliche Hoheit für richtig halten, bitte ich Sie, den Ausdruck meiner größten Hochachtung und meiner vollständigen Unterwerfung entgegenzunehmen. Der Großrabbiner von Saloniki, G. Meier." Hierzu bemerkt das genannte Blatt: lieber Plünderungen von Synagogen in Saloniki haben wir keine Meldung veröffentlicht. Der Brief des Rabbiners Herrn Meier ist vom 26. d., also von vorgestern datiert. Die Nachrichten von den in Saloniki begangenen Ausschreitungen stammten aus den Tagen unmittelbar nach der Besetzung der Stadt. Diese Ausschreitungen hatten zur Folge, daß das Deutsche Reich auf Ansuchen der Saloniker Juden den Schutz der dortigen , deutschen und osmanischen Juden übernahm. Herr Meier schreibt, daß „schon einige Tage nach der Besetzung" kein Anlaß mehr zu Beschwerden war. Vorher war demnach Anlaß dazu vorhanden. Wir nehmen gern zur Kenntnis, daß die griechischen Behörden inzwischen die Ordnung hergestellt haben. * Von einzelnen tapferen Taten jüdischer Offiziere und Soldaten in den Balkanheeren wird berichtet. Zum Beispiel von 'dem Heroismus des bulgarischen Kapitäns Tadjer und -des serbis ch e n Soldaten A v r a m t s ch e, der in einer -besonders kritischen Situation sich dadurch auszeichnete, daß er die Fahne schwang, „Vorwärts" rief und dadurch die Seinen anfeuerte. Er erhielt ein Geldgeschenk und wurde zum Fähnrich ernannt. * Aus Paris wird geschrieben: Das Schreiben, welches der französische Ministerpräsident Poincaro an den Präsidenten der Liga für Menschenrechte Francis de Presensö irr Angelegenheit der Behandlung französischer Juden in Rußland gerichtet hat, hat in den Kreisen der Juden Frankreichs einen geradezu niederschmetternden Eindruck gemacht. Man war wohl darauf gefaßt, daß die französische Regierung keinen entscheidenden Schritt zugunsten der französischen Juden bei der

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