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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-29 · Heft 48 (29.11.1912) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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- L, G. Berlin, 22. November. Eine sehr hübsche Beranstaltung - fand am 16. d. M. ubeuds im Saal der Gesellschaft b’er Freunde '' statt, ein von der Redaktion von „Ost und West" veranstalteter Vortragsabend „Das jüdische Volkslied". Der Saal war sehr voll/ das Publikum unendlich beifallslustig. Die Mitwirkenden Frau B e l l a F a l k - M i n t s ch i n, Herr M. Magidson und Fräulein Bett y X a n n e n b a um, auch der am Klavier begleitende Herr A r n o Nagel, der einige Lieder bearbeitet hatte, waren des Beifalls im sollen Maße wert. Da am 1. Dezember ein Zweiter Abend stattfind'en soll, so sei das Publikum nachdrücklich aus diese merkwürdigen Darbietungen hingewiesen. Es ist ein Genuß ganz eigener Art, diese teils traurigem rührenden, teils freudigen luftigen Lieder zu hören.. Zunächst muten einige in ihrer Herbheit und auch in ihrer Einfachheit etwas fremd an, aber man gewöhnt sich leicht daran und hat an diesen Liedern, die vielfach an deutsche Volkslieder und an manche Werke älterer deutscher Komponisten gemahnenhauptsächlich aber urwüchsig aus jüdischem Milieu entstammen, seine große Freude/ Nur möchte ich den Veranstaltern des Konzerts raten, pünktlicher zu beginnen (der Anfang war auf 8 Uhr festgesetzt, das Konzert begann aber erst um K9 Uhr) und in den Erklärungen zu den Volksliedern und Weisen sich eines etwas natürlicheren und anspruchsloseren Tones zu befleißigen. Die Darbietungen selbst sind ganz vortrefflich und gerade für den deutschen Hörer, der sich anfänglich in dieser Tonwelt schwer zurechtzufinden weiß, eine Quelle wirklichen Genusses. ' Berlin, 26. November. Einen überaus interessanten Vorträg hielt vor kurzem Herr Caspar Lazarus, in Firma Hopp u. Kurzweg, uns Einladung der Berkhold-Auerbachi-Loge im neuen Logenhause der vereinigten Logen U; O. B. B. in der Kleiststraße. Herr Lazarus, der Mitte Mai v. I. eine längere Studienreise durch Spanien gemacht hat, schilderte in fesselnden Worten die Eindrücke, die er dort speziell über Land und Leute sowie über das Leben und Schaffen der Einwohner gewonnen hat. Nach einer allgemeinen Betrachtung über die landwirtschaftliche Beschassenheit Spaniens im allgemeinen ging es im flotten Tempo durch eine Reihe der bedeutendsten und charakteristischsten Städte: wir lernten Madrid als werdende Großstadt mit seinen herrlichen Bauwerken und industriellen Stätten kennen, erfuhren manches Interessante über die dortigen Juden, erfreuten uns an der Umgegend Toledos, begrüßten Andalusien, das berühmte südliche Gelände Spaniens, und kamen schließlich auch nach Sevilla, nachdem wir noch eine große Reihe der schönsten und bekanntesten.Plätze hatten vorüberziehen sehen. Einige besonders markante Eigentümlichkeiten und Gewohnheiten der Spanier schilderte Herr Lazarus eingehender. Es ist auffallend, daß die schwarze Kleidung vorherrschend getragen wird, da sonst in warmen Ländern helle, die Sonnenstrahlen ableitende Stoffe ans rationellen Gründen vorgezogen werden. Wie dem Referenten aus seine diesbezüglichen Informationen mitgeteilt wurde, trauert der Spanier jahrelang, und zwar nicht nur um den Verlust nächster, sondern auch entfernter Verwandter, so daß bei zahlreichen Familien die Trauer fast kaum unterbrochen wird. Bezeichnend ist es, daß der Spanier besonderen Wert auf gutes und blank geputztes Schuhwerk legt, weshalb in den srequentiertesten Geschäftsgegenden große Läden zum Stieselputzen etabliert sind. Zunw Schluß kennzeichnete Herr Lazarus den Spanier als fleißigen Arbeiter und strebsamen Geschäftsmann, der am Eniporblühen von Handel und Industrie regen Anteil nimmt. Auch die Frage der Ansiedelung von Juden in Spanien, der Errichtung eines modernen Warenhauses^ in Madrid wurde ventiliert. Wenn auch, so schloß Herr Lazarus seine von dem Auditorium bis zum Schluß mit sichtlicher Aufmerksamkeit begleiteten Erläuterungen, der Export nach Spanien infolge des hohen Zolles sich noch immer ziemlich schwierig gestaltet, so hoffe und wünsche er doch, daß — falls die politische Situation sich nur etwas bessert — für Deutschland sich drüben ein lohnendes Absatzgebiet ergeben möge. Seine überaus interessanten Ausführungen, zum großen Teil jüdischen Inhalts, wurden durch-eine Serie wohlgelungener Lichtbilder vortrefflich erläutert. y. Königsberg, 22. November. Nachdem erst kürzlich mit der Wahl des Justizrats B ü r w a l d - Bromberg in das Abgeordnetenhaus der achte Abgeordnete jüdischen Glaubens in den Preußischen Landtag eingezogen rst, dürfte demnächst noch ein neunter Abgeordneter jüdischen Glaubens gewählt werden. Bekanntlich ist vor kurzem der rührige Vorsitzende der Fortschrittlichen Volkspartei sin Ostpreußen Justizrat Gyßling'gestorben.' Er vertrat den Stadtkreis Königsberg. Das Mandat ist in sicheren Händen der Fortschrittlichen Volkspartei. An Stelle von Gyßling ist nun-von den Freisinnigen in Königsberg - Stadt unser Glaubensgenosse Herr J u st i z r ä t Li ch t e u st e i n nominierb worden. Herr Justizrat Lichtenstein, ein - Schwager wes bekanntem 'Führers der sozialdemokratischen Partei Rechtsanwalts Haase, gehört der Repräsentantenversammlung der ~ jüdischen Gemeinde. Königsberg an und ist auch Vorstandsmitglied . des Jüdischen, liberalen Vereins, der sich kürzlich in der ostpreußischen Hauptstadt konstituierte. Die Wahl 'findet in "allernächster Zeiü statt, und es darf die Hoffnung.ausgesprochen werden, daß auch Justizrat L ich tenste i n sich gegebenensalles für unser Recht einsetzen wird. — Augsburg, 22. November. Für den Neubau der hiesig e n S h n a g o g e, die in der 'Halderstraße errichtet wird, liegt nunmehr, das Projekt vor, welches in seiner Ausführung, eine neue Zierde unserer Stadt.zuwerden verspricht. Der fast quadratische Platz liegt der Turnhalle und der Schranne schräg gegenüber und ist jetzt noch eine Parkanlage. Die Gebäulichkeiten sollen aus denen des eigentlichen Kultus und jenen der-Verwaltung bestehen. Zu den ersterwähnten zählen dre sehr geräumige Synagoge, an die sich das Werktagsgvtteshaus, der Trauungsraum, ein Versammlungslokal für die Kultusverwaltung, rituelle Bäder usw. anreihen. Die Verwaltungsgebäude werden die Armenpflege, dieSchule,die Rabbiner- und Kantyrenwohnung umfassen. Der Wettbewerb zählt deshalb zu den interessantesten der jüngsten Vergangenheit. Der käuflich erworbene Entwurf Elias II. stammt von den Architekten Dipl.-Jng. I. Th. S ch w ei g h a r t und Friedrich S ch äff er, beide in Augsburg. Ein Zweites Projekt lieferte Herr Architekt Mathias F e l l e r in München und. würde gleichfalls von der Kultusgemeinde Augsburg angekaüst. — Worms, 22. November. Die in London lebende Witwe des vor Jahren verstorbenen Teilhabers der Banksirma Seligmann und Stettheimer, Frau Seligmann, leine geborene Wormserin, stiftete ein Kapital von 10 000 Mark an die hiesige, israelitische Gemeinde mit der Bestimmung, daß die Zinsen des Kapitals zur Ausbildung , in einem Handwerk für einen aus Worms stammenden jungen Mann verwendet werden sollen; im Falle .ein Reflektant aus Worms nicht vorhanden sein sollte, könnte auch ein anderer aus dem Deutschen Reiche stammender junger Mann berücksichtigt werden. Weiterhin stiftete Frau Seligmann eine jährliche Summe von 600 Mark an das israelitische Hospital bis zu ihrem Lebensende. Frankfurt a. M., 25.. November. Mitte Oktober d.. I. haben sich die Frauenvereinigungen der U. O. B. B.-Logen zu einem festen-Verband Zusammengeschlossen und in Berlin ihre erste konstituierende Versammlung gehabt. Hauptzweck dieses Zusammenschlusses. ist: Die E i n h e i t l ich k e i t. der Frauenbestrebungen innerhalb der Logen zum Ausdruck zu bringen und einen ständigen Verkehr und Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Organisationen zu vermitteln. Es soll ferner durch den Verband ein engeres Zusammenarbeiten von Männern und Frauen aus praktischen, ethischen und sozialen Gebieten angebahnt und weiterhin ermöglicht werden, Anregung zur Neugründung von Frauenvereinigungen in solche Stcidte zu tragen, in welchen Bne-Brith-Logen, aber keine ihnen zugehörige Frauenvereine arbeiten. Den Vorsitz des Verbandes hat Frau E. Eschelb a che r - B e r li n übernommen, - während die Schristleitung und Auskunstsstelle nach F r a n k f u r i a. M. verlegt ist und von den Damen Frau Ella Selig mann und Frau Martha Schlesinger versehen wird. Gleich in der konstituierenden Versammlung beschloß der Verband, sich dem Jüdischen Frauenbund als korporatives Mitglied anzuschließeu. L. Mainz, 22. November. Vor jetzt 80 Jahren, im Jahre 1832, richtete, ein jüdischer Einwohner von Mainz an den Vorstand der israelitischen Gemeinde dortselbst die Bitte, seiner verstorbenen Frau einen Grabstein mit deutscher Inschrift setzen zu dürfen, da „die hebräische Aufschrift, die allein zugelassen war, nicht mehr vön allen verstanden, werde und die fortgeschrittene Zeit es verlange, daß man von diesen veralteten Vorschriften abgehe." Schon-am nächsten Tage erhielt er die Erlaubnis mit der Einschränkung, daß für die Jahreszahl die jüdische Zeitrechnung genommen werden müsse. Nun ist es .interessant zu erfahren, daß. der damalige Vorsitzende der Mainzer Gemeinde,/der für die Grabinschrift die Beibehaltung der Jahreszahl nach, der jüdischen Zeitrechnung verlangte, der bekannte Dernburg. war, der Großvater, des späteren Kolonialministers. Dernburg legte einige Jahre später sein Amt nieder und trat zum Christentum über. Die hessische Regierung beförderte dann den jüdischen Advokaten zum Oberstaatsanwalt... . . - Gesterreich-Llngaru. - K. Wien, 22. November. Hier werden gegenwärtig große. Vor-: bereitungen für den jüdischen Turntag getroffen, -der am 8. Dezember

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