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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-29 · Heft 48 (29.11.1912) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 29. November 1912 76. Jahrgang Nr. 48 Vellage zur „Allgemetnen Leitung deß IudentumK". Sorrelpondkn?m und Kschnchtrn. Deutschland. ^2 Berlin, 26. November. Die vom letzten außerordentlichen Gemeindetage eingesetzte „G e m i s ch t e K o m m i s s i o n" zur Beratung der Frage, ob das Proportionalwahlrecht - für die Ausschußwahlen des Gemeindebundes geeignet erscheine. Hat am 20. d. M. eine Sitzung abgehalten. Der Referent, Herr Landgerichtsrat Loewe, legte in einem objektiven Referat die Vor- und Nachteile dieses Wahlsystems eingehend dar. Seit einem Jahrhundert kennt man die Theorie dieses Systems, ohne daß es sich jedoch irgendwie weite Gebiete erobert hätte. Der Vorteil dieses Systems sei, daß jede Stimme gleichberechtigt und jede Partei zu ihrem Rechte gelange. Allein die praktische Ausführung sei schwer. Das System der gebundenen Listen gestatte die Ausschaltung der Führer der einzelnen Parteien, und der Hauptnachteil bestehe darin, daß das persönliche Moment ausgeschaltet wird und immer nur lediglich die Partei Objekt und Subjekt des Wählens ist. Für leitende Behörden fei dieses Wahlrecht fast nirgends eingoführt. Der Ausschuß habe sich bisher von allen Parteitendenzen serngehalten, führe man aber das Proportionalwahlrecht ein, dann bekäme man Parteifraktionen. Aber der Ausschuß solle nicht von Parteimännern besetzt werden. Er gelangt zu einer Ablehnung dieses Wahlsystems. Rechtsanwalt Cohn-Dessau spricht sich, obwohl prinzipieller Anhänger des Systems für politische Wahlen, gleichfalls gegen die Einführung des Proporzes aus. Er befürchtet eine Zersplitterung, und er hält dieses System für den Gemeindebund unangebracht, da er weder eine politische noch religiöse Behörde sei. Es sprachen dann noch die Herren Rechtsanwalt Dr. Kollenscher, Loewy-Rawitsch und Loeb für die Einführung, Sanitätsrat Peyser-Königsberg N.-M. gegen die Einführung. Der Gemeindebund habe in § 2 der Satzungen festgelegt, daß alle politischen und religiösen Streitfragen nicht vor das Forum des Gemeindebundes gehören, die Einführung des Proporzes dem Grundgesetze des D. I. G. B. widerspreche. Nach längerer Debatte, an der sich eine Reihe weiterer Herren beteiligte, und, nachdem Herr Viktor-Wandsbek unter Hinweis daraus, daß in Hamburg die Verhältniswahlen für die Repräsentanten eingeführt seien, einen nach dem Hamburger Muster ausgearbeiteten Entwurf vorgelegt und dessen Annahme befürwortet hatte, wurde schließlich auf Antrag des Herrn Landtagsabgeordneten Dr. Cohn die Einführung der Proportionalwahl für die Ausschußwahlen des Gemeindebundes mit überwiegender Majorität abgelehnt. — Der Sitzung der „Gemischten Kommission" war eine kurze Tagung des Ausschusses vorangegangen, in der die neuernannten Ausschußmitglieder eingeführt und die einzige noch freigeüliebene Stelle im Kollegium durch Herrn Kantor Fabisch aus Göttingen besetzt worden ist, nachdem der in der vorigen Sitzung gewählte Herr Rechtsanwalt Hantke-Berlin. die Wahl abgelehnt hatte. Ferner wurden für den notwendig gewordenen Bau eines Mädchen- Fürsorgehauses an Stelle der Mieträume in Plötzensee einstweilen l 0000 Mark bewilligt. — Berlin, 26. November. In einer am 24. d. M/ in Berlin stattgehabten, von den Herren Siegfried Brünn und Justizrat Dr. Horwitz einberufenen und von letzterem geleiteten Versammlung der Vertreter der deutschen Lokalkomitees der Alliance Isra 4 lite Universelle sind einstimmig die schon von einer Vorkonferenz angenommenen und von dem Zentralkomitee in Paris genehmigten Grundzüge zum Beschluß erhoben worden, in welchem die Beziehungen der deutschen Mitglieder-der Alliance untereinander und zu dem Zentralkomitee eine neue Regelung gefunden haben. Es treten danach alle in einem größerem Bezirk stehenden Lokalkomitees zu einer Anzahl von Bezirkskomitees und. diese wiederum zu einer freien deutschen Organisation zusammen. Ein unter der Oberleitung des Zentralkomitees stehendes deutsches Bureau wird gebildet, und ein Präsentationsrecht für die Wahlen der deutschen Mitglieder des Zentralkomitees ist der deutschen Organisation Vorbehalten. Damit haben durch das einmütige Zusammenwirken der deutschen Lokalkomitees die Streitigkeiten, welche innerhalb der Organisation der A. I. U. zum lebhaften Bedauern aller, die es mit dieser eminent menschenfreundlichen Sache gut meinen, längere Zeit obgewaltet haben, ihr Ende gefunden, und es ist der Freude über das Zustandekommen des Friedenswerkes und der Liebe zum Werk der Alliance begeisterter' Ausdruck gegeben worden. Durch den Friedensschluß ist ein kräftiges Emporblühen des Alliancegedankens in Deutschland bestimmt zu erwarten. A. F. Berlin, 26. November. Im Verein für Jüdische Geschichte und Literatur sprach am 21. d. M. Geheimrat Prof. N u d. Kittel- Leipzig über „Mose". Mit Freude habe ich", so begann der Redner, „der Einladung desVereins Folge geleistet; denn neben vielem, das uns trennt, gibt es Großes und Erhabenes, das uns alle einigt." Der Redner unterzieht zuerst die Periode der ersten jüdischen Geschichte einer näheren Betrachtung, um die große Gestalt, die uns da entgegentritt, würdigen zu können. Als geschichtliche Bezeugung für diese. Periode diene in erster Reihe die Bibel. Obwohl diese erst zur Zeit des staatlichen Aufschwunges Israels unter David ihre schriftliche Auszeichnung erhalten habe, so hätten doch bis dahin die geschichtlichen Ereignisse in der mündlichen Ueberlieserung des Volkes gelebt. Wahrscheinlich wurden sie zu jener Zeit als epische Gesänge von wandernden Vvlkssängern an den Feiertagen vorgetragen. Der Dekalog gehe auf Mose selbst zurück. Die Frage, ob Israel überhaupt in Aegypten gewesen ist, sei entschieden zu bejahen. Das wird auch von den neueren Forschungen in Aegypten bestätigt. Ramses II. habe einen Teil der Hebräer unterjocht. Unter seiner Herrschaft haben die Israeliten die schweren Frondienste leisten müssen, da er als prunkliebender König große Bauten und Städte errichtete, u. a. Pithom und Ramses. Unter seinem Nachfolger Merneptah, zu dessen Zeit große Unruhen in Aegypten herrschten, habe Israel das drückende Joch der Sklaverei abgeschüttelt (1222 v. Chr.). Tatsache sei es nun, daß Israel schon sehr früh ein hochentwickeltes nationales Bewußtsein besessen habe. Das Wunder beim Durchschreiten des Roten Meeres, von dem die Bibel berichtet, sei in dem wunderbaren Zusammentreffen der Naturerscheinungen zu verstehen. Auch die Existenz Moses habe die Geschichte geglaubt in Zweifel ziehen zu niüssen. Das sei entschieden unrichtig. Kein Volk, keine Gemeinschaft habe aus sich selbst entstehen können. Das deutsche Volk bedurfte bei feiner Einigung einer Persönlichkeit, die den im Volke lohenden Funken zu Heller Flamme entfachte. Israel besaß schon in so früher Zeit ein nationales Bewußtsein und war schon damals zur Erkenntnis des ethischen Monotheismus gelangt. Der Genius, der in ihrer Mitte diesen hohen Gedanken lehrte, war Mose."—„In neuerer Zeit", bemerkt der Redner zum Schluß, „hat man versucht, die jüdische Religion zur Rassenfrage zu machen. Das ist fahr töricht. Eine große Religion hat ein Genius aus arischem Stamme verkündet, das war Zarathustra; eine noch größere hat ein Genius aus semitischem Stamme verkündet, nämlich Moses." Lebhafter Beifall folgte diesen hochinteressanten wissenschaftlichen Ausführungen. — Aus den auswärtigen Vereinen: In Hohensalza und Briefen (Westpreußen) sprach Rabbiner Dr. Wiese l-Hohensalza über „Das moderne jüdische Leben in Palästina"; in Schlochau Kantor Ehrenberg über „Shylock und Nathan"; in Oldenburg Rabbiner Dr. Lewinsky- Hildesheim über „Gabriel Rießers Leben und Wirken"; in Hameln Prof. Dr. ,Goldstein - Darmstadt über „Das deutsche Geistesleben der Juden"; in Kattowitz Dr. N. Birnbaum-Berlin über „Das .Wesen und Bedeutung der jüdischen Sage"; in Königsberg i. Pr. Dr. E r n st C o h n - W i e n e r-Verlin über „Das Judentum in der Kunst der Völker"; in Stendal Oberkantor Wolf, Halle a. S. über Synagogenmufik; in Mannheim Rabbiner Dr. U n n a über „Den Chassidismus"; in Bruchsal Herr Schauspieler Alfred A u e r b a ch-Franksurt a. M.: Rezitationen; in Eberswalde Rabbiner Tauber- Berlin über „Maimonides und seine Zeit"; in Lissa i. P. Dr. P o - ritzky-Berlin über ,;Die Berliner Boheme"; Rabbiner Dr. Neuh a us - Ostrowo über „Judentum und Weltanschauungen im Wandel der Zeiten". — Der Vorsitzende Justizrat Nürnberg widmete dem verstorbenen Rabbiner Dr. Samuel Bäck, dem bisherigen Vereinsvorsitzenden, einen Nachruf.

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