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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-29 · Heft 48 (29.11.1912) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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geht die Jüdischkeit Zugrunde!" - — Hildesheimer/.Lehmann und Hirsch in einem Atemzuge zu nennen, galt zeitweilig in manchen Kreisen als Hochverrat! Dr. I. Hildesheimer wurde entgegen seinem Erwarten und dem Eintreten anderer nicht zur Begründung der Freien Vereinigung auf Betreiben Frankfurts eingeladen, angeblich, weil sonst das Judentum in Gefahr käme! Der Dozent Dr. Hossmann, der von Dr. Cahn-Fulda als Autorität erachtet wurde, einen Jssur betreffend Lehrerverband auszusprechen, wurde von eben demselben Dr. Cahn disqualifiziert, als es galt/ dem Nabbinerverband anzugehören! Cahn-Fulda ließ sich eine Schlinge geben, die er seinem Lehrer Dr..Hpsfmann selbst um den Hals legte! 40 Jahre kämpfte die Orthodoxie gegen die Mezizahangrisfe, um schließlich eine Neuerung cinzuführen! Allerdings gehörte ein S.. R. Hirsch dazu, der von Cahn-Fulda dazu angeregt wurde! Andere zogen ihre Schlüsse! Seien wir daher vorsichtig und gerecht, bevor wir eine Razzia gegen die. „9teuen" inszenieren! 12. Ohne Furcht und ohne Terrorismus muß in ruhiger lieber-' legung ohne Ueberstürzung und ohne Vergewaltigung nach rechts oder links, die Sachlage erwogen werden. Wir dürfen nicht-mit Rücksicht aus bestehende Organisationsbestrebungen, um etwa die orthodoxen Massen oder die orthodoxen Kollegen eiligst zu fanatisieren oder zu düpieren, voreilig eine so tiefgreifende Operation vornehmen, wie sie m Zeitungsartikeln usw. vorgeschlagen worden ist. Die Einführung von Jichusbüchern usw. mit entsprechendem Zentralarchiv ist meines Erachtens bei vorläufiger Meinungsäußerung, ohne Definitives sagen zu wollen, eine unnötige, verderbenbringende Kinderei! — Jichusbücher wurden abgeschafft, weil ihre Einrichtung schmählich zum Nachteile des Ansehens von Familien mißbraucht worden ist! — Die Charaktere sind inzwischen nicht besser geworden! — Die Durchführung der Institution ist unmöglich! Die Präsumtion, daß alle jüdischen Familien koscher sind, dürfen wir uns jetzt nicht rauben lassen! — Die Zukunft überlassen wir Gott! — Eine solche Völkerwanderung besteht jetzt unter den Juden, so daß die Institution der Jichusbücher schwerwiegendere Schäden im Gefolge haben könne als der Chalizah- und Scheidungsakt. Um schließlich der Regierung in Preußen, in Bayern oder sonstwo ein Schriftstück als Erklärung der deutschen Rabbiner vorzulegen, das zum Schutze der Orthodoxie eventuell nötiger wäre, bedarf es nicht einer Abweichung von dem Wege der Wahrheit und Besonnenheit! Man soll es sich erst hundertmal überlegen, ob man persönlich die wissenschaftliche Begründung der Dogmen und der Gesetzesentwickelung beherrscht, bevor man gegen andere soweit vorgeht, um sie aus der Gesamtheit Israels oder dergleichen auszuschließen — wozu den orthodoxen Rabbinern die Qualifikation fehlt. Ein Pastor jeder christlichen Konfession muß ganz andere diesbezügliche Vorbildung über Dogmen usw. besitzen! Nebenbei sei folgendes bemerkt: Soweit mir bekannt, ist Thauro min haschomajim nicht von allen denen so grundlegend geleugnet worden, denen man es vorwirst! Ein indirektes, ketzerisches Heraüsdestillieren oder Hineininterpretieren ist bei einem ernsten Verfahren nicht zulässig! Es handelte sich nicht um Glaubens-' lehre, sondern um Richtlinien! —-Vergrößern wir die Differenzen nicht, dam: haben wir festen Boden unter den Füßen aus Grund der Wahrheit des nüchternen rabbinischen ^Judentums!-Das Judentum rechnet mit größeren Zeiträumen als mit einem Zeitalter, es erblickt prophetisch in dem bereits scheinbar vollständig abseits Stehenden den Samen für Leuchten des Judentums, die aus ihm in später Zeitenfolge erstehen können! Auch Ahnenstolz soll dadurch auf das richtige Maß hinabgedrückt werden! Und der Talmud berichtet uns über viele Abstammungen, denen kein Jichus zugrunde lag! Darum sind diejenigen Auffassungen in Streitschriften der jüngsten Zeit, welche nur den Einzelmenschen und noch dazu einseitig ins Auge fassen — und zum Beispiel für abseits Stehenden den Kommunalfriedhof ersehen — (Breuer, Friedhoffrage) — durchaus im Gegensatz zum rabbinischen Judentum! Seien wir vorsichtig, bevor wir das Pendel zur Ruhe bringen. . 13. Wir haben keine Faktoren, die über Klalljißroel zu verfügen hätten! Selbst die ausgebaute Agüdah hätte ebensowenig im Namen der Judenheit zu dekretieren oder autoritative religiöse Entscheidungen zu treffen, wie der Zionismus im Namen des jüdischen Volkes ernstlich legitimiert sein will. 14. Darum.kommen selbst „Reschoim" nicht vors Gericht zu stehen, weil auch Zaddikim in der Gemeinde zur Klasse der Sünder zählen. (Psalm 1, V. 5.) In diesem Sinne haben nach Erklärungen der Alten sozusagen solche Zaddikim nicht einmal ein Recht," über^wirkliche Neschoim zu Gerichte zu sitzest) und noch weniger über ganze. Gemeinden beziehungsweise über nichtorthodoxe Familien usw.! Ein ganzer Halber ist mir lieber als ein halber Ganzer, lautet in anderem Zusammenhänge das Unterhaltungswort eines. ^Weisen, der vor- Jahren nicht abgeneigt war, denjenigen für einen Heuchler zu erklären, welcher auf die deutschen „Poschim" hinwies, daß sie manche Gesetze mißbräuchlich in Anwendung zu bringen raten würden! Es bekundet meines Erachtens in vielen Fällen entweder Niedrigkeit der Gesinnung, Hochmut, Herzlosigkeit, Gedankenlosigkeit oder Unwissenheit, wenn selbst Insassen der Hochburg der Orthodoxie sich an jene sogenannten Poschimkreise wenden und an deren jüdisches Herz und an ihre jüdische Gesinnung appellieren, um Mizwäh- und Zedökahgelder zu erbitten und zu nehmen, und jenen Personen damit doch eigentlich anständigerweise die Gelegenheit bieten, eine jüdische Mizwah zu. üben, das heißt ihnen das religiöse Verdiensteines „Sechuß" zu bereiten, — und wenn man dann hinterher ihnen öffentlich oder in Gedanken die Zugehörigkeit zum Klalljißroel und jede Jüdischkeit absprechen will! — Soweit wird es bei uns in Deutschland gewiß nicht kommen! „Das Judentum in der Zedokahbüchse" wird nicht in mißbräuchlicher -Weife ausgenutzt werden, wenn man den Talmud über den Wert der Zedokah beherziget! — Man wird Deutschland niemals sagen dürfen: „Uns gehört deine Zedokah, deine milde Gabe, dein frommer Dienst, den du uns leistest, und dir gebührt „Bauscheß Ponim", die Beschämung hier und dort!" Ich glaube, aus einen solchen Pharisäer wäre das Wort cmzuwenden: Weolow jvziz nisrau! (Psalm 132, 18)-- Zur Grundbedingung für die Behandlung aller Zeitfragen gehört das Prädikat, „ein Freund Israels" zu sein, welches die höchste Zierde Moses bildete! Möge ein „Auheiw Jißroel" zu allen Zeiten das Uebergewicht erlangen. König Salomo hat in seiner Weisheit derjenigen Mutter das Kind zuerkannt, welche gegen die . Teilung desselben war! — — Gott hat sein ganzes Volk auserwählt! Israel in seiner Gesamtheit wird genannt: „Mein Kind, mein erstgeborener Sohn, nicht aber hat ein einzelner Kreis das Recht, sich ausschließlich „Kind Gottes" zu nennen! Mit den zehn Stämmen ' erhoffen wir eine Wiedervereinigung! Viele begeistern sich heute für die Mission unter den Fallaschas! Sorgen wir dafür, daß nicht durch orthodoxe Widerwärtigkeiten unter den deutschen Juden deutsche Fallaschas entstehen, denen durch unsere Schuld das Bewußtsein abhanden käme, zu Gesamtjißroel zu zählen! Diese vorläufigen in Eile hingeworfenen Gedanken bedeuten meine Stellungnahme zum Rundschreiben, das ich am 14. d. M. erhalten habe. Rabbiner Dr. I m m a n u e I Plato. * Sehr geehrter Herr Geheimrat! Voll einer Reise heimgekhrt, finde ich eine hebräisch und jüdischdeutsch abgesaßte Drucksache mit Poststempel Minsk 27. 10. 12 vor, die von einem Rabbiner Rosenblum in Dawid-Horodok, Goub. Minsk unterzeichnet ist, und den Zweck hat, die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf die sicheren Kuren des dortigen Rabbiners zu lenken. .Dieser — heißt es im Prospekt — ist als Heilkünstler bewährt, seine Medikamente erweisen sich als unübertrefflich, und schon oft ist durch sie der Name Gottes geheiligt worden. „Der Kranke brauche nicht persönlich zu ihm zu kommen, es genüge, wenn er brieflich sein Leiden mitteile und eine Marke für Rückantwort beilege"; dann erhält er die nötigen Medikamente durch die Post per Nachnahme." Die Krankheiten, die der Rabbiner zu heilen vermag, sind im Prospekt genau angeführt. In anderem Sinn und in anderer Absicht, als es in diesem Schriftstück gewünscht wird, scheint es mir erforderlich zu sein, der Öffentlichkeit davon Kenntnis zu geben. Es ist die böseste Kurpfuscherei, die hier betrieben und cmgepriefen wird, um so böser, da ein Rabbiner der Kurpfuscher ist. Daß ein chassidischer Wunderrabbi alle Krankheiten zu heilen vermag, gegen welche die Aerzte machtlos sind, 4st nichts Neues. Interessant und neuartig' ist die Modernisierung dieses Geschäftsbetriebes durch Versendung von Zirkularen selbst ins Ausland. Man muß es den Leuten lassen, daß ffe mit der Zeit mitgehen — freilich nur, wenn es gilt, das Zurückbleiben hinter der Kultur noch mehr hervortreten, zu lassen. Mit hochachtungsvollem Gruße Ihr ganz ergebener Vogelstein. Königsberg i. Pr., 18. November.

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