Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- 572 -— Reden deutlich zum Ausdruck. „An den überlieferten Satzungen festhaltend, will ich mich nicht der fortschrittlichen Entwickelung des Judentums verschließen. Meine Losung ist - das an. Abraham gerichtete Gotteswort: „Hithalech lefonoi" schreite fort vor mir. Religion (Dath) und Wissen (Daath), Kultus und Kultur müssen Hand in Hand gehen." Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, beantragte er in der Schulkommission die Gründung eines Rabbinerseminars. Anderseits warnte er die Stürmer vor Uoberstürzung, welche eine Zerklüftung des Judentums nach sich ziehen könnte. Er wies auf die verhängnisvollen Folgen der Loslösung eines Stammes von Israel hin, welche im Monat Schebat, in welchem der Kongreß tagte, einst stattgefunden hat. Allein sein Mahnruf verhallte in.der leidenschaftlich bewegten Versammlung. Wohl gelang es seiner Klugheit und Friedensliebe, manche Gegensätze auszugleichen und. die Parteien einander näher zu bringen, den Keim der Spaltung zu erdrücken, vermochte auch die Kraft seiner Autorität nicht. Mit Selbstüberwindung harrte er bei den Beratungen bis zum Schluffe aus. Traurigen Blickes sah er in die Zukunft, sah er die Teilung der Gemeinden, welche wie ein Riß ihm durch die Seele ging. Die Wirren und Verirrungen in der ungarischen Judenheit waren seinem harmonischen Wesen zuwider. Er zog sich zu-' rück und war froh, in seiner eigenen Gemeinde die vollkommene Eintracht zu erhalten. Ihren Mitgliedern widmete er seine ganze Tätigkeit. In ihrer Mitte wurde er geschätzt und , geliebt wie im Kreise seiner Angehörigen. Im Hause Weißes herrschte ein inniges, patriarchalisches Familienleben. Seine biedere Gattin unterstützte ihn im humanen Wirken und nahm an der Erziehung der Kinder regen Anteil, welche der Stolz und die Zierde seines Alters waren. Besondere Freude erlebte er an seinen beiden Söhnen, an Dr. Arnold Weiße, dem verstorbenen Redakteur des „Hamburger Fremdenblattes", Verfasser mehrerer Novellen und eines Epos, und an Dr. Samson Weiße, des bekannten Berliner Rabbiners. Freude bereiteten Weiße auch seine Schwiegersöhne, der Oberrabbiner von Bulgarien, Dr/ M. Grünwald (starb in London 1895)'und Religionsprofesfor M. Antscherl, Exhortator im Wiener Stadttempel und Ortsschulrat. So beschloß Joseph Weiße sein zufriedenes und glückliches, an Arbeit und Ehren reiches Leben am 2. Dezember 1897 im Alter von 85 Jahren. Er schied mit dem Bewußtsein, manches Werk geschaffen zu haben, welches seinen Namen und sein Andenken in der Erinnerung der Nachwelt erhalten wird. - W i e n. , Dr. Ad. Frankl-Grün. Line Milche Lürgerwehr in Warschau? . Von S. Horowitz. n dem kostbaren und gegenwärtig schon seltenen Album \ des Polnischen Heeres aus der Zeit des Novemberaufstandes (1830), herausgegeben von Dietrich, stellen die letzten drei Blätter charakteristische Typen der jüdischen Stadtgardisten und' die Sicherheitswache, die auf Befehl des Diktators Chlopiki gebildet wurden, dar. . Diese Illustrationen, die durch das Komische der Typen und Trachten unwillkürlich ein Lächeln Hervorrufen, haben eine seriöse historische Basis und verdienen eine eingehendere Beachtung, um so mehr, als die Tatsache, deren Ausdruck sie sind, bisher noch von niemandem gebührend erörtert wurde. *) Nach dem Polnischen von A. Kraushaar im „Tygodnik Jllustrowanh". '. Wir wollen also, zu den Zeitungen aus dem Jahre 1831' greifen, und aus ihrem Inhalt werden wir den Stoff zum Ausfüllen des Bildes jenes denkwürdigen historischen Momentes schöpfen. ' Gleichzeitig mit der Uebernahme der Diktatur durch den General Chlopiki und auf seinen Befehl hatte die provisorische Jnsurrektionsregierung Verordnungen hinsichtlich der Organisation einer Nationalgarde in Warschau erlassen. Jeder Eigentümer eines Hauses und Geschäftes, Kapitalisten, Handwerker und Beamte, die wenigstens ein Jahresgehalt von dreitausend (polnischen) Gulden bezogen, wurden der Nationalgarde eingereiht, die aus zwei Infanterieregimenten und zwei Kavallerieschwadronen bestehen sollte. Von dieser Pflicht wurden die Juden ausgeschlossen, die statt des persönlichen. Dienstes eine Geldsteuer entrichten sollten. Diese Verordnung rief in den jüdischen Kreisen, die bürgerlich aufgeklärt waren, ein Murren hervor und der Ausdruck dieser Stimmung war ein Aufruf gedruckt in Nr. 368 des „Kuryer Polski" aus dem Jahre 1830, in welchem ein Sohn Berek Joselowicz', des bekannten Anführers eines jüdischen Regiments aus dem Jahre 1793, der im Jahre 1809 bei Kozk 'Während des österreichischen Feldzuges gefallen war, die polnischen Juden zur Verteidigung des Vaterlandes, für welches „alle rechtschaffenen Kinder Polens der gemeinschaftlichen Mutter zu Hilfe eilen, ausforderte. In Konsequenz dieses Aufrufes überreichte eine Gruppe jüdischer Bürger, bestehend aus den Deputaten Simon und Bermanm Rosen, Dr. Wolf, N. S. Brün er, L. Saulsohn, A. Wertheim, Jffer und Simon Kohen, Dr.. Bernstein, Leopold Leo, Dr. Jakob Epstein, Ludwig und Lewin Salinger, Sigmund Theodor und Leopold Toeplitz, Anton Eifenbaum, Ru- *- dolf May, ' Brüder Löwenstein, A. Merzbach, Heinrich und Martin Samelson, Rafael und Nikolaus Gutmann am 20. Dezember 1830 eine Eingabe an die Provisorische Regierung, die Supplikaten zum Persönlichen Dienst in der Warschauer Nationalgarde zuzulassen. Auf Befehl des Diktators, kundgegeben in der Proklamation des Staatssekretärs vom 25. Dezember 1830, Zahl 413, wurde der obigen Bitte Folge gegeben. . In Nr. 379 vom 3. Januar 1831 brachte der „Kuryer Polski" den Beschluß der Regierung in dieser Angelegenheit zur allgemeinen Kenntnis mit dem Hinzufügen, daß diese Genehmigung sich auch auf ändere Juden, die ein ähnliches begründetes Verlangen stellen würden, erstrecken könnte. Mit der Benachrichtigung der Interessenten von dieser Entscheidung und mit deren. Vollzug wird die Regierungskommission für innere Angelegenheiten und Polizei beauftragt. Warschau, 26. 12. 1830. Der Präsidierende: M. Radziwill. Der Generalsekretär des Rats: Andrej Plichta. . Die damalige Regierung blieb bei diesem Schritt, der zum Zweck hatte, die jüdischen Massen, mit den allgemeinen Angelegenheiten zu solidarisieren, nicht stehen. In Nr. 406 des „Kuryer Polski" vom 29. 12. 1831 finden wir folgende offizielle Kundmachung: ' „Der Oberste Nationälrat gab.am 24. d. M. kund: Um dem jüdischen Volke den Beweis zu liefern, daß nach Maßgabe seiner Opferwilligkeit und Nützlichkeit fürs. Land es an den Vorteilen, die den anderen Einwohnern zugute kommen, teilnehmen kann, beschließt er: Jeder Israelit, der aus freien Stücken sich dem Nationalheer einreihen läßt, wird nach Maßgabe der Verdienste, dasselbe Recht auf die Rangstufen und andere militärische Privilegien wie jeder Freiwillige christlichen Bekenntnisses haben." „Ein Jude, der durch irgendeine hervorragende Tat ein Ehrenzeichen verdienen oder wer nur zehn tadellose Dienstjahre beim Heer haben wird, der erwirbt alle zivilen und