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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-29 · Heft 48 (29.11.1912) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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aber am Vevsöhnungstage und erklärteer.'tue es nur aus alter Gewohnheit, er sei eben von Jugend an gewöhnt, am 10: Tischri nichts zu essen. - Ich selbst habe am Versöhnungstage und überhaupt nur einmal - in meinem Leben-gefastet. Es geschah, als ich das dreizehnte Jahr, mit dem nach jüdischem Recht die Verpflichtung dazu, und zu anderen religiösen Handlungen be-- ginnt, erreicht hatte. Meine Mltter, sowie einige meiner, Geschwister, schloß später mit pmir und meinem ältesten Bruder einen stillschweigenden Mkord und sagte uns einen Tag vor dem Versöhnüngstage so im Vorbeigehen, aus den- Speisekasten hinweisend: da drinnenbefindet sich kaltes Fleisch, Brot und Obst. Denn, meinte sie, wenn die beiden zu Hause nichts bekommen, werden sie auswärts und dazu noch verbotene Speisen essen. Wir gingen'darauf ein und begnügten uns mit dem frugalen Imbiß. Dafür konnten wir aber auch am Ausgang des Fasttages uns, fast mit demselben' Appetit wie die anderen Familienyntglieder, an. dem an diesem Abend üblichen lukullischen Mahle beteiligen. Richtet man nun nach diesen Bekenntnissen an mich die Frage, wie ich es damals mit. der Religion hielt, so mich ich antworten, daß die Kinder keinen Religionsunterricht ex professo erhielten. In der staatlichen Volksschule wurde den christlichen Schülern von einem Katechaten Religionsunterricht erteilt. Die wenigen jüdischen mußten während der dazu bestimmten Stunden auf dem Flur oder der Straße warten. In der Realschule wurde keine Religion gelehrt, nur „Moral" nach dem trockenen Lehrbuch „Bne-Zion" des bereits erwähnten „Bne-Herz-Homburg." Und diesen Unterricht erteilte nicht einmal der Rabbiner, sondern ein Arzt, der keine Praxis hatte. Im Cheder und von Privatlehrern wurden Bibel und Talmud, die Gebete und religiösen Zeremonien gelernt. Das meiste lernten die Kinder gewissermaßen praktisch in der Familie von dem Beispiele der Eltern. Und «sie nahmen davon so viel an, legten später so viel ab, als ihrer Eigenart entsprach. Von den Lehrern an der jüdischen und zweiklassigen Privatschule war mir der liebste ein gewisser Reb Jankel Brill, der mich auch später zu Hause in Bibel und hebräischer Grammatik unterrichtet hat. Er wohnte in einem der ärmeren Stadtteile, hatte aber bei seinem Häuschen einen kleinen Obst¬ und Gemüsegarten. Ich durfte ihn manchmal mit einem Kollegen besuchen und es gewährte uns großes Vergnügen, bei den Arbeiten im Garten mitzuhelsen. Als aber die Cholera ausbrach, und gerade in den von ärmeren Leuten bewohnten Stadtteilen am heftigsten wütete, mußten wir auf Befehl der Eltern , unsere Besuche einstellen. - > Einige Zeit, nachdem die Cholera erloschen war, verließ dieser Lehrer Brody, um nach Amerika oder Algier.auszuwandern. Er ist aber nur bis Hamburg gekommen und kehrte von dort zurück, um sich wieder als Lehrer sein Brot zu verdienen. Ob seine Reisekasse erschöpft war, oder ob er vor der langen Seereise. Hngst bekam, da. Auswanderer damals nur Segelschiffe benutzten, ist mir nicht bekannt geworden. 'Ein anderer. Lehrer an der erwähnten Schule hieß Juda Levy; da er aber von sehr kleiner Statur war, nannte man ihn „Reb Jüdala", und die Schüler hatten wenig Respekt vor ihm. Er erteilte auch Privatunterricht im Französischen und las fleißig eine französische Zeitung. Aber nicht etwa weil er sich für Politik oder Literatur interessierte, sondern um auf Druckfehler Jagd zu machen. Er glaubte nämlich seine Sprachkenntnis dadurch zu beweisen, daß er erriet, welcher wichtige Buchstabe an Stelle des - irrtümlich gedruckten zu stehen habe. V ' Der Lehrer im Schönschreiben, an dieser Schule war ein hübscher junger Mann und wurde im Jahre 1848 zum Militär ausgehoben.- Man bedauerte ihn allgemein, denn er hätte gleich in den Krieg ziehen müssen. Eine österreichische Armee - kämpfte zu jener Zeit in Ungarn und in Italien. Um ihm wenigstens das Los eines „gemeinen" Soldaten zu ersparen,, wurde beschlossen, ihm eine Stelle als Kadett — ungefähr dem jetzigen Einjahrig-Freiwilligen entsprechend — zu verschaffen. Dazu bedurfte es der Ablegung einer Prüfung, für die er die erforderlichen Kenntnisse besaß, und der Erlegung einer Taxe von achtzig Gulden, die er nicht besaß. Da machten sich zwei seiner Schüler, nämlich ich und Jakob Schorn, mit einem vom junge.n Doktor Löbenstein verfaßten rührenden Ausruf aus den Weg, ich weiß nicht mehr ob aus eigenem Antriebe oder aus Anregung der Eltern, und sammelten bei wohl- . habenden Bekannten die achtzig Gulden ein. So ist unser Lehrer Kadett geworden; aber weiter als bis zum Feldwebel hat er es meines Wissens nicht gebracht. Nach der Abreise des Reb Jankel erhielt ich einen anderen Privatlehrer für Bibel und Talmud. Er wav ein retadiluviarischer rothaariger ehemaliger „Jeschiba-Bachur" (absolvierter Talmudstudent) und wurde noch immer Bachur (Junggeselle) genannt, obwohl er 'verheiratet war. Seine Frau verkaufte in einem kleinen Kramladen Zucker,' Kerzen, Seife und dgl. Sein Sohn, der, als ich seinen Unterricht genoß, noch ein Kind oder vielleicht noch gar nicht geboren war, ist viel später Rabbiner in einer großen Stadt Deutschlands geworden. Diesem ungeschlachten Talmudjünger folgte ein sehr elegantes Männchen mit wohlgepflegtem Bart, Reb Mordchela genannt.. Ich setzte es bei ihm durch, daß er mich vorzüglich in dem Hagada genannten/ Geschichtchen, Parabeln, Legenden — und Anekdoten enthaltenden, von Heine treffend charakterisierten Teil des Talmud und nicht in den Zeremonien, religiöse und juristische Materien behandelnden „Halacha" unterrichtete. Von diesem Reb Mordchela wurde ich noch bis zu meinem siebzehnten oder achtzehnten Jahre, als ich schon in einem Handelshause angestellt war, unterrichtet, und ich bezahlte den Unterricht aus meinem Gehalte. Das gleiche geschah auch mit einem jungen Warschauer, der mich jeden Morgen eine - Stunde lang im Polnischen unterrichtete, während der Talmudist mich jeden Abend für zwei Stunden und den Sonntag nachmittag in Anspruch nahm. So waren meine.Geschäftsstunden angenehm verbrämt. > - Uebrigens mußten auch die Schüler der jüdischen Volksschule die allgemeine Volksschule besuchen oder einen Hauslehrer haben, um in den deutschen, das heißt' .weltlichen, Gegenständen unterrichtet werden. Wie sie da mit der Stundenverteilung auskamen, ist mir jetzt unbegreiflich. Jedem falls erscheinen mir dem gegenüber die jetzt so häufigen Klagen überzärtlicher Eltern über die „Ueberbürdung" ihrer Kinder ganz unberechtigt. Und überdies bietet ihnen die - Pflege der verschiedenen Sportarten reichliche' Abwechslung und Erholung. - (Fortsetzung folgt.) ■; Lum 100. Geburtstage des Lsdbmers Meph Meitze. ahrhafte Freundschaft, welche mich während eirns . Vierteljahrhunderts mit Joseph Weiße verband, berechtigt mich, den Lebenslauf dieses bedeutenden - Gelehrten, „des letzten Viuristen", zu schildern, dessen Name in der „Jewish Enchclopädia" leider vermißt wird. Joseph Weiße wurde am 23. November 1812 in Plumenau bei Proßnitz in Mähren geboren. Sein Vater Jsak Samuel,, ein Kremsierer Familiant, war ein tüchtiger Hebräist upd Talmudgelehrter. Nachdem er im französischen Kriege (1805) -■

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