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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-29 · Heft 48 (29.11.1912) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 48 (29.11.1912)
Date
1912-11-29
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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zutreffend bezeichnet hat, ein Danaergeschenk für die Privatangestellten. Viele lassen sich dadurch verleiten, nur utn einige Mehrkosten für ihre Versicherung zu sparen, aus eine Wohltat zu verzichten, die gar nicht hoch genug für jeden einzelnen bewertet werden kann, und um die die Gesamtheit der Privatangestellten in Deutschland viele Jahre heiß gekämpft hat. Vielleicht wäre der Schaden durch eine ausnahmslose Anwendung des Gesetzes nicht so groß gewesen, wie der, welcher durch eine sachlich unberechtigte Inanspruchnahme der Ausnahmebestimmungen vielen Familien der Angestellten bereitet wird. Lrodyrr Iugendrnnnerungkn." Von Markus Landa u?) I. 3n Armenunterstützung und Wohltätigkeitseinrichtungen haben die Brodyer Juden ziemlich viel geleistet, und es wurde dabei sowohl im Geben als im Nehmen kein Unterschied zwischen Frommen, Indifferenten und Freisinnigen gemacht. Auch wurde nicht bloß mit Geld, sondernauch mit Persönlicher, manchmal nicht ungefährlicher Tätigkeit geholfen. So wurde z. B. stets dafür gesorgt, daß die Armen ein genügendes Quantum Mehl zu den Osterbroten entweder umsonst oder zu einem viel billigeren als dem Marktpreise erhielten. Ein „Komitee", heute würde man sagen ei1<* Verein, bestand für den Armen, im Winter Holz, ein anderes um ihnen während einer Teuerung billiges Mehl oder Brot zu verschaffen. Viel früher als manche große deutsche Stadt hatte Brody seine Volksküche. Das Armenbrot wurde manchmal nach einer ganz originellen Methode hergestellt. Es war nämlich der Brauch aller wohlhabenden Familien, am Freitag im eigenen Ofen Brot für den Hausbedarf der ganzen Familie zu backen. Nun wurde von einem „Komitee" Mehl eingekaust und unter die wohlhabenden Hausfrauen verteilt, welche es zusammen mit dem für den eigenen Verbrauch bestimmten buken, und dann das Brot dem Komitee ablieferten. Sie verbrauchten beim Backen nicht mehr Holz als sonst und nahmen die kleine Mehrarbeit gern auf sich. So ersparte man einen großen Teil der Kosten, und da man das Mehl im großen und gegen bares Geld, daher viel billiger als die Bäcker, einkaufte, konnte man den Armen das Brot erstaunlich billig liefern, ohne dabei etwas zu verlieren. Irgendein Hausherr stellte ein Magazin oder Verkausslokal, das gerade nicht vermietet war, gratis zur Verfügung des Komitees und ebenso besorgten junge Leute, die nicht viel zu tun hatten, den Verkauf. Ein wenig Flirt mag dabei auch vorgekommen sein. Während der Choleraepidemie waren freiwillige Krankenpfleger tätig. Man nannte sie aber nicht Samariter, sondern „Reiber", weil man damals das Frottiern der Kranken als Heilmittel anwendete. Alle diese Veranstaltungen wurden stets von wenigen Leuten besorgt ohne viele Schreibereien, Ausrufe und dgl., ohne Präsidenten, Vizepräsidenten und Komiteedamen. Nur die Lotterie von Stickereien und anderen Handarbeiten der Frauen, aus deren Ertrag den Armen zu Ostern Kartoffeln geliefert wurden, hatte schon manche Ähnlichkeit mit dem modernen Wohltätigkeitsfport, bei dem das Sichzurschaustellen *) Bruchstücke aus einer Selbstbiographie des Verfassers. Ein Werk, das nur eigene Erlebnisse und Wahrnehmungen Mitteilen will, bedarf keiner Vorrede, da es für sich selbst und für den Verfasser spricht. Ich begnüge mich daher zu erklären, daß dieses Werk nicht Dichtung und Wahrheit enthält, sondern Wahrheit und — vielleicht einige Gedächtnisirrtümer. und die Reklame in Zeitungen manchmal mehr Zweck als Mittel ist. Diese Komitees waren von dem jüdischen „Kahal" (Kultusvorstand) ebenso unabhängig wie von dem aus Christen und Juden bestehenden Gemeinderate. Sie waren rein Private, jeder amtlichen Sanktion entbehrende jüdische Veranstaltungen, die sich aber recht gut bewährten. Auch manche, zu wohltätigen Zwecken testamentarisch bestimmte, meistens in Immobilien angelegte Kapitalien, waren auf Namen einzelner Personen eingetragen, da man die Einmischung der Regierung und die bureaukratische Bevormundung öffentlicher Stiftungen scheute. Dies führte aber auch zu manchen Unzukömmlichkeiten und Mißbräuchen. Ich hatte daher, von Jugend auf Zentralist, im Februar 1860 mit jugendlichem Eifer einen Plan zur Vereinigung aller wohltätigen Institute und Vermächtnisse unter eine gemeinsame Oberleitung entworfen und in Lemberg in 100 Exemplaren drucken lassen. Meine kleine Druckschrift sendete ich den angesehenen, einflußreichen Mitgliedern der Gemeinde zu. Sie fand Beifall, aber keine Ausführung. Es hätten eben manche persönliche Eitelkeiten oder egoistische Interessen verletzt werden können. Gut geleitet war indessen das noch im 18. Jahrhundert I gegründete jüdische Spital, das schön, wie das viel jüngere Waisenhaus, eine öffentliche, staatlich anerkannte wohltätige Institution war. Aus einem, von einem kinderlosen Wohltäter gewidmeten geringen Kapital hat mein zweiter Bruder mit eifriger Agitation und Unterstützung anderer Menschenfreunde im Jahre 1861, nach Ueberwindung aller Einwendungen und Verzögerungen der Bureaukratie das jüdische Waisenhaus errichtet. Er wurde dafür zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Zionisten im jetzigen Sinne des Wortes gab es in meiner Jugend keine, obwohl mitunter fromme Leute im Alter nach Palästina zogen, um dort zu sterben und begraben zu werden. Die Gründung eines Judenstaats, ohne den Messias, dessen Ankunft man noch immer erwartete, hätten die frommen Gläubigen beinahe als Sünde betrachtet. Von einem reichen Kaufmann in Jassy erzählte man mir, er habe in seiner Wohnung ein Zimmer sehr elegant eingerichtet, lasse es aber von niemandem betreten. Es sollte dem Messias, wenn er die Hauptstadt der Moldau passieren würde, als Schlafzimmer dienen. Im allgemeinen hatte aber der Messiasglaube keinen Einfluß auf das tägliche Leben und Treiben. Nur im Herzen und in der Phantasie der Kinder lebte er noch kräftig. Meine Mutter erzählte mir, mein ältester, leider schon vor einem Dritteljahrhundert verstorbener Bruder sei einmal als Kind wegen eines in der Nacht ausgebrochenen Brandes geweckt worden, und habe, als er durch das Fenster die Flammen erblickte, freudig ausgerufen: „Der Messias ist gekommen, man sieht schon die Feuersäulen." Auch ich habe als Kind den Messias erwartet und sogar ein Freikorps zu seiner Unterstützung bei der Eroberung des heiligen Landes zu bilden begonnen. Denn ich dachte mir, der Sultan werde wohl das schöne Palästina nicht gutwillig äbtreten. ’ Verwandte und Bekannte ließen sich zum Scherz anwerben, und ich nahm alle Freiwilligen an, bis auf einen, den ich für untauglich erklärte. Der Mann war in der Tat kränklich, und betrübte sich darüber, daß ein Kind es schon an seinem Aussehen erkannt habe. Mit dem Zunehmen der Jahre haben freilich Frömmigkeit und Glaube bei mir stark abgenommen, und in gleichem Maße das Zutrauen der Mutter zu meiner Frömmigkeit. Die Juden haben bekanntlich mehrere Fasttage im Jahre, am strengsten wird aber der Versöhnungstag am zehnten des Monats Tischri gehalten. An diesem Tage fasten selbst Leute, die von den anderen Fasttagen keine Notiz nehmen. Mein Lehrer Levy, von . dem noch die. Rede sein wird, spielte den Freigeist,. fastete

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