Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lagern in unseren Shnagogen und Wohnhäusern, - die 'sich barmherzig .ihnen öffneten. - - Jeder Tag bringt neue Scharenvon Flüchtlingen. Adrianopel und/ Saloniki ' sind gleichermaßen überflutet und richten verzweifelte. Hilferufe an unsere-Hauptstadt. Wir haben nach Maßgabe menschlicher Kräfte versucht, dieses Elend zu lindern. Wir haben den Hungernden Brot gegeben, den Entblößten Kleidung, den Müden eine Bettstatt, den Durchfrorenen die Wohltat des wärmenden Feuers. Aber unsere Kräfte müssen bald versagen. Die zur Verfügung stehenden Mittel, welche unsere Gesellschaften mrd Privaten durch Sammlungen rastlos zu vergrößern bemüht sind,- gehen schnell auf die Neige. Es werden große Summen notwendig werden, um für so viele der Aermsten der Armen Matratzen und Decken, Kleider und Nahrung, Wohnstatt und Arznei, Holz und Kohlen herbeizufchaffen. Und noch ist das Elend nicht auf dem Gipfel. Der Krieg dauert fort, die Judenschaft Adrianopels und Salonikis, unter deren Toren gekämpft wird, .'können jeden Tag vom gleichen Schicksal betroffen werden wie die kleineren Gemeinden. Alltäglich fallen Taufende von Ottomanen, und unter diesen fallenden Kämpfern sind gewißlich auch viele der Unsrigen. Wenn der Friede geschlossen fein wird, werden alle diese gefallenen Brüder nicht wiederkehren, und ebensoviel-armen jüdischen Familien werden ihre Stützen und Ernährer fehlen. - Dann werden wir neue Taufende brotloser Seelen zu den bereits vorhandenen zu zählen und zu retten haben. Wir zittern "vor der Katastrophe, die sich dann in ihrem ganzen Umfang vor uns auftun wird, und vor der Ungeheuerlichkeit der Aufgabe, die unserer wartet. Es ist dein türkischen Judentum unmöglich, diese Aufgabe aus eigener Kraft allein zu erfüllen. Das Judentum der ganzen Welt" wird sie übernehmen müssen. Einstmals, nach dem unglücklichen türkisch russischen Kriege, war es Baron Hirsch, der die ruinierten jüdischen Gemeinden rettete, indem er Millionen zu ihrer Verfügung stellte. Dieser hochherzige Beistand wird uns heute fehlen; sein nobles Herz schlägt nicht mehr unter uns. So mutz denn das Alljudentum heute verrichten,-was dieser unsterbliche Wohltäter dereinst allein tat. Darum, jüdische Brüder, wenden wir uns an euch, pochen wir an Eure getreuen Herzen. Eilt uns zu Hilfe, schnell und entschlossen, helft so schnell und so kraftvoll als ihr könnt! Es gilt einen ganzen erheblichen Bruchteil unseres Volkes! Der Grotzrabbiner der Türkei H. Nahoum. Der Präsident des Landeskomitees der Alliance Jsraelite Universelle I. Fernandez. Der Vertreter des Hilfsvereins der deutschen Juden Dr. D. F. Markus, Oberrabbiner der Aschkenafim. Der Präsident der Großloge des Orients I. O. B. B. I. Nisgo. * - Auch die I ud'e n i nPa l ä st i n -a sind für ihre Glcrubensbrüder tätig. Die „N. I. K." meldet: In Haifa hat sich, ein Komitee jüdischer Frauen gebildet, um Spenden für den Noten Halbmond zu sammeln. - Der Chachambaschi von Jaffa und der dortige Oberraibbiner A. I. Kuk veröffentlichen einen schwungvollen Aufruf, in welchem die jüdische Bevölkerung aufgefordert wird, zugunsten derjenigen armen Familien, deren Ernährer ins Feld gezogen sind, Spenden zu sammeln. ,, * ■ Interessant ist gerade in diesem Moment'nachstehende Zusammenstellung über die Juden in den Balkanstaaten („Köln. Vo'lksztg."): Dis Juden sind >am stärksten in Rumänien vertreten. Sie bilden dort 4,5 Prozent (in Bukarest 16 Prozent mit 43 274), in der europäischen Türkei 1,7 Prozent, in Bulgarien 0,9 Prozent, in Griechenland und in Serbien 0,2 Prozent aller Untertanen. In der europäischen Türkei gab e§' 1900 etwa 100 000 Juden, die in Konstantinopel 6 Prozent, in Saloniki sogar 50 Prozent (meist Abkömmlinge "der ehemals aus Spanien vertriebenen Juden) der Einwohner bilden. In Bulgarien leben etwa 37 656 Juden (1905) und etwa 7000 davon in Sofias Die Juden in Griechenland zählen ungefähr 6000; Serbien 5900 <3000 in Belgrad) Köpfe. * die in Gegenüber diesen gewichtigen und betrübenden Nachrichten aus dem Ausland haben die Mitteilungen aus Deutschland verhältnismäßig geringes Interesse. Erfreulich, weil gerecht, wirkt die folgende durch die Zeitungen gehende Notiz: Vor -einiger Zeit veröffentlichte die '„Königsberger Hartungsche Zeitung" das-Schreiben eines Kreisarztes'an einen ostpreußischen Arzt, der sich um. eine erledigte Arztstelle in -der Provinz Westpreußen bewarb. Es heißt darin: „Sehr geehrter Herr Kollege! Im Medizinalkälender habe ich als Ihren Vornamen „Siegfried" angegeben gesunden und glaube daraus schließen zu dürfen, daß Sie Jude sind. Da der Staatszuschuß im Betrage von 1200 Mark jährlich nur an ganz sichere Deutsche gezahlt wird, als welche hier, nur evangelische Christen gelten können und mit dem Haben und Nichthaben des Zuschusses die Stelle steht und fällt, so werden 'Sie es mir nicht verdenken können, daß ich erst über diesen Punkt Klarheit schaffen möchte. Sollte ich mich im Irrtum befinden, 'so können wir ja weiter verhandeln. Diskretion gegen Diskretion." Die Negierung hat daraufhin, wie die „Deutsche medizinische Wochenschrift" an zuständiger Stelle erfährt, den Kreisarzt strafversetzt., - * Von allgemeinerem Interesse ist nachstehender Artikel der' „Vossischen Zeitung": Ein konservativer Parteitag, wird nach einem Beschluß, des weiteren Vorstandes der Deutschkonservativen, der am 18. November im Abgeordnetenhaus unter dem Vorsitz des früheren ''Reichstags- Präsidenten und ehemaligen Ministers des königlichen Hauses v. Wedel-Piesdvrs verhandelt hat, Ende Februar oder Anfang März in Berlin abgehalten werden. Auch mit der Judensrage beschäftigte sich der Vorstand. Die „Kreuzzeitung" berichtet darüber: . * Im Anschlüsse an einen Vortrag des Justizrats. Dr.. Klasing (Bieleseid) wurde beschlossen, in der die Judensrage behandelnden Fassung des Divoliprogramms unter den gegemvartigen Verhältnissen eine Abänderung nicht eintreten zu ilassen. Dieser Beschluß dürfte veranlaßt sein durch eine allerdings schon zwei Jahre .Zurückliegende A-euße'rung der „Kreuzzeitiung" vom 25. September 1910. Damals schrieb dies konservative-Blatt: Die konservative Partei hat sich in ihrer großen Mehrheit davon überzeugt, daß sich der antisemitische Passus.ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt. . Sind doch auch im Judentume konservative Kräfte lebendig und wirksam, wie uns die erfreuliche Tätigkeit zahlreicher jüdischer Männer im praktischen Leben, in Wissenschaft und Kunst täglich zeigt, während die im Judentume so ausfallenden destruktiven Kräfte sich leider in reichem Maße auch bei rassereinen Deutschen entwickelt haben. Der „antisemitische Passus" des Tivoliprogramms der Konservativen vom Dezember 1892 lautet wörtlich: „Wir bekämpfen den vielfach sich.vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben. Wir verlangen >für das christliche Volk eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für christliche Schüler." ... Als die Behauptung, die konservative Partei habe sich in ihrer großen Mehrheit überzeugt, „daß sich der antisemitische -Passus ihres Programms praktisch nicht mehr rechtfertigen läßt", -im Herbst 1910 innerhalb der konservativen Partei aus starken Widerspruch stieß, unterstrich die „Kreuzzeitnng" drei -Tage darauf ihre Ansicht noch durch die Erklärung: Im Judentum, das in sich ebenso gespalten und zerrissen ist wie das Deutschtum, hat sich doch so viel, positiv Gutes und Anerkennenswertes entwickelt, daß die Behauptung, der jüdische Einfluß auf unser Volksleben fei zersetzend,. sich nicht ohne Einschränkung aufrechterhalten laßt: Staatstreue Gesinnung, geschäftliche Solidität, religiöser Ernst, positive Leistungen 'in Wissenschaft und Kunst lassen sich den Juden so .allgemein nicht absprechen. Das sollte unser .Programm also auch nicht tun, zumal der positiv-christliche Charakter der Partei in demselben Artikel I des. Programms scharf. und wiederholt ausgesprochen wird und der gegen, den -jüdischen Einfluß gerichtete Passus also , leicht als eine, politische Verurteilung der jüdischen Religion ausgesaßt werden kann,- auch so -aufgefaßt worden ist. ' -