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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-22 · Heft 47 (22.11.1912) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Beilage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums". 76. ^ädrxsax Nr. 47 Serllv, 22. November 1912 m Sorrelpondkn?m und Kgchrichtrn. Deutschland. A. F. Berlin, 19. November. Im Logentempel des U. O. B. B. in-der Kleist-Straße fqnb letzten Sonntag l2 Uhr mittags in Anwesenheit zahlreicher Vertreter befreundeter Organisationen und Delegationen auswärtiger Logen eine sehr erhebende und tief ergreifende T r a u e r s e i e r für die jüngst verstorbenen Herren Siegm undBergel und.D avidWolfs statt. Nach einem stimmungsvollen Chorgesang ergriff Herr E m i l C o h n das Wort zur Begrüßung der verschiedenen deutschen und auswärtigen Delegationen. Im Namen der Montefiore-Loge, deren Mitbegründer Siogmund Bergel war, gab er der tiefen Trauer Ausdruck, in welche sie durch besten Hinscheiden versetzt wurde. Wie ein Vater für sein Kind, so habe er für diese Loge gesorgt und sein Name werde stets mit goldenen Lettern in den Annalen der Montefiore-Loge glänzen. Für die Berthold-Auerbach-Loge sprach Herr Rosen bäu m sein herzlichstes Beileid über den Verlust dieser begeisterten und schaffensfreudigen Männer aus. Hierauf ergriff Herr Geheimer Sanitätsrat Maretzky das Wort, um das Leben und Wirken der Verstorbenen, mit denen ihn auch persönliche Beziehungen verknüpften, in beredten Worten zu schildern. Er entwarf zunächst ein rührendes Lebensbild von der Persönlichkeit des Herrn Siegmund Bergel. „Der Glaube an die erhabenen Ziele des Ordens habe ihn ganz erfüllt. Schlaflose Nächte widmete er seiner Arbeit, um die Ausbreitung des Ordens, dem er mit unausweichlicher Folgerichtigkeit in Denken und Handeln angehörte. Seine große Tatkraft verlangte aber ein größeres Betätigungsgebiet. Dazu bot ihm der Hilssverein der deutschen Juden Gelegenheit. Beide Organisationen waren ihm gleich wertvoll. Auch der D. I. G. B. war ihm teuer. Keine Anstrengung habe er gescheut, sobald es galt, seinen bedrückten Brüdern Hilfe zu bringen. So eilte er gleich nach den ersten Pogromen nach Rußland und ging später abermals hin, um die 43 Waisen, deren Eltern Opfer per Pogrome geworden waren, abzuholen. Und mit welch rührender Zärtlichkeit sprach er von diesem Ereignis! Wir sahen ihn oft auf Reisen im Interesse des Ordens, im Interesse des Judentums. Ohne Rücksichtnahme ans seinen schwachen Gesundheitszustand unternahm er eine Reise nach Kopenhagen, um eine neue Loge zu gründen. Seine Arbeit war von Segen begleitet, und es sei zu bedauern, daß er vor der Vollendung seines Werkes abberusen wurde. Nicht minder ersprießlich war die Tätigkeit des Bruders Wolfs. Vor seinem weitschauenden Auge lösten sich die verwickeltsten Sachen. Von ihm gilt das Wort: „Mensch sein, heißt Kämpfer sein." Die tiefempfundenen Ausführungen des Redners übten auf alle Anwesenden eine eindrucksvolle Wirkung aus. Sodann sprach Herr Canitti aus Rustock (Bulgarien) im Namen der dortigen Siegmund-Bergel-Loge, die eine vierwöchige Trauer zu Ehren des Daheimgegangenen beschlossen hat. Mit dem Dichterwort „Sie waren unser" wies Herr Dr. Kaufmann-Frankfurt a. M. auf die verstorbeneen Brüder als Vorbilder für die weitere Tätigkeit des Ordens. Sie beide haben sich ein Monument dauernder als Eisen im Herzen aller Brüder errichtet. „Für die Orientlogen sprach Dr. S-u s nitz k h - Konstantinopel, der noch aus seiner letzten Reise nach dem Orient Bergel an seinem Werke hat beobachten können. Bergel suchte der Not der zerrissenen türkischen Judenheit zu steuern, indem er einen Sammelpunkt für sie zu schaffen bemüht war. Herr Geheimer Justizrat Tim endo rser, der Präsident der Großloge, dankte den verschiedenen Delegationen. „Diese Trauer", führte er aus, „wird ein großes Echo in der großen Gemeinschaft Hervorrufen." An das Wort der Weisen erinnernd, daß, „bevor die Sonne eines großem Mannes untergeht, die Sonne des Nachfolgers erscheint", drückte er seine Hoffnungen aus, daß der Orden auch künftig „vorwärts und aufwärts" steigen, wird. Das El-Mole-Rachmim-Gebet beschloß die erhebende Feier, die vielen noch lange in Erinnerung bleiben wird. Berlin, 19. November. Dem uns übersandten Protokoll der kürzlich stattgefundenen 14. Vorstandssitzung des „Jüdischen Frauenbundes" . entnehmen wir folgende , beachtenswerte Mitteilungen: Frau Meher-Stargardt gibt den Bericht der Stellenvermittlungskommifsion. Es sind von der Kommission 800 Doppel- , karten versendet worden zur Ermittlung der Stellenvermittlungen des Bundes und seiner Ortsgruppen und angeschlossenen Vereine, der weiblichen Stellenvermittlungen der U. O. B. B. Logen und p>er Vereine, die sich nur' gelegentlich mit Stellenvermittlungen beschäftigen. Es sind 130 Antworten eingegangen, aus denen'sich 31 weibliche Stellenvermittlungen aus sozialer Grundlage ergeben haben. 2 sind paritätisch mit Jüdinnen im Vorstand, 5 Vereine, die sich nur gelegentlich mit,Stellenvermittlung befassen und 4 Logennachweise für weibliche Personen. In 20 jüdischen Zeitungen wurde eine Notiz veröffentlicht, in der um Adressenangabe und Einsendung allen Materials und Meldung von Vertrauenspersonen in kleineren Städten gebeten wurde. Darauf erfolgte eine Fülle von Zuschriften von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, betreffend Vermittlung, darunter Fälle schwieriger sozialer Natur, die aber alle erledigt werden konnten. Neu eröffnet wurden auf Anregung der Kommission Stellenvermittlungen in Königsberg, Hannover, Leipzig, Berlin, wo die Logen am 15. Oktober 1912 auch einen Stellennachweis für weibliches Haus- und Wirtschaftspersonal erösfneten. Mit Köln und Kiel sowie mit Zürich steht die Kommission in Unterhandlung. Eine Liste von Vertrauenspersonen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer konnte zusammengestellt werden. Die größte Aufgabe der Kommission ist die Verbreitung der Liste der-bestehenden Stellenvermittlungen, die immer ergänzt und durch einen billigen Druck vervielfältigt werden soll. Es wird aus die vom städtischen Arbeitsnachweis in Berlin verwendeten roten Merkzettel zum Einkleben in die Arbeitsbücher hingewiesen. — Zu einer Konferenz des Internationalen Kongresses zur Bekämpfung des Mädchenhandels (in Brüssel), deren Programm die Schriftführerin verliest, wird Fräulein Pappenheim als Delegierte des I. Fr. B. angemeldet. Zu der. Konferenz in Stettin (vom deutschen Nationalkomitee) wird Frau Dr. Vogelstein delegiert und dort angemeldet.— Zwei Anregungen, rituelle Wanderkochkurse und Herausgabe eines jüdischen Kalenders'betreffend, sollen zur Delegiertenversammlung zurückgestellt werden. — Der Antrag Neumüller, Frankfurt a. M., Erholungsaufenthalte für die erwerbende weibliche jüdische Jugend betreffend, anlehnend an englische Verhältnisse, soll in wohlwollende Erwägung gezogen werden. In der vorangehenden Diskussion wird namentlich auf derartige schon bestehende Einrichtungen, zum Beispiel des Stettiner Israelitischen Frauenvereins hingewiesen, der an der Ostsee ein Heim für die jüdischen weiblichen Erwerbstätigen hatte, welches auch im kommenden Sommer wieder eingerichtet wird, worauf die angeschlossenen Vereine ganz besonders aufmerksam gemacht werden sollen.— Als Ort der nächsten Delegiertenversammlung wird Leipzig oder Stuttgart vorgeschlagen. Als Zeit werden die Osterferientage - vor den: 23. Mürz oder nach dem 26. März 1913 bestimmt. 22>’ Berlin, 15. November. Ein österreichisch-ungarisch e s Unterkunstsheim für arme israelitische Durchreisende wurde hier im Hause Dragonerstraße 8 feierlich eingeweiht. Es ist eine menschenfreundliche Stiftung, die hier in denkbar einfachster und prunklosester Weise ins Leben gerufen worden ist. Durch Ver- - mittlung des hiesigen österreichischen Handwerkervereins und vieler hier bekannter Oesterreicher konnte das Heim, das vorläufig drei Schlafraume mit neun Betten und einem Badezimmer besitzt/ eingerichtet werden. In einem der Zimmer fand die schlichte Einweihungsfeier statt. Die Bilder des Deutschen Kaisers und, des Kaisers von Oesterreich, mit den Reichsfahnen drapiert, und eine Gruppe von Blattpflanzen bildeten den äußeren Schmuck. Chorgesang begleitete den kurzen Akt, bei dem Rabbiner Dr. Stier Worte der Weihe und des Dankes an alle Förderer dieses Liebeswerkes sprach. Die Insassen des Heims erhalten nicht nur Nachtlager, sondern auch Frühkaffee mit Semmeln und abends warmes Essen, werden auch auf Kosten des Vereins aus deutschen Bahnen bis zur Grenze befördert, von wo sie mit Hilfe ihrer Konsulate ihrer Heimat zugeführt werden. Schon am Eröffnungstage erfuhren drei Personen diese Wohltaten, zwei-durch Beköstigung und eine durch Beförderung nach der Heimat.

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