Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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56S wollte er dadurch dem Ehachambaschi zu erkennen geben, daß die Versöhnungspolitik nicht.mach seinem Geschmacke sei. Dem durch die unerwartete Grage in peinliche Verlegenheit gebrachten Großrabbiner eilt der Vizepräsident der Ver- - sammlung, Nahmias Bei, mit einer etwas hinkenden Erklärung zur Hilfe. Das Protokoll besage nicht, die Versammlung hätte sich zur Stimmberechtigung der „G'ismanisten" bekannt, es besage nur, daß die Versammlung über die in dieser Sache erhobenen Zweifel zur Tagesordnung übergegangen sei. Die Versammlung gibt sich mit der Erklärung Nahmias Veis zufurieden. In der nunmehr folgenden Abstimmung dringt die bereits erwähnte Kandidatenliste vollkommen durch. Versuche, die Kompromißliste zu sprengen, werden zwar unternommen, bleiben aber erfolglos. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß der Präsident des Nationalrats, Farraggi Esfendi, auch dieses Mal nicht zur Sitzung erschienen ist. Dagegen bringt der Großrabbiner ein an ihn adressiertes Schreiben zur Verlesung, in welchem -Farraggi Esfendi erklärt, er trete vom Präsidium zurück und lege auch sein Mandat als. Mitglied des Nationalrats nieder, weil er keiner Partei angehören wolle, in der Ueberzeugung, als „Unparteiischer" dem Judentum mehr nutzen zu können . . . Man vermutet, daß hinter diesen Zeilen sich etwas verbirgt, was der Esfendi aus Freundschaft zum Großrabbiner der Oessentlichkeit nicht preisgeben wollte. Zum Präsidenten des G'ismani wurde daraufhin der bisherige Generalsekretär des Nationalrats Mo'ise Bei dal Medico gewählt, ein hoher Beamter des Marineministeriums, dessen Namen einen sehr guten Klang hat, ferner zum Vizepräsidenten der Kaufmann Albert Fresco und zum Sekretär der Untersuchungsrichter Zeki Bei Albala. Schon in der ersten Sitzung wurde die Aschkenasimkonvention in der festgesetzten Fassung angenommen. Anfang August wurde sie in Form eines Briefaustausches zwischen dem Großrabbiner und dem Präsidenten der Aschkenasimgemeinde Herrn H. G. Neisner vom ersteren bestätigt. Diese Akte gibt der Aschkenasimgemeinde die innere Autonomie, um die sie so lange gekämpft. Mit dieser Konvention verschwindet die Ursache für einen jahrelangen, sich gegenseitig zerfleischenden Konflikt beider Gemeinden. Indem die Konvention der Aschkenasimgemeinde eine Entwicklung nach ihrer „völkischen Eigenart" gewährleistet, gibt sie den beiden Riten den inneren Frieden, der für ein Zusammenwirken beider Brüdergemeinden im Interesse der gesamten ottomanischen Judenheit unerläßlich ist. Herr Dr. Markus ist durch offizielle Neuwahl seitens der Aschkenasimgemeinde und den beiden Konsistorien (Laien- und Rabbinerrat) des Großrabbinats zum „Oberrabbiner der Aschkenasim" (Mare de atra) gewählt und bestätigt worden. Hoffen wir, daß der nach so langen Kämpfen endlich erfolgte Frieden wirklich von Dauer sein wird, und daß die neugeschasfenen Verhältnisse nicht nur eine Aenderung, sondern auch tatsächlich eine Besserung bedeuten werden. Dann wird man ein Dichterwort umschreibend sagen dürfen: „Es ist der Geist, der sich die Form erbauet." Frkundlchskt. Skizze von Anna Friedman n - Mandel. (Schluß.) CfC\oltctö Auffassung stürzte alles, was sie mit Mühe in sich gesammelt und als geistiges, unverletzliches Eigentum ausbewahrt hatte. Sie leugnete die freie Willenstat, die ihr als oberstes und heiligstes Ergentum der Seele gegeben schien, um über den Körper hinauszuwachsen, sich nach dem göttlichen Vorbild zu bilden und, unabhängig vom Körper, stnrk und fest das Gute zu vollbringen. Und während sie tagelang sich immer mehr in seinen Jdeenkreis vertiefte, wuchs ihr Glaube an die Wahrheit des eigenen mehr und mehr. Sie hätte ja nicht mehr leben können, wenn sie nicht an einen höheren Zweck des Lebens hätte glauben dürfen, wenn sie in Stunden heißester Sehnsucht und qualvollstem -Gebet sich Gott nicht hätte näher fühlen können, sondern sich an die Vergänglichkeit ihres Seins für immer hätte erinnern müssen, ohne den Strohhalm einer Hoffnung aus das Jenseits! — Und da sie fühlte, daß wer mit solchen Gedanken ausgerüstet in den Kampf des Lebens, mit der Niedrigkeit und Gemeinheit, und in den Kampf mit der eigenen Leidenschaft und Begehrlichkeit tritt, Sieger bleiben müsse, viel eher, als der, der doch nur dies Leben vor sich sieht und es nach Möglichkeit genießen will, — festigte sich in ihr immer -mehr die Ueberzeugung, daß auch Walter, erst für ihre Auffassung der Religion gewonnen, der Pflicht zunächst und dann der Neigung folgen -würde. So schrieb sie an ihn. In einer Nacht, . als der Vollmond sein silbernes Licht über die Erde goß und Flur und Hain in einen weißen Mantel gehüllt schienen. Sie saß bei einer Lampe am offenen Fenster, durch welches die wundersam kühlenden, duftreichen Luftwellen ins Zimmer drangen — und schrieb. Manchmal blickte sie minutenlang hinaus, dann ging die Feder um so rascher über das Papier. Und der Zauber dieser Sommernacht umspann sie, berauschte sie, malte ihr die Erfüllung ihrer Wünsche immer glühender, farbenfreudiger. Sie ließ die Stimmung des Augenblicks aus sich wirken, und dadurch wurde aus der kurz und logisch geordneten Entgegnung, die aber schon an und für sich einen Anflug von Schwärmerei nicht verleugnen konnte, ein begeistertes, trunkenes, von Sehnsucht und Flehen durchtränktes Farbengemälde voll schöner Worte, stimmungsvoller Phantasien. ... Und Seite um Seite füllte sich. Als sie zu Ende war, legte sie den Federhalter beiseite und las den Brief noch einmal. Dann schaute sie traumverloren in die stille, mondglimmernde Nacht, faltete die Hände und betete!- Am Morgen sandte sie den Brief ab. Sie vergegenwärtigte sich den Eindruck, den er auf Walter machen würde und sehnte die Antwort herbei. Tage vergingen. Noch immer schwieg er. Sie glaubte ihn krank oder überarbeitet. — Denn sonst, was sollte sonst der Grund seiner Schweigsamkeit sein? Allerhand Zweifel regten sich in ihr. Aber sie wagte nicht, tiefer nachzudenken. Sie hoffte immer noch. Auch Erna wollte sie nicht fragen, aus Angst, ihr Versprechen dann nicht halten zu können. Aus den Tagen wurden Wochen, — Monate! Lotte war verstimmt, — enttäuscht. Ihr Frohgesühl war dahin. Sie sah blaß aus. Wenn sie nur den Grund gewußt hätte. Manchmal dachte sie daran, ihm zu schreiben, ihn offen und ehrlich anzusragen. Ein Freund den anderen. Aber dann kam eine plötzliche Scham über sie. Würde er nicht doch an ein besonderes Interesse glauben, wenn sie ihm wieder entgegenkam, wieder das erste Wort sprach? Und-mußte er es nicht dann glauben? — Mit hellseherischem Blick durchforschte sie aufs genaueste ihr. Gespräch. Und da sah sie seinen heißen Blick, als sie ihn gebeten hatte, ihrn „Freundin" sein zu dürfen, und sah sein