Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
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562 Erfolg zu erzielen. Der Großrabbiner gestand «wohl zu, was er Dr. Markus gegenüber bereits versprochen Patte, diesen zmn „Oberrabbiner der Aschkenäsim" ernennen zu lassen. Eine neue Aschkenasimkonvention in veränderter Form, aber sastl gleichen Inhalts wie die frühere wurde von der Kommission gemeinsam mit dem Großrabbiner ausgearbeitet, und man schien dem Frieden näher denn je, als Plötzlich Rabbi; Nahoum mit seiner letzten Bedingung hevvortrat: Er mache die Anerkennung der Konvention vom Verschwinden des G'ismani abhängig. Durch diese Forderung des Großrabbiners geriet die Bwe- Berith-Kommifsion in eine starke Verlegenheit. Sie konnte dem G'ismani schlechterdings nicht zur Abdankung raten. Anderseits aber mußte man wieder in Betracht ziehen, daß, wenn dies geschehe, Rabbi Nahoum dann in seinem Amte bleiben würde, und daß es im Interesse der Judenheit läge, sein ohnehin erschüttertes Ansehen nicht noch mehr herabzudrücken. In dieser peinlichen Situation kam der G'ismani selbst der von der B'ne-Berith eingeleiteten Aktion zu Hilfe. Drei Mitglieder des Zentralrats waren aus nicht bekannten Gründen ausgeschieden, und so beschlossen die übrigen, die die Verantwortung für die endlose Verschleppung der Kommunalangelegenheiten nicht weiter auf sich nehmen wollten, und wohl auch in der Einsicht, daß die Ausgleichsverhandlungen aus dem toten Gleise angekommen waren, sich selbst zu opfern, um der Gemeinde den dringend erforderlichen Frieden zu bringen. Am 31. Mai zeigte der Zenträlrat feine Gesamtdemission dem Präsidenten des Nationalrats, dem Exdeputierten Farraggi Effendi und der Regierung an. Dem zurückgetretenen G'ismani kann im wesentlichen nur Gutes nachgesagt werden. Er war redlich bemüht, der Versumpfung der ottomanischeu Judenheit ein Ziel zu setzen. Er hat ein Budget ausgestellt und neue Einnahmequellen erschlossen; ja, er hat sogar den kühnen Gedanken gehabt, die Judenschaft dem Gespött der anderen Nationalitäten des Türkenreiches, welche auf die Juden wegen ihres so flach und gedankenlos verstandenen Ottomanismus verächtlich herabsehen, zu entreißen, indem er, den anderen Völkerschaften gleich, auch ihnen ein nationales Programm gab, nationale Unterrichtspläne schuf usw. Nachdem so auch das letzte Hindernis aus dem Wege geräumt war, säumten die Anhänger des Großrabbiners nicht, die abgebrochenen Verhandlungen mit der Bwe-Berith-Kommissiou wieder aufzunehmen. Zugesichert wurde ihr von vornherein die Sanktion der bereits bei den ersten Unterhandlungen schriftlich fixierten Aschkenasimkonvention. Größere Schwierigkeiten bot freilich jetzt die Aufstellung einer Kandidatenliste für den neuen Midgliß G'ismani. Daß aber endlich nach heißem Bemühen dennoch eine Liste zustande kam, die im großen und ganzen beiden Strömungen im Konstantinopeler Judentum gerecht wurde, das erreicht zu haben, ist ein weiteres nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst der B'ne-Berith-Loge. Am 25. Juni erging, nachdem die Vorarbeiten zur relativen Zufriedenheit aller erledigt waren, an die Mitglieder des Nationalrats folgendes Zirkular: Geehrter Herr und Kollege! Infolge der Demission des Midgliß Güsmani wird für den nächsten Sonntag die Nationalversammlung zu einer Sitzung einberufen. Der zweifellos von allen Mitgliedern des Midgliß Umumi geteilte dringende Wunsch, endlich einen unglückseligen Konflikt, der dem Ansehen der großen jüdischen Gemeinde unserer Hauptstadt so sehr nachteilig war, beendet zu sehen, hat uns den Gedanken eingegeben, eine Verständigung zwischen den beiden kämpfenden Parteien herbeizuführen. Um dieses Ziel zu erreichen, hielten wir es für angezeigt, vor dem Tage der Wahlen eine Kandidatenliste au^zustellen, die im großen und ganzen geeignet ist, beide Parteien zu befriedigen. Unsere Aufgabe ist uns wesentlich erleichert worden durch die wertvolle Beihilfe einiger Mitglieder der Bwe-Brith, die wir erbeten und erhalten haben. So ist es uns schließlich gelungen, die nachfolgende Liste vorzubereiten, welche diejenigen Personen enthält, welche nach unserer Ansicht den künftigen Laienrat werden bilden und den Titel eines Rates der Versöhnung werden verdienen können. Wir lassen Ihnen diese Liste zugehen in der festen Hoffnung, daß Sie, um des Friedens und der Eintracht zwischen den Kindern einer und derselben Gemeinschaft willen, sich unserer Meinung anschließen und für diese Kandidaten stimmen werden, die die nötigen Voraussetzungen zur Sicherung eines praktischen Ergebnisses unserer Sitzung vom nächsten Sonntag zu bieten scheinen. Zum Schlüsse glauben wir darauf aufmerksam machen zu müssen, daß es sich nur um einen persönlichen Wunsch handelt, dem wir Ausdruck geben in der Ueberzeugung,daß jede andere Kombination zu einem negativen Resultat führen würde. Der Generalsekretär Der Vizepräsident des Midgliß Umumi des Midgliß Umumi M. dal Medico. I. Nahmias. Die Kandidatenliste weist folgende Namen auf: An Nahoumisten: Vitali Camhi, Morse Bei dal Medico, Mentech Pascha Gallimidi, Dr. Rosenthal, an Nationalisten: Halm Asseo, Albert Hazan, H. G. Reisner, an Neutralen: Zeki Bei Albala, Albert Fresco. Von diesen Kandidaten waren vier Mitglieder des früheren Güsmani. Im allgemeinen halten sich, wie man sieht, in dieser Liste die Kandidaten beider Parteien die Wage. Erwähnenswert ist dabei, daß in der Liste zwei Aschkenasim figurieren, während im vorherigen Zentralrat zum erstenmal überhaupt ein Aschkenasi saß. III. Die Nationalversammlung. Am Sonntag den 30. Juni trat endlich der Nationalrat wieder zusammen. Nichts deutete diesmal, wie ein Vierteljahr vorher, auf einen großen Tag. Ein Teil der Delegierten ' hatte sich längst in die Sommerfrische begeben und suchte, fernab von dem Gewimmel der Hauptstadt, Erholung an den kühlen Ufern des Bosporus oder auf den herrlichen Inseln des Marmarameeres. Auf den Gesichtern lagert Müdigkeit, Gleichgültigkeit, Ungeduld, Ueberraschungen sind wohl auch kaum zu erwarten. Die Hauptarbeit ist ja bereits getan, und die Versammlung soll das Beschlossene nur bestätigen. Seine Eminenz nimmt den Präsidentensitz ein und teilt in knappen dürren Worten den Rücktritt des G'ismani mit. Er mahnt zur Einigkeit und bittet um Zustimmung zur Kompromißliste. Der bekannte Redakteur David Fresco gebärdet sich als Oppositioneller. Er fragt nach den Gründen der Demission des G'ismani. Der Großrabbiner erwidert darauf, daß das Ausbleiben einer Antwort von der Regierung über die, den Gegenstand des Konfliktes betreffenden Fragen seine Tätigkeit lahmgelegt, so daß der G^ismani sich zum Rücktritt gezwungen gesehen hätte. David Fresco setzt sein Jnquisitorium fort. Im Protokoll der letzten Umumisitzung heißt es, daß die Nationalversammlung die Frage, ob der G'ismani das Recht, mitzustimmen, hätte, bejahte. Welche zwingenden Gründe lagen für den Großrabbiner vor, sich an die Negierung zwecks einer Aufklärung zu wenden? Es ist nicht recht ersichtlich, aus welchen Gründen Herr Fresco, der früher die stärkste Stütze Rabbi Nahoums war, diesen plötzlich so sehr in die Enge zu treiben sucht. Vermutlich.