Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
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denn aus tausend geöffneten Türen und Fenstern, dringen die Stimmen ins Freie.; . Wer an einem Freitagabend, wenn es ganz dunkel geworden ist, durch die Stadt geht, glaubt eines der Prächtigen Märchen des Orients zu erleben. Dunkel liegen die Straßen da, unbestimmt und verschwimmend zeichnen sich die Konturen der Häuser gegen den Nachthimmel ab. Nur wo neben einer hohen, königlichen Zypresse ein schlankes Minarett emporragt, werden diese Form und Farbe lebhafter und bestimmter. Aber die Häuser erscheinen aus der Ferne wie Paläste, in denen gefeiert wird. Aus jedem Fenster, aus jedem Lichtviereck geöffneter Türen dringt der Schein festlicher Beleuchtung in die Dunkelheit, strahlen die Sabbatkerzen in ihrem traulichen Glanze. - Das Mahl am Freitagabend ist für den sephardischen Juden der Höhepunkt der ganzen Woche. An ihm wird nichts gespart, weder am Wein noch am Essen, am allerwenigsten aber am Licht. Da brennen an allen Wänden Larnpen, in allen Ecken Lichter und Kerzen, und über dem Tisch-schwebt die Sabbatöllampe, oft ein herrliches altes Stück, das seinen Ursprung aus Spanien nicht zu verleugnen vermag. Man tafelt lang am Freitagabend. Zwischen den Gängen ein unermüdliches Geplauder; nach der Mahlzeit der Gesang der S'miroth läßt alle länger bei Tisch bleiben, als es sonst der Fall ist. Später erst verlöscht langsam Licht um Licht, schließen sich Türen und Fenster, verstummen Gesang und Geplauder. Stockfinster liegt die Stadt da, und über das rauhe Pflaster Poltern nur ab und zu die groben Stiefel der Patrouille. Am Kai schlagen die Wellen empor, und deutlich hört man das Aechzen der Ankerketten in ihren Düsen. Und vom Himmel herunter strahlen die flackernden Sterne des Südens „Schabbät Schalom —Sabbatfriede!" Lndr der Gememdkksmpke in Lrmttsntinopel? Von Hugo Sußnitzki.*) I. .N a ch der Abstimmung, as am 17. März von der Mehrheit der Nationalversammlung zugunsten des .Midgliß Güsmani gefällte Votum hat den so lang ersehnten Frieden nicht gebracht. Nach diesem für den Großrabbiner, ungünstigen Wahlausfall glaubte man allgemein, daß er auf seinem Posten nicht weiter verbleiben werde. Hatte ja bereits der Ehachambaschi dem Nationalrat seine/Demission eingereicht, die auch einstimmig angenommen wurde. ' Allein in der Folge zog er.sein Rücktrittsgesuch bei der Regierung zurück. Als Antwort erhielt er den Bescheid, daß die Regierung zu der Angelegenheit erst Stellung nehmen wolle, nachdem der einzuberufende Nationalrat sich geäußert haben werde. - Rabbi Ehalm Nahoum blieb also. -Und den höchsten Geistlichen seines Amtes zu entheben, ist in der Türkei fast ein Ding der Unmöglichkeit. In Parenthese sei hier noch etwas nachgetragen., Vor der Abstimmung wurde die Frage aufgeworfen, ob die Mitglieder des Güsmani mitzuftimmen das Recht hätten. Wenn auch die sich in dieser' Angelegenheit entspinnende Debatte mit keinem Beschluß endete, so schien doch die Majorität der Ansicht zu sein, daß den „G'ismanisten", die doch als Mitglieder des Umumi einen Teil der Bevölkerung repräsentieren, das Abstimmungsrecht zustande. Nach erfolgtem für den .Großrabbiner ungünstig ausgefallenen Votum bestritten jedoch die Anhänger *) Vgl. „Allg. 3t. b. Jud." Nr. 19, 20 u. 21 vom 10., 17. und 24. Maid.. I. des Großrabbiners die Rechtsgültigkeit der Abstimmung mit der Motivierung, die Güsmanisten hätten nicht mitstimmen dürfen. Diese Angriffe wies der Präsident mit der Bemerkung zurück, daß darüber bereits debattiert worden sei, und die Tatsache, daß die Teilnahme der G'ismanisten an der Abstimmung von den anderen zugelassen wurde, liefert den besten Beweis dafür, daß die Majorität ihre Mitvotierung durchaus billigte. Nun wandte sich der Ehachambaschi an den Staatsrat, um in dieser strittigen Frage Auskunft einzuholen. War es auch, trotz der sehr tatkräftigen Unterstützung der mit ihm befreundeten damaligen Minister Talaat und Djavid, so gut wie ausgeschlossen, daß dadurch eine Aenderung in dem Ausfall der National'sitzung herbeigeführt werde, so hoffte er doch offenbar auf diese Weise Zeit gewinnen zu können. Wenn schon in Europa die Erledigung von Dingen, die durch die Staatsmafchine hindurch müssen, reichlich Zeit in Anspruch nimmt, um wieviel mehr bei der sprichwörtlichen Saumseligkeit türkischer Behörden. Und da der Güsmani 'zwar als gesetzliche Körperschaft, nicht aber auch als juristische Person anerkannt ist, so daß Schriftstücke desselben nur durch die Unterschrift des Großrabbiners volle Gültigkeit zu erlangen vermögen, war in der Tat bei der Erhebung der „Anfragen", trotz des Votums der Nationalversammlung, keine Macht imstande, ihn zur Unterzeichnung der getroffenen Konvention mit der Aschkenafimgemeinde zu zwingen. Allein Ewigkeit ist nicht eine Eigenschaft des Kampfes, der Friede muß ihm früher oder später ein Ende machen. Hat nun keine der kämpfenden Parteien die Kraft, den Gegner völlig niederzuringen und ihm ihren Willen zu diktieren, so muß versucht werden, beider Wünsche miteinander zu versöhnen. Konnten die Nationalisten den Großrabbiner nicht besiegen, so vermochte auch er sie nicht unterzukriegen. So zog denn doch Rabbi Nahoum aus dem Kampfe die Lehre, daß es ohne eine Verständigung mit den Nationalisten und Aschkenafim niemals einen dauernden Frieden geben werde. Er berief daher den Rabbiner der Aschkenasi'mgemeinde- Herrn Dr. Markus, zu sich, und in einer mehr denn vierstündigen. Unterredung wurden in unverbindlicher Form die einzelnen Punkte eines eventuellen Friedensvertrages durchbesprochen. In der Konventionsfrage zeigt er sich mit einem Male wieder konziliant, nur wünschte er für Dr. Markus den Titel eines „Oberrabbiners der Gemeinde Galata-Pora", wollte ihn also selber zum Oberrabbiner der Sfardim machen. Dieses Anerbieten lehnte indessen Dr. Markus aus prinzipiellen Gründen ab und bestand nach wie vor auf dem Titel eines „Oberrabbiners der Aschkenasimgemeinde". . Hinsichtlich des Güsmani ließ freilich .Rabbi Nahoum durchblicken, daß er ein Zusammenarbeiten mit ihm nicht für möglich halte. Bemühungen der B ne - Berith um den Frieden. Der Rücktritt des Midgliß G'ismani. Als „ckeus ex machina", irt diesem heiklen und nimmer endenwollenden Kampfe erschien die. BMe-Berith auf dem Plan. Ihr Eingreifen als eines unabhängigen neutralen Faktors sollte sich als sehr segensreich erweisen. Da der größte Teil der Mitglieder des G'ismani auch Mitglieder der BMe- Berith waren, durfte man hoffen, daß der Einfluß dieser Körperschaft den Konflikt rasch beenden werde. Der Friedenskommission, die sich auS angesehenen und beiden Seiten genehmen Männern zusammensetzte, gelang es als erstes, die Presse zu bestimmen, von den gegenseitigen Angriffen und Verhetzungen abzulassen und sich über den Gemeindekonflikt so lange jeder Kritik zu enthalten, bis/die Basis, für eine Verständigung gefunden sein würde. s , Bei dem bekannten Spaniolenstolz vor Rabbinerthronen gelang eS jedoch der FriedenSkommiffion nicht, einen vollen