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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-22 · Heft 47 (22.11.1912) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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' dreht sich eine Zigarette, steckt Dose und Papierpäckchen in den vielmals verschlungenen Gürtel, und. starrt über die. Bucht hinweg den Olymp an, der mit vielzackigen, schneebedeckten Häuptern in den Hinunel ragt. Da tritt von hinten ein Mann an ihn heran und klopft ihm aus die Schulter. . „tzamül!" '; / Der Hamäl wendet den Kops. „Was willst du?" . . / . „Kannst du mir einen Sack nachtragen?" „Ist es weit?" „Dicht bei Topsin." Der Hamäl sieht aus die Sonne, die gerade zwischen dem Schlot und hinterem Mast eines plumpen russischen Dampfers steht und verneint. „Es geht nicht!" „Warum nicht?" * . „Sabbat kommt. Es tut mir leid." Der Händler knurrt einen griechischen Fluch zwischen den Zähnen hindurch. Wird er denn seinen Sack selbst nach Topsin schleppen müssen? Das ist nun schon der Vierte, den er fragt, und. alle sehen sie auf die Sonne .und sagen: „Sabbat kommt. Es geht nicht." Aergerlich geht er fort. Der Hamäl ist ausgestanden und schlendert ein Stück am Kai entlang. Weiter oben liegen die Fischerbarken. Jetzt sind's zwanzig, in einer Stunde werden es sechzig, in anderthalb Stunden vielleicht hundert sein. Jeden Augenblick kommt eine an. Dem dreieckigen, quergestellten Segel hilft der Mann mi't der schweren Ruderpinne am Heck nach. In voller Fährt geht es auf. die Kaimauer zu, wenige Meter vor ihr saust das Segel am Mast herunter, und die beharrende Bewegung allein trägt es. weiter. Nie stößt die oft zierliche Bootsspitze an den Stein, denn die jüdischen Fischer von Saloniki sind gewandt und verstehen ihr Handwerk. Den Barken gegenüber liegt die Markthalle. Von ihr zu den Schissen ist ein emsiges Kommen und Gehen. Leere Körbe riesigster Art wandern an den Kai, hoch angehäuft mit silberschuppigen Meeresbewohnern trägt, man sie, aus den Häuptern zurück. Drinnen breitet man die meerwassertriefende Wäre aus steinerne Fliesen aus, zwischen denen sich die kauflustige Menge drängt und mit Auge und Hand wägt und Prüft, bis der Fisch für den Sabbattisch gesunden ist. Es sind ausschließlich Männer, die den Einkauf besorgen. Haben sie die ihnen passenden Fische gesunden, zehn Minuten über den Preis gefeilscht, die paar Piaster in klappernden „Metallik" beglichen, so schlingen sie eine Schnur durch die Kiemen der noch zappelnden Fische und tragen sie so nach Hause. Ganz Saloniki ist jetzt ein einziger Markt.. Da ziehen sie zu Hunderten durch bie Straßen,'die Händler, das kreisrunde Brett auf dem Kops, oder ein kleines Grautier, mit großen Körben beladen, vor sich hertreibend. Was gibts da nicht alles zu kaufen. Gurken und Tomaten, Melonen und Pfirsiche, Oliven und Feigen, Salat und Sellerie. Kleine Pferdchen tragen rechts und links ein Brett, an dem je ein abgehäuteter Hammel hängt, und aus offener Straße geht das Metzgerhandwerk vor sich, und je heiserer die Stimme des Metzgers wird, und je weiter er kommt, desto weniger bleibt von den beiden stattlichen Hammeln übrig. . Aber was braucht man noch am Sabbat? Richtig: Oel. Also ausgepaßt, bis der Esel mit den schwarzen, ölgefüllten Schläuchen vorbeikommt, der uns das Gewünschte bringt. Aber es ist heiß und staubig, gehen wir hinüber und trinken wir. einen „Limon", eine eiskalte, starke Apfelsinen- oder Zitronenlimonade. . Wer noch etwas einzükaufen hat, mag sich beeilen, der Sabbat kommt immer näher, Deshalb wimmelt es auch von zurückkomme. Der Abdruck dieser Skizze, den ich nicht verschieben will, .soll in keiner Weise mein Einverständnis mit den sonstigen Anschauungen des. Verfassers bekunden. . . L. G. türkischen Damen in den Basaren und Magazinen. Da knistert es von Seide jeder' Färbet da fahren weiße Hände, wie sie nur im Harem gedeihen, zwischen Spitzen und Schleiern herum, und im Drang der Eile streift manch eine den hon Allah gebotenen Schleier vom Antlitz, um besser sehen zu können. Daß auch sie dabei besser gesehen, werden, — man merkt nicht, daß es ihnen unangenehm ist. Irgendwo in der Nähe muß eine Schule fein. Aus geöffneten Fenstern dringen frische Kinderstimmen im Chorgesang: ' . „Machar Schabbät kodesch, jom nünucha! ' " Machar Schabbät kodesch, jom nftnucha! Wütta, habajeta, W'atta habajeta, Habajeta, habajeta!" - „Morgen ist heilger Sabbat, der Ruhetag, drum schnell nach Hause!" singen Jungens und Mädels, und nachdem sie sich mit tiefer Verbeugung und feierlichem „Schalom" von den Lehrern verabschiedet haben, stürmen sie hinaus in der angenehmen Gewißheit eines schulfreien Tages. Eine Stunde später. Im Hafen drehen sich zum letztenmal die Krane, und die fremden Kapitäne fluchen weidlich auf das „faule Judenpack", das sich seinen Sabbat um keine Viertelstunde verkürzen läßt, selbst bei bester Bezahlung nicht. Ueber die langen, schmalen Laufbretter steigen sie langsam von den Dampfern, die Hamüls, die muskelstarken Enakssöhne. und Nachfahren spanischer' Granden und Leibärzte, in ihrer. Lumpentracht noch anzuschauen wie ein Zug maskierter Ritter und Fürsten. Wer ist unter ihnen, der nicht allein ein Klavier auf dem Buckel stundenlang umhertvüge? Aber am „Sabbat" rühren sie kein Stück und keinen Ballen an, und Wenns die kaiferlich-ottomanische Kriegsmarine wäre, die' darob in Verlegenheit kommt.. In den Straßen rasseln überall hinter den letzten Kunden ' die eisernen Rollläden vor die Magazine, wackelige Türen werden mit abenteuerlichere Schlössern gesichert, trotzdem man in Saloniki nie von einem Einbruch oder Diebstahl hört. Ueber die Hauptstraßen ergießt sich ein Menschenmeer, zerteilt sich in die kleinen und kleinsten Gassen und wird von den einzelnen Häusern verschluckt. Vom höchsten Trubel bis zur Menschenleere in der Straße führt ein Zeitraum von zehn Minuten. , Und nun gehört Saloniki für eine Viertelstunde — ben kleinen Mädchen. Sie sind die ersten, die Staat gemacht haben, und promenieren nun durch die Straßen. Die wunderbaren schwarzen Haare in mächtige Zöpfe gebändigt und mit zierlichen Seivenschleisen geschmückt, schwarzseidene' Schürzen überm Kleid, so fchlendern sie daher in Gruppen zu dreien oder Vieren und lutschen an irgendeiner Süßigkeit oder kichern, wie es überall die kleinen Mädchen tuy. Sie sind die ersten lieblichen Boten des Sabbats, denn aus ihren Reihen ertönt zuerst der Säbbatgruß: „Schabbät Schalöm"—.„Sabbatfriede", und freundlich tönt das Grußecho zurück: * „Ubrachah" — „und Segen!" Aber allmählich füllen sich die Straßen wieder, Männer und Frauen kommen aus den Häusern, hocken auf kleinen, gepolsterten Schemeln, machen Besuche beim Nachbarn rechts und beim Nachbarn links. Halb ist's altspanisch, halb islls modern. Da find würdige alte Herren im Fes und fchlasrockähnlichem Hausgewand nebst Pantoffeln und Dandys im weißen Strohhut und modernem Sakko. Dü sind würdige Matronen in . altspanischer, bunter Tracht, und junge Mütter im engen Rock, die die Batistbluse mit Vorderschluß öffnen, um ihren Kleinen die Brust zu geben.' Manche — nicht allzuviele — gehen in ein nahegelegenes Minja, in dem mit staunenswerter Schnelligkeit gebetet wird.. Je dunkler es' wird, desto mehr zieht sich das Leben von der Straße in die Häuser zurück. Stiller wird es darum nicht.

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