Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229015-3229063--68973-3281260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
er am häufigsten in Italiens.Periodischen Publikationen ausgetreten, sein. Wirst man danach , einen, Blick aus die selbständig in Buchform erschienenen Werke Markus Landaus, so stößt man kaum aus ein bei ihm sachlich ausfälliges,Erzeugnis. Seine drei ersten Bücher, bis zum vierzigsten Lebensjahre vollendet, entnehmen ihre Gegenstände dem ursprünglichen Arbeitsselde des gelehrten Autodidakten: „Die Quellen des Decamerone" (1869, 2. Auflage 1881—83), „Beiträge zur Geschichte der italienischen Novelle" (1875), „Giovanni Boccaccio, sein Leben und seine Werke" (1877); sie sind noch heute trotz der Masse daran angelehnter, sie ausschreibender oder selbständig weiterschürfender Studien unerschütterliche Fundamente zur Kenntnis des. größten Novellisten in der fruchtbaren Renaissance, seiner Kollegen und ihrer Stoffe. Eine unleugbare innere Verbindung kettet die drei Bücher der nächsten Periode aneinander: „Die italienische Literatur am österreichischen Hofe" (1879), „Rom, Wien und Neapel während des Spanischen Erbfolgekrieges" (1885), „Geschichte Kaiser Karls VI. als König von Spanien" (1889); das erstere bildet die Brücke der anfänglichen italienischen Literaturforschungen nach den archivalisch gestützten dickleibigen historischen Beiträgen zur europäischen und Habsburger Politik am Eingänge des 18. Jahrhunderts. Lediglich ein Sammelbändchen, aber eins, dem wir in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" natürlich vornehmlich Beachtung schenken müssen, waren die nun folgenden „Skizzen aus der jüdischen Geschichte", 1897 als Nummer 50 der „Jüdischen Universal-Bibliothek" (Prag, Jakob B.' Brandeis, 146 Seiten; 20 Pfennig) herausgekommen. Es enthält vier, ungeachtet der gelehrten Belege höchst anziehende historische Abhandlungen: „Römer und Juden", „Eine Proselytensamilie" (das assyrische Königshaus von Adiabene im 1. Jahrhundert n. Ehr. G.), „Königin Berenike von Palästina", „Der letzte Freiheitskampf der Juden zu den Zeiten der Kaiser Trajan und Hadrian". Wie viele serngebildete und sogar geschichtlich wohlbeschlagene, glaubens treue Juden sind 'mit diesen Stoffen oder gar ihrer Vortrefflichen Erledigung durch Landau vertraut? Hatte nun Landau bei seinen Studien auch früher die mittleren, neuerdings die jüngeren und jüngsten Perioden der italienischen Literatur bevorzugt, so verlor er' doch nie den Blick auf deren Gesamtentwicklung, und gerade eineDurchgangsepoche wie das 18. Jahrhundert veranlaßt ja unablässig zur Rück- und Vorschau. Erst mit seiner groß angelegten „Geschichte der italienischen Literatur im 18. Jahrhundert" (1899) kehrte er zu einer umfassenderen und zusammenfassenden Darstellung zurück. Da er hier alle seine ehemals anmutenden Eigenschaften wieder betätigt, brauchte er trotz des Verzichts aus den Kontrollapparat rück-, aber auch ablenkender Anmerkungen das Tribunal der Wissenschaft nicht zu scheuen. Maßgebliche Fachleute der Romanistik wie der Literatursorschung in deutschen und romanischen Landen widmeten diesem imposanten Bande die geziemende Aufmerksamkeit und eingehende Besprechungen. Die Sektion für neuere Sprachen des Freien deutschen Hochstists zu Frankfurt a. M. hielt am 26. März 1901 eine eigene Sitzung mit der Tagesordnung „Italienisches Geistesleben im achtzehnten Jahrhundert und sein Historiker" ab; das daranf und auf jenen Fachreferaten ausgebaute ausführliche Resümee Ludwigs Fränkels — das überhaupt Landaus wissenschaftlicher Persönlichkeit gerecht zu werden sucht — umfaßt in den „Berichten des Freien Deutschen Hvchstistes zu Frankfurt a. M." Neue Folge. Bd. 18 (1901) die Seiten 277—300. Ein ganzes Jahrzehnt später trat Landaus (vorläufig) letztes Werk ans Licht: das originelle, wissensübervolle, stellenweise geradezu faszinierende Buch „Hölle und Fegefeuer in Volksglaube, Dichtung und Kirchenlehre" (man vergleiche die kurze Anzeige in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" 9. August 1912, Nummer 32, Seite 384). Damit unternahm er die muster- 559 -- hafte Darstellung eines der wichtigsten Kapitel aus dem Anschauungsleben der Menschheit: nämlich des Glaubens vom Zustande des Menschen nach dem Tode, worin er „vielleicht den Grund und Kernpunkt aller Religion" erblickt. Ueber alle seine tiesgelehrten, durchweg überaus interessanten Angaben über die Quellen unseres „Wissens" vom Jenseits, von Hölle und Paradies/von der Einzelbeschaffenheit der Unterwelt, der Hölle usw., den Verdammten und ihren Strafen, dem Verkehr zwischen jenseits und diesseits hinaus blickt Landau mit reifer Erfahrung aus Leben und Studium auf einen Friedensschluß nach den Glaubenskämpfen der Jahrhunderte hin, indem er aus einem besseren Verständnis vom Werden und Wachsen der religiösen Ansichten eine vorläufige Milderung erhofft. Andererseits schließt er aus der überraschenden Aehnlichkeit einzelner bezeichnender Vorstellungen und Bräuche, deren wechselnde Entlehnung oder Abhängigkeit ausgeschlossen'sein muß, auf „eine den Menschen angeborene gleiche Geistesanlage". So gelangt Landau sachlich von den ältesten überlieferten Visionen bis zu „Tolstoi in der Unterwelt", gedanklich aber bis zum Einblick in die unaufhaltsam sich fortentwickelnden Zusammenhänge dogmatischer Formel, religiöser Phantasie, volksmäßigen Wahns, philosophischer Ausklügelei über die außer- oder besser nachirdische Existenz. Dieses großzügige Werk verkörpert den Gipfel der wissenschaftlichen Lebensart Dr. Markus Landaus; denn auch in der Idee steht er da auf der Höhe. Mit 71 Jahren hatte es d-er beneidlich rüstige Forscher abgeschlossen; trotz seines wahrhaft wundersamen Stosfreichtums ist es wirklich anmutig, teilweise spannend zu lesen. Und doch, wie verhältnismäßig wenige Fachmänner würdigen und verwerten wohl die weit ausgreifenden Resultate aller seiner Studien. Der jeder gelehrten Gemeinschaft — außer dem Wissenschaftlichen Klub in Wien — oder sei es akademischen, sei es journalistischen „Clique" fernstehende Privatgelehrte hatte sich immer mehr als ein Musterkenner und -kritiker des Schrifttums der von ihm wiederholt bereisten Apenninenhalbinsel entpuppt. Landaus Wissen und Bedeutung vermochten nun zwar in den Kreisen der Männer, die berufsmäßig sich mit den sogenannten neueren Literaturen und Kulturen befassen, nicht gebührende Geltung zu erringen. Zumal unter den zwei letzten Generationen der Jünger der „modernen Philologie" dürften sein Name und Wirken wenigen Ohren bekannt klingen. Ursache waren Landaus bedauerliche Zurückhaltung von den meisten Fachjournalen dieses Reviers und sein Drang, als Publizist möglichst bei weiteren Schichten der literatursreundlichen Gebildeten Interesse für die Gestalten zu erwecken, die ihm als Träger maßgeblicher oder sonstwie anziehender schriftstellerischer Erzeugnisse oder fesselnder Ideen erscheinen. Um so mehr dünkt es Pflicht und Recht, dem hervorragenden Gelehrten und Literaten jetzt anläßlich, der 75. Wiederkehr des Geburtssestes nachdrücklichsten Dank für sein rastloses Schaffen auszusprechen, an dieser Stelle seine Glaubensgenossen, deren Kulturgeschichte ihm so vielfache Aufklärung schuldet, aus seine Taten aufmerksam zu machen, ihm selbst aber für sein nichts weniger als greisenhaftes Alter - einen möglichst beschaulichen und zufriedenen Lebensabend zu wünschen, den die Genugtuung bestgeleisteter Arbeit sonnig verkläre! Sabbat in Saloniki? Skizze von Cheskel Zwi Klötzel, er Hamul (Lastträger) Mosche Dario Molcho sitzt auf den weißen Steinplatten der Kaimauer, läßt die muskulösen nackten Beine in das grüne Wasser herabbaumeln, ^) Ich hatte diese Skizze, ausgenommen, bevor ich die Arbeit?des Verfassers in der Zeitschrift „Janus" kannte, auf die ich demnächst