Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zugeben. Dabei muß bei den hier durch Raumnot gesetzten Schranken natürlichder Gesamteindruck schwach bleibien; es ist eben an diesem Orte nur möglich, Ausschnitte herzusetzen: Jedenfalls zeigt schon der Inhalt dieser Stimmungsbilder aüsder Jugend die hervorragende Fähigkeit, die besonders im Bildungswesen mannigfach einzigartigen Zustande in jener deutsch-jüdischen Handelsstadt am Eingang zu Europas Halbasien greifbar zu umspannen, und zwar mit Menschenkenntnis und Humor. 'V Dort ist also Markus Landau daheim und in den einschlägigen Verhältnissen auch heute, nach gut 40jähriger Abwesenheit, tatsächlich zu Hause. Dort kam er als Sohn des angesehenen gebildeten Kaufmanns Lazarus Landau und der Esther geb. Schapira zur Welt, dort wuchs er auf und genoß alle ' Bildungsmöglichkeiten auf jüdisch-religiösem wie deutsch-schulischem Gebiete, welche die wohlhabenderen und strebsamen Familien Brodys sich geschaffen hatten. Er besuchte die deutsche Real- bzw. Handelsschule, wo er auch, wenigstens rein formell, die Grundlage zur späteren außerordentlichen Kenntnis des Italienischen legte. Vielfach launig versetzt er sich und uns mit den Schilderungen aus seiner Knabenzeit in die Schulerlebnisse zurück. Dann wurde er Kaufmann — man darf, wohl sagen, der Familienüberlieferung gemäß. Aber er „fand dabei Muße, sich gründliche Kenntnisse in den klassischen und modernen Sprachen anzueignen, und ward dadurch auch auf literarische und historische Studien geführt. Nach wiederholten Reisen siedelte er 1869 nach Wien über und erwarb auf Grund seines Werks „Die Quellen des Decamerone" (1869) den Doktorhut. Seit 1878 widmete er sich ausschließlich literar-historischen Studien" (bei Bornemüller). So nimmt sich der äußere unscheinbare Rahmen dieses an auffälligen Ereignissen armen Gelehrtendaseins aus. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Oesfentlichksit stand dieses Gelohrtendasein all die Jahre seither wohl nur insofern, als die Akademien von Messina und Cofenza den gründlichen Erforsch er und gewissenhaften Darsteller der italienischen Literatur zum korrespondierenden Mitgliede, die große israelitische Kultusgemeinde zu Wien den gediegenen Kenner jüdischer Vergangenheit vor mehreren Jahren zu'm Mitglied ihrer historischen Kommission berief: ein Ehrenamt, das der Peinlich Pflichtgetreue im Juli 1912 wegen wachsender Schwerhörigkeit und anderer Gründe niedergelegt hat. Man täte Markus Landau nebst seinen Beziehungen zu den Zeitgenossen jedoch unrecht, vergäße man im Zusammenhang seiner äußeren Lebensschicksale die ausgedehnte publizistische Tätigkeit. Das Manuskript seiner Memoiren, wohl schon vor längerem abgeschlossen, schätzt die Zahl seiner in Zeitungen und Zeitschriften hervorgetretenen Aufsätze auf über 900. So kann man mit Einschluß der seitdem gedruckten sowie der mannigfachen kleinkalibrigen Artikelchen, die ihr Verfasser als Mann strengen Maßstabs kaum mitgerechnet haben dürfte, auf die hochstattliche runde Menge von 1000 solcher Einzelverösfentlichungen kommen. Diese Aussätze und Aufsätzchen, in der : Regel im Feuilleton, seltener in drn sogenannten wissenfchaftj lichett Beilagen großer TageMätter, ferner in Wochenschriften! allgemeinen, zum geringeren Teile in solchen speziell jüdischen! Inhalts veröffentlicht, beschäftigen sich zwar in der Ueberzähl mit Themen aus dem ureigenen Gebiete Landaus, der römani-; schen, insbesondere der älteren wie neueren italienischen Lite-; raturgeschichte: die Palme, eine oberste Instanz zu heißen, macht; ihm da wohl niemand streitig. Aber - zahlreiche Abhandlungen erstrecken sich auf historisch-politische Stoffe des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, denen der; erstaunlich belesene und stets über passende .Parallelen verfügende Publizist absonderliche neue fesselnde Seiten abzugewinnen weiß. Eine nicht kleine Reihe, namentlich solche neueren Datums, faßt jüdische Gegenstände aus ziemlich weitem Horizont ins Auge: kultur-, religions-, sitten-, literar-geschichtliche, durchweg aus der Tiefe eines jahrzehntelangen Einblicks in die Welt des Judentums während alter und neuer Zeitläufte schöpfend und bei aller Unabhängigkeit des Standpunktes und offenem Eingeständnis freisinniger eigener. Ansichten jüdischen Geist und jüdische Wesensart mit einem gewissen mittelbaren Stolz betonend. Endlich bewegen sich die Glieder einer dünnsten Rubrik literarischer Kleinarbeit auf jenem Grenzraine der mehr oder weniger geistreich gewürzten Plauderei über Alltagsgedanken und allgemein menschliche Beobachtungen, der so eigentlich die Unterlage des modernen Feuilletons, voran des darin vorbildlichen Wiener Feuilletons, vorstellt. Auch literarische Dinge fließen da oft ein, und die reich verfügbaren Lesefrüchte weiß Landau überaus geschickt zu verwerten, bisweilen nicht ohne den ihm angeborenen literatursähigen, nicht verletzenden Witz. Wie für die erste Abart der feuilletonistischen Skizze mir eine ältere „Vom Lachen und vom Weinen" als typisch vorschwebt, so für die mehr literaturfreundlich angehauchte eine aus dem Sommer 1912 über Literaturfchnitzer. Was nun die Orte anlangt, wo Markus Landau mit dieser Legion verschiedenartigster Niederschläge seiner Denk- und Wissensmitteilfamkeit zu Wort gekommen, so stehen natürlich die zahlreichen großen Tages'- zeitungen Wiens obenan; auch in Frankfurter und Berliner Blättern ist vieles erschienen. Es wäre jammerschade, sollten alle die teilweise höchst gehaltvollen Arbeiten mit den Jnseratenseiten zusammen ein für allemal zerflattert und sörtgeweht sein. Hoffentlich hält doch einmal eine Druckauswahl möglichst viel Bleibendes davon fest. Des weiteren ist eine Reihe literarhistorischer Abhandlungen, kleiner Artikel, Referate usw. in Fachjouvnalen des Jn- und Auslandes vor das Forum der berufenen Richter getreten: in Deutschland ehemals öfters in der „Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte", in deren Bezirk Landau eine führende Rolle zu spielen berechtigt ist, dazu auch in dem bekannten Organ für Theater, Drama und Verwandtes „Bühne und Welt". Außerhalb des Bereichs deutscher Zunge dürfte Dr. Markus Lau bau geb. am 21. November 1837. ■.