Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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dem er 1911, nach 23 jähriger Tätigkeit, ausschied. Er wurde damals zum Stadtältesten ernannt. Dr, Weigert ist seit vielen Jahren Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Handelsfreiheit und der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft. Wie den allgemeinen städtischen Angelegenheiten, so hat Weigert auch den jüdischen stets sein lebhaftes Interesse zugewendet. Er gehört seit Jahrzehnten der Repräsentäntenversammlung der Jüdischen Gemeinde an und beteiligt sich lebhaft und eifrigan ihren Verhandlungen, .namentlich in Fragen, in denen seine Kompetenz unbestreitbar ist, in Finanzangelegenheiten und Erörterungen über das Krankenhaus greift er mit Sachkenntnis und Lebhaftigkeit in die Debatte ein. Weigert gehört der entschiedenen Linken an und verficht mit Geschicklichkeit und Energie seine freisinnige Anschauung. Es ist sehr erfreulich, daß. Männer von so vielseitiger, allgemeiner Bildung in derartig hervorragender Stellung nicht ermüden, ihre Zeit und ihre Kräfte auch jüdischen Angelegenheiten zu widmen. Wir bringen dem hochverdienten Manne zu seinem 70. Geburtstage, den er in voller Rüstigkeit feiert, auch unserseits die herzlichsten Glückwünsche dar. L. G. Sr. Markus Landau. Zu seinem 75. Geburtstage. Von L. Frankel, ie Zahl derjenigen Gelehrten jüdischen Blutes, welche mit einem ausgebreiteten und gediegenen Wissen, auch als Bearbeiterrein- oder halbjüdischer Stoffe, eine gewandte Feder und schriftstellerische Dauerhaftigkeit verbinden, ist heutzutage nicht so groß, als daß wir, zumal bei einem besonderen äußeren Anlasse, uns hier näher mit einem hervorragenden bekanntzümachen die Gelegenheit verpaßten. . Uebrigens ist ja Dr. Markus Landau den Lesern dieser Blätter gerade neuerdings kein Fremder. Ist er doch während der letzten zwei Jahre wiederholt mit mancherlei eindringlichen Beweisen der eingangs erwähnten Eigenschaften in .der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zu /Wort gekommen. So gebührt dem hochverdienten Manne heute aus doppelter Ursache an diesem Orte ein deutliches Wort, des Lobes und des Dankes, und wir.entledigen uns dieser Wicht gewiß am besten, indem wir dem schicksalsgemäß farblosen Tatsachenbericht, über seinen einfach verlausenen äußeren Lebensgang ein knappes, ungeschminktes Abbild seines vielseitigen wissenschaftlichen und populär-literarischen, geschichtsforscherischen, literarhistorischen, „judeologischen" Wirkens folgen lassen. Geboren wurde Markus.Landau am 21.. November.1837 zu B r o d y in Galizien, jener bekannten, einst in ihrer Blütezeit wohl relativ größten Jüd.enstadt außerhalb Osteuropas, un- '■ mittelbar an Oesterreichs Grenze gegen Rußland. Me Handels- ■ Politische und Volkswirtschaftliche Bedeutung dieser, damals und! noch bis ins dritte Diertä des 19, Jahrhunderts überaus wichtigen Handels- und Grenzverkehrsstadt, auf ihrem Höhepunkt über 40 000 Einwohner (davon gut drei/ Viertel Juden) zählend, sodann die ganz eigenartige soziale Stellung dieser Brodyer jüdischen Kaufmannschaft ist leider noch nie und nirgends einigermaßen sachgemäß in der Literatur zur Geltung gekommen. Nicht nur in der Belletristik, wo man aus Karl Emil Franzos' meisterlichen galizisch-Podolischen Judennovellen, ferner, aus den Erzählungen des hochbejahrt-(geboren 19. August 1827) jetzt in Teplitz lebenden Brodyers Leo Herzberg-Fränkel einigermaßen Einblick in das ganz abgerundete Milieu jener großenteils großkaufmännischen Judenschaft gewinnt. Es fehlt eben eine unmittelbare Darstellung der wirklich abnormen gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse des alten ^Brodh, das heißt der von der quantitativ wie qualitativ weit überwiegenden Nachkommenschaft einer starken Judeneinwanderung „aus dem Reich" (das heißt aus Süddeutschland) beherrschten Freistadt, während der ersten drei Fünftel des vorigen Jahrhunderts. Aus drei Gründen hebe ich das hier nachdrücklich hervor. Einmal, weil sich so selten die Gelegenheit bietet, das Ungerechte, ja Unzulässige des Mitleids, um nicht zu sagen der Mißachtung zu tadeln, mit denen sehr viele „deutsche" Juden auf die sogenannten „Polnischen" Brodyer und deren — jetzt freilich nach dem. Wegzuge aller irgend etwas vorstellenden jüdischen Bewohner längst verfallenen — Heimat herabzusehen belieben. Zweitens, weil das Thema/ die alte Brodyer deutsch-jüdische Sphäre mit der Feder festzuhalten, eine Aufgabe, wenn nicht Pflicht der jüdischen und der deutschen Kulturgeschichte wäre — man höre nur, daß bis vor einem Vierteljahrhundert Brodh, als größte und wichtigste Stadt Galiziens nach dem polnischruthenischen Lemberg und dem allpolnischen heiligen Krakau, allein aus dem ganzen Osten der Monarchie im österreichischen Reichsrat zu Wien durch d e u t s ch e Abgeordnete vertreten war, zwei Mitglieder der mit Landaus nahverwandten ersten Familie der Stadt, Meyer Edler von Kallir und dessen Sohn Nathan. Drittens und endlich, weil kaum jemand berufener und schriftstellerischgeeignetersein dürfte als Dr. Markus Landau, unser Jubilar. Fragt man nach der Qualifikation, die das Geburtstagskind - für die Lösung dieser ebenso interessanten, wie schwierigen Ausgabe mitbringt, so verweisen-wir einerseits auf seine gesamte reichhaltige Publizistische Tätigkeit, vor allem auf dem Felde der Geschichte und namentlich — im weitesten .Sinne — Kultur des Judentums. Anderseits aber auf feine Lebenserinn erringen. Kostproben aus letzteren haben schon vor Jahren die „Beilage der Allgemeinen Zeitung". und die Blochsche. „Oesterrei.chische Wochenschrift" vorgesetzt. Das fertige autobiographische Werk, in das der Verfasser dieses Festartikels Hineinblicken durfte, soll leider nicht als Ganzes an die Oefsentlichkeit treten, obwohl es, ihm. an Publikum nicht fehlen würde. Wer die in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" jetzt zum Abdruck gelangenden Kapitel kennen lernt, wird das