Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Schwindel ' vormachen und Unwahrheiten erzählen, da er ihm -die wahren Gründe: «seiner Disqualifikation doch nicht, sagen darf. So ist der Verein stetig bemüht gewesen, den Liberalen Rüstzeug und Material im Kamipfe gegen die ant-isemibischen Lügen zu liefern. Nach Erstattung des.Kassenberichts -hielt Dekan Holderman-n-Roetteln eineuVörtra-g über „Christliche Volkskultur und Antisemitismus", der nachwies, daß der Antisemitismus mit dem Christentum unvereinbar sei: Die Religion spielt im Leben des deutschen Volkes eine große Rolle, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir von der christlichen Kultur unseres Volkes sprechen. Unter der Behauptung des Antisemitismus, daß die Juden einen Fremdkörper im Volke bildeten und. darum zur. Gesundung des ganzen Körpers ausgemerzt werden müßten, verbergen sich viele eifersüchtige Motive, Mißgunst und Neid auf das wirtschaftliche Vorwärtskommen der Juden und manche falsche Generalisierungen. Es' gibt, viele Juden, die der Tat und Gesinnung nach christlicher sind als manche. Christen. Dieser Rassenhaß ist undeutsch und unchristlich. Unser deutsches Volk wird, diese'Krankheit überwinden und seine christliche Kultur von diesem Flecken wieder rein machen. Ein Anzeichen dafür ist das sichtliche Abflauen des politischen. Antisemitismus, sein Fiasko als politische Partei. Mit dem'.Verschwinden des Antisemitismus aus dem . Parlament ist jedoch der Antisemitismus der Gesinnung und des sozialen und gesellschaftlichen Lebens noch nicht überwunden, hierin haben wir noch, das große Hindernis für das Zusammenwachsen der jüdischen mit der Gesämtbevölkerung zu erblicken. Es muß Sache der Volks- und. Jugend- . erziehung sein, hier gründlich Wandel zu schaffen. Der Geist Christi ist der Geist der Menschlichkeit, und Christentum ist daher die höchste Kultur. Im Anschluß daran sprach Reichstägsabgeovdneter Rechtsanwalt Dr. Ludwig Haas-Karlsruhe über „Deutschtum und Judentum." Der Vortrag widerlegte die Anschauung, daß die Gegensätze zwischen Juden und Christentum unüberbrückbar seien, und enthielt im wesentlichen eine «Warnung vor -den zionistischen Gedankengängen. Einige der Hauptpunkte seien hier wiedergegeven: - Die schwere wirtschaftliche und gesellschaftliche Mißachtung, denen die Juden so lange ausgesetzt waren, ist schuld daran,. daß sie eine besondere Gemeinschaft bildeten und sich nicht mit ihrer Umgebung amalgamierten. Sie setzten auch in den Zeiten der Verfolgung ihren Stolz darin, bezüglich ihrer Ueberzeugung keine Konzessionen zu machen. ' Und trotz der Absonderung hat das Milieu aus sie eingewirkt, denn die deutschen Juden sind ganz anders geworden, als die Juden ' zum . Beispiel in Spanien , in Marokko oder in der Levante. Die deutschen Juden haben heute die deutsche Kultur, und nur die. deutsche Kultur. Wer das bestreitet, der bestreitet, was nicht bestritten werden kann. Die deutschen Juden sind so ein unlöslicher Bestandteil des Deutschtums geworden, sie sind nicht etwa nur eine Religionsgemeinschaft, sondern ein historisch gewordener Völkerbestandteil. Man kann durch Reden, wie es die Zionisten tun, künstlich kein Nationalgefühl schaffen. Die deutschen Juden tragen in ihrer Brust kein anderes Nationalgesühl als das deutsche, was sie durch die Tat in Kriegs- und Friedenszeiten bekundet haben. „Der Kamps gegen den Antisemitismus," so schloß Redner, „muß geführt werden im Interesse der deutschen Kultur. Wir vertrauen auf den Sieg der guten Sache, wenn es auch noch einen schweren Kampf kosten wird. Aber darin sind wir Optimisten, daß wir glauben und überzeugt sind, daß der Sieg uns endlich gehören wird! Und zu diesem Vertrauen berechtigt uns der Glaube an den Fortschritt der Menschheit!" Den völkerpsycholog'isch interessanten Vorträgen ward lebhafter Beifall zuteil. . Wir teilen die von dem letzten Redner ausgesprochenen Ansichten durchaus, wünschen nur,.daß solche Anschauungen, die wir bei Juden als selbstverständlich voraussetzen, von Christen geteilt und von ihnen ausgesprochen würden. Daß Juden die Bestrebungen des Abwehr-Vereins unterstützen, ist gewiß wohlgetan, aber das Reden und -Schreiben für den Verein bliebe, nach unserem Dafürhalten, besser den Christen überlassen. - . ’ : Ueber die P o fener T-a«g-u n«g der Vereinigung für das liberale Judentum haben wir verschiedene Berichte gebracht. ^Jetzt können «wir ünfeve Leser auf die eben erschienene Oktober-; und Novembernummer der Monätsschrift „Liberales Judentum" Hinweisen, die' alle «dort gehaltenen Referate und Ansprachen enthält. Es ist eine wahre Freude, diese mannhaften, ernsten, gediegenen Worte der Herren Rabbiner Seligmann, Freudenthal, Vogelstein, der Herren Justizräte Breslauer und Blau, «der Herren Rechtsanwalt Kämpfer, Direktor Holzman, Dr. I. Wertheim zu lesen. Man Merkt, wie alle diese Männer, von der Heiligkeit ihrer Sache und von dem frohen Vertrauen aus «den Sieg ihrer Ueb-erzeugung erfüllt sind. Möge die Zukunft ihnen recht geben! Wir würden gern vieles von dem dort' Gesagten unseren Lesern mitteilen. Bei der Knappheit des uns zur Verfügung stehenden Raumes müssen wir uns damit «begnügen, die Schlußsätze aus einer Ansprache des Herrn Dr. Seligmann -hier mitzuteilen. Sie lauten: - Wir deutschen Juden haben vaterländische Gesinnung und wollen dieselbe pflegen; auch das ist eine unserer Forderungen. Wir haben uns erfüllt mit deutscher.Kultur und «wollen uns nicht mehr wie in den Zeiten, die gottlob hinter uns liegen, ganz in uns abschließen. Wir sind und wollen-sein - Assimilanten an das deutsche Vaterland und an die vaterländische Kultur. Aber —wo es das Judentum - gilt, das. Judentum, das für uns allein Bedeutung hat, das religiöse Judentum, da sind wir keine Assimilanten, da stehen wir in Treue zur reinen, .ungetrübten, heiligen Väterreligion. ' ' Da wollen wir — allem Abfall, allem Jndifferentismus gegenüber — ein Verband der Fahnentreue sein. Wir wollen die religiöse Fahnenflucht mit dem Schandmal öffentlicher Verachtung brandmarken. Wir wollen aus unserer Mitte jeden ausschließen, der um äußerer Vorteile willen, zu fremden Altären geht oder seine Kinder dahin führt. Wir wollen alle diejenigen von uns abschütteln, die uns bei unserem Kampfe um Erneuerung der Religion durch feigen Abfall in den Rücken fallen und jede Gemeinschaft mit ihnen meiden. Und so möchte ich in vier Forderungen alles zusammenfassen, was -wir zu sagen-haben.- Gegenüber den Radikalen und Religionslosen: Religiöse Gebundenheit! Gegenüber denen, die die Masse äußerer Vorschriften zum Wesen und das Festhalten an allen alten Bräuchen zum Gesetz machen: Zeremonielle Freiheit!' Gegenüber denen, die den Schwerpunkt des Judentums vom Religiösen -auf das rein Nationale verschieben: Vaterländische -Gesinnung! Ueber alles -aber: Liebe und Treue zu unserem heißgeliebten Judentum, zu dem Judentum, das -bei aller Verschiedenheit! der jüdischen Standpunkte den gemein-s-ameu Boden bilden soll,-aus dem wir alle Zionisten, Orthodoxe und Liberale, uns einigen können, wenn nur wollen! Stadtältklter Dr. Max Weigert, der Vizepräsident der Aeltesten der Kaufmannschaft -von Berlin, vollendete am Dienstag den 19. d. M. sein 70. Lebensjahr. Iw- Berlin geboren, trat Weigert nach- Durchführung nationalökonomischer Studien in das. von feinem Vater unter der Firma Weigert & Co. begründete Wollwaren-Fabrikgeschäft ein, das er 1872 allein übernahm und bis zu seiner Auflösung (1902) leitete. Daneben beschäftigte sich Dr. Weigert mit wissenschaftlichen Studien und entfaltete auch eine reiche , schriftstellerische Tätigkeit; so verfaßte er u. a. im Aufträge der Reichsregierung den amtlichen Bericht über die Textil- und Bekleidungsindustrie aus der Wiener Weltausstellung von 1873 und wurde im Jahre 1876 als Juror für die Textilindustrie auf die Weltausstellung nach Philadelphia gesandt. Seit 1886 ist Weigert auch Mitglied des Königlichen Beirats des Kunstgewerbemuseums. An den handelspolitischen Kämpfen zu Ende der 70 er Jahre nahm Dr. Weigert in Wort und Schrift lebhaften Anteil. Im Jahre '1882 wurde er in das Kollegium der Aeltesten der Kaufmannschaft gewählt, dem er jetzt also 31 Jahre, davon 14 Jahre als Mitglied des Präsidiums, angehört. Seit 1886 gehört Dr. Weigert auch dem Ausschüsse des Deutschen Handelstages an. 1888 wurde Dr. Weigert unbesoldetes- Mitglied des Berliner Magistrats,- aus