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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-22 · Heft 47 (22.11.1912) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 47 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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160 Jahren sein kleines Lustspiel „Die Juden" schrieb, meinte ein Kritiker, der Vorgang des Stückes sei kaum möglich, denn solch einen anständigen oder edlen Juden, wie darin geschildert würde, gäbe es nicht. Dreißig Jahre später erschien der; Nathan und wurde schon geglaubt. Wenige Jahre später | wurde der Leibzoll abgeschasft, den bis dahin jeder Jude zahlen mußte, und endlich vor hundert Jahren erhielten wir die Bürgerrechte. Nach abermals hundert Jahren — wir haben hoffen und warten gelernt — wird es vielleicht keinem einzigen mehr einsallen, zu bezweifeln, daß wir Deutsche sind, wie denn schon heute ungezählte der besten und feinsten Geister es nicht tun. Nur dürfen wir unserer Menschenwürde nichts vergeben, nur müssen wir uns selber als Deutsche fühlen und als Deutsche wirken — trotz alledem!" Die Woche. Berlin, den 19. November 1912. er Balkankrieg scheint sich seinem Ende zu nähern. Die Türkei hat direkte Wasfenstillstandsverhandlungen mit ihren Gegnern begonnen, die, wie man hoffen kann, von Erfolg begleitet sein und in absehbarer Zeit zum Frieden führen werden. Die allgemeine europäische Lage hat sich geklärt. Der Dreibund (Deutschland, Oesterreich, Italien) und die Tripleentente (Frankreich, England und Rußland) stehen jedenfalls in keinem entschiedenen Gegensatz, scheinen vielmehr ernstlich bestrebt, den Weltfrieden zu wahren. So ist zu hoffen, daß, wie auch die Entscheidung fallen möge, in welcher Weise auch die Verteilung der Beute vor sich geht, ob es etwa zu einem selbständigen Fürstentum Albanien kommt, ein blutiger, verhängnisvoller Weltkrieg vermieden und für den Augenblick wenigstens die Ruhe auf dem Balkan hergestellt wird. Ob ' diese Ruhe von Dauer sein wird oder kann, vermag einstweilen freilich-keiner zu verbürgen. * Das jü d i s che Hilfs w erk für die Notleidenden hat bereits begonnen; wünschen wir ihm den besten Erfolg. Nach der „Aurore" ist in Konstantinopel eine große Masse Einwanderer zusammengeströmt, die im höchsten Grade bedürftig ist. Die jüdischen Studenten werden von demselben Blatte ausgefordert, sich als Freiwillige oder als Helfer im Kranken- und Verwundetendienste zu melden. * lieber die Juden in Palästina und den Krieg schreibt man der „N. I. K." aus Jaffa: Im Vordergrund des allgemeinen Interesses steht — wie sollte es auch anders sein? — der neue Krieg, in den die Türkei, die kaum den Krieg mit Italien beendet hat, nun gegen ihren Willen verwickelt wurde. Ein banges Gefühl zieht durch die Gemüter. In Jerusalem haben die Rabbiner ein besonderes Gebet für den Sieg der osmanischen Waffen verfaßt und auch eine besondere Andacht für die Wohlfahrt des Vaterlandes veranstaltet. In Jaffa kam auf Anregung von Frau Dr. S ch a m a i eine Besprechung jüdischer Frauen zustande, in welcher beschlossen wurde, zur Hilfeleistung für die verwundeten türkischen Soldaten nach dem Muster des Roten Halbmondes einen „Roten Magen-David" zu begründen. Inzwischen mußte der junge Ben - I e h u d a -als verantwortlicher Redakteur des „Haor" ohne zureichenden Grund einige Tage im Gefängnis zubringen. Sein „Vergehen" bestand darin, daß er, indem -er die Ansichten ausländischer Zeitungen über den vermutlichen Ausgang des Krieges registrierte, auch einige der Türkei gegenüber pessimistisch gehaltene Zeitungsstimmen wiedergab. Fortgesetzt ziehen junge Soldaten, auch Juden darunter, an die Grenze. Der jüdische Arzt.Dr. Neu m ann aus Jerusalem, ebeirso Dr. M o y a l aus Jaffa haben sich freiwillig zur Fahne gemeldet. Der Kolonistensohn Eisenberg aus R.echoboth, der vor kurzem die Militärschule absolvierte, ist ebenfalls bereits ins Feld gezogen. * ' - Dasselbe Blatt berichtet nachstehendes über die Beteiligung der serbischen Juden am Kriege. Von ungefähr 6000 jüdischen Einwohnern Serbiens sind etwa 800 eingerückt. Von'diesen 800 sind 16 Reserveoffiziere und einer aktiver Hauptmann, ' alle anderen gewöhnliche Soldaten. Während des jetzigen Krieges haben sich die Juden glänzend bewährt. Das im allgemeinen wenig judenfreundliche Regierungsblatt „Politika" hat in einer seiner letzten Nummern den Juden besonderes Lob gespendet. Es schrieb unter anderem, daß zwei Kompagnien, die größtenteils aus Juden zusammengesetzt sind, tapfer gekämpft und zwei türkische Forts, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, eingenommen haben. 21 jüdische Aerzte sind aus dem Schlachtfelde tätig. In den Spitälern in den Städten arbeiten auch jüdische Aerzte und zeichnen sich überall aus. So wurde zum Beispiel dem jungen Dr. Eszkenazy die Organisation und die Leitung der provisorischen Hospitäler in Belgrad anvertraut. Viele Juden und Jüdinnen haben sich freiwillig zum Roten Kreuz gemeldet. Frau Dr. Alcalay in Belgrad und ihre Tochter haben gemeinsam mit einigen anderen Frauen die Oberaufsicht über die Küchen in den Spitälern. Der Oberrabbiner von Serbien, Dr. Alcalay, hat sich mit einem Vorstandsmitgliede der israelitischen Gemeinde Belgrads in die neueroberten Städte begeben, um dort durch Reden beruhigend aus die Einwohner zu wirken. Die Juden Belgrads besitzen zwei Kultusgenwinden, eine spaniolische und eine deutschjüdische. Die spaniolische hat der Regierung im Laufe von zehn Tagen schon 20 000 Frank für die Pflege der Verwundeten usw. gespendet. Die deutsch-jüdische hat unter der Leitung ihres Rabbiners Schlang ein provisorisches Spital mit 20 Betten und eine Ambulanz eingerichtet und versorgt die Verwundeten mit Lebensmitteln. Momentan sind in den Spitälern Belgrads ungefähr fünf jüdische Verwundete untergebracht. Es heißt, daß bisher 50 ser- . bische Juden gefallen sind. *• In Deutschland hielt vor kurzem, wie schon kurz gemeldet, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus seine Generalversammlung unter zahlreicher Beteiligung ab. - Reichstagsabgeordneter Gothein, erster Vorsitzender, gab einen kurzen Ueberblick über die Tätigkeit des Vereins. Der Erfolg des Kampfes gegen die Antisemiten ist ein bemerkenswerter .Rückgang der antisemitischen Bewegung gewesen, und von den 16 Mann, die in den Wahlkainpf zogen, find nur 9 Mann zurückgekommen. Wir müssen es freudig begrüßen, daß der Antisemitismus in feiner schlimmsten Tonart politisch so schlecht abgeschnitten und auch in der Bevölkerung mancher Gegenden eine starke Einbuße erlitten hat, aber wir sollen den Erfolg nicht überschätzen, denn es gibt noch mitten unter den Konservativen ein starkes antisemitisches Lager. Die Konservativen haben -im Wahlkampfe, wo immer nur angänglich, mit Mitteln gearbeitet, wie sonst nur die Antisemiten anzuwenden Pflogen. Ihre Parteisekretäre -und Agitatoren sind aus- .gesprochene Antisemiten und arbeiten mit antisemitischen Mitteln. Die Konservativen haben sich überall da, wo sie nicht auf die Stimmen der jüdischen Mitbürger angewiesen waren, als eine rein antisemitische Hilfstruppe erwiesen. Hatten die Konservativen auch früher antisemitischen Tendenzen gehuldigt, so sind sie diesmal auch nicht vor den rohesten Formen der Agitation Zurückgeschreckt. Leider ist die Mehrheit der Linken im Reichstag zu -gering, um recht aktionsfähig sein und auch der wichtigen Frage der Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger mit Erfolg näher treten zu können. Man kann wohl sagen, daß das Osfizierkorps und die Verwaltung Judenmission treiben, insofern, als die Juden, die dort hineinkommen wollen, zu einem Glaubenswechsel gezwungen sind. Das ist unmoralisch, eine Schmach und verfassungswidrig. Der oft gehörte Einwand, man verschließe Juden den Zugang in der Befürchtung, daß sie wegen ihrer Intelligenz die germanischen Elemente verdrängen und unterdrücken könnten, ist ein bedauerliches testimonium paupertatis. Es ist für uns Christen eine Pflicht, uns gegen diese Unterstellung zu wehren. Bei dem Reserveoffiziertmn tritt diese Ungerechtigkeit noch deutlicher hervor. Es wird mit zweierlei Maß gemeffen. Diese Zustände sind geeignet, unser Osfizierkorps zu demoralisieren, denn der Offizier muß dem . jüdischen Osfiziersaspiranten allerhand

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