Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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darum und aus vielen anderen Gründen stellt Goldsteins Formulierung des Problems nicht eine ungeheuerliche Tatsache dar, sondern lediglich eine ungeheuerliche Behauptung. Nein, wir verwalten nicht den geistigen Besitz des deutschen Volkes; wir helfen, ihn mitverwalten, und daß ein großer Teil des deutschen Volkes uns dazu die Berechtigung und Fähigkeit abspricht, ist freilich noch traurig genug. Wir arbeiten mit an der deutschen Kultur, und das sollte man uns gerecht und neidlos anerkennen. Die größte Ungerechtigkeit aber begeht hier der Staat, oder, wenn man will, seine Verwaltungsbehörden, und das Beispiel von oben wirkt nach unten. Noch immer wird der Treubruch, um nicht zu sagen der Meineid, belohnt. Hut ab vor jeder ehrlichen Ueberzeugung, und wenn einer nach schweren inneren Kämpfen seinen Glauben wechselt, so hat der andere ehrerbietig zu schweigen. Wer es aber irgendeines äußeren Vorteils halber tut, der ist charakterlos.— Ein jüdischer Oberlehrer, sagt man, ist nicht geeignet, deutsche Kinder Geschichte und Deutsch, die sogenannten Gesinnungsfächer, zu lehren, ist nicht der rechte Mann, ihnen Luthers Wort: Hier stehe ich, ich kann nicht anders! einzuprägen. Sobald er aber sagt: Hier stehe ich, ich kann auch anders! dann hat er mit einem Male die volle Würdigkeit dazu erlangt. Und ähnlich so mit den Professoren, den Richtern, den Offizieren, ja sogar den Ingenieuren. Schlimmere Simonie ist nie getrieben worden! Goldsteins Behauptungen sind nicht nur vielfach übertrieben, sondern auch in sich voller Widersprüche. Aus der einen Seite redet er von der großen Macht der Juden, ihrem ' gewaltigen Einfluß in der Kritik, ihrer Beherrschung des Theaters, und auf der anderen behauptet er, der Jubel, mit dem ein christlicher Autor im Theater begrüßt werde, sei ein ganz anderer, freudigerer, anfeuernder als der, den jüdische Autoren hörten. Ich weiß nicht, wie es in anderen Städten ist, aber noch klingt mir der rückhaltlose Jubel in bfrt Ohren, mit dem Hofmannsthal - und auch Schnitzler in Hamburg begrüßt wurden. Man frage doch einmal die Dichter selber, was sie zu Goldsteins 'Behauptung sagen. Und man frage auch — Eulenburg. Wagners Ausspruch: „Deutsch sein, heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun", ergänzt Goldstein mit Recht dahin, daß das ein Merkmal jedes echten Strebens sei. Und doch behauptet er kurz vorher, daß es nichts „Schämenswerteres für uns Juden gäbe, als den Mann unterstützt zu haben, der uns aus das. Unzweideutigste von seiner Seite gewiesen". Wenn die Juden Wagners Werk für ein großes hielten, gibt es denn einen besseren Beweis für ihr Deutschtum in seinem Sinn oder für ihr echtes Streben, als daß sie es unterstützten — trotz Wagner. Und ist es nicht eine schöne Ironie der Geschichte, daß Wagner sich für die Aufführung seiner Werke einen Helfer in dem Generalmusikdirektor Levh, dem Sohn des Rabbiners in Gießen, holen mußte? Wie kommt Goldstein dazu, zu behaupten, daß „unsere Künstler" uns keinen anderen Typus Jude als Shylock und ^hylocks Tochter gezeigt hätten, und daß kein Christ sich von diesen Vorbildern befreien könne. Goldstein wäre wirklich zu, bedauern, wenn er keine anderen Juden in der Literatur und keine anderen Christen im Leben kennt. Man schämt sich fast, an Lessings Nathan und Grillparzers Esther zu erinnern. Es ist zu beklagen, daß der Nathan in unseren Schulen nicht zu solch lebendiger Wirkung kommt, wie sie von ihm ausgehen könnte, wobei ich gleich bemerken möchte, daß wir Juden, wenn wir uns in Nathans Weisheit sonnen, gewöhnlich gar nicht daran denken, daß ein Christ chn geschaffen hat. Es wäre sehr gut, wenn man drüben nicht vergäße: so können Juden denken, und hüben: so haben Christen gedacht. Juden und Christen, die vor allem mit Nathan eins nicht vergessen: daß sie Menschen sind. Wer solch freie, vorurteilslose christliche Freunde gefunden, Freunde, denen er rückhaltlos' sein Weh und Leid, auch sein jüdisches^Leid, anvertrauen kann, der kommt über manche Bitiepkeit des Tages hinweg. Wir verwalten den geistigen Besitz des deutschen Volkes, behauptet Herr Goldstein, aber er hält es für ungebührlich, daß ein Jude über Luther und die Reformation schreibt. Und warum denn nicht? Wird nicht vielleicht gerade ein Jude am unbefangensten Luther beurteilen und sein Werk würdigen können? Und warum sollte ein jüdischer Dichter nicht ein. Weihnachtsgedicht machen dürfen? Erlebt er nicht jedes Jahr den Zauber der Weihnachtsstimmung, der sich ihm aus Markt und Straße entgegendrängt? Wer will einem Dichter, dem nichts Menschliches fremd sein soll, denn überhaupt vorschreiben, was er darf? Nur wahr, nur erlebt, nur empfunden, nur dichterisch gestaltet muß es sein. Hat nicht Heine, den übrigens Herr. Goldstein in so merkwürdiger Weise verteidigt, neben seiner „Prinzessin Sabbath", seinem „Jehuda Halevi", die „Wallfahrt nach Kevlaar", gedichtet? Wüßte man nicht, von wem sie wäre, man würde glauben, dieses Gedicht könnte nur aus der Seele eines frommgläubigen Katholiken geboren sein. Das eben macht den Dichter. Außerdem, würde Herr Goldstein es als unangenehm oder ungebührlich empfinden, wenn ein christlicher Dichter, ergriffen von der Weihe eines Versöhnungsabends, sein Gefühl in einer . Dichtung ausspräche? . ' In wessen Namen spricht Goldstein eigentlich? Wer gibt ihm das Recht, zu sagen „und endlich einmal werden wir aus die Ehre, ein deutscher Dichter zu heißen und deutsche Kultur zu machen, verzichten". Nein, Herr Goldstein, das werden die deutschen Juden nicht; sie müßten sonst eben aufhören deutsche Juden zu sein. Merkwürdig! Wie eng, wie unauflöslich wir deutsche Juden mit dem Deutschtum verknüpft sind, das schildert Goldstein ganz ergreifend. Um so verwunderlicher ist es, daß er mit den Zionisten liebäugelt, daß er die einzige Rettung in dem Sprung „in die neuhebräische Literatur" sieht, um freilich im nächsten Augenblick wieder zu sagen, wir können ihn nicht mitmachen. Der Zionismus kann uns nicht helfen, er mag eine Lösung, eine Erlösung für die unterdrückten, ihrer Menschenrechte beraubten russischen Juden bedeuten, mag ihnen vielleicht eine glanzvolle, reiche Zukunft bieten, für uns deutsche Juden ist er nicht einmal ein „Linderungsmittel". Wir haben uns unser Vaterland unter schweren Kämpfen, mit mehr Blut und Schweiß errungen als unsere Vorfahren ihr gelobtes Land, wir wohnen auf seinem Boden seit mehr denn einem Jahrtausend, für ihn haben-unsere Väter auf den Schlachtfeldern geblutet, hier ruhen unsere Toten, und hier ist die Heimat unserer Seele. 'Wirst n d Deutsche, und wir wollen es bleiben! Wir lieben unser Vaterland mit aller Kraft unseres schwergeprüften Herzens, und wenn Goldstein sagt, es ist eine unglückliche Liebe und eines Mannes unwürdig, so erwidern wir mit Goethe: „Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?" Daß wir dabei unserer Väter nicht vergessen, daß wir uns stolz und frei als Juden bekennen, ist selbstverständlich, ist einfache Ehrenpflicht eines anständigen Menschen. Ist doch die Treue die Wurzel der jüdischen Geschichte. Unsere Liebe und unsere Treue können wir aber nicht besser beweisen, als wenn wir unbeirrt durch alle Angriffe aus den Reihen unserer Gegner oder aus unseren eigenen Reihen uns redlich bemühen, das Beste zu leisten, was wir leisten können, unserem Vaterland zu dienen mit allen unseren Kräften. So, Herr Goldstein, denke ich mir die Antwort aus Ihre Frage: „Da dir so von deinen Mitmenschen begegnet wird, wie begegnest du ihnen?" - ,Die - Entwicklung der Menschheit schreitet langsam vorwärts; aber sie schreitet vorwärts. Als Lessing vor etwa