Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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76. Jahrgang Nr. 47 Berlin, 22. November 1912 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« - - Unter Leitung des ' ' Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Uuäolk dlosse, VerUn, Jerusalemer Strasse 4SM Alle Zusendungen ' für' Redaktion'und 7 Expedition sind a«: die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»!", Berlin SW.', Ierusalenier Straße $6/49, zu richten. - Verlag von. Rudolf rNosse, Berlin. . )-.Diese> -Zeltungr«'!erscheint<^öch'entlich.- A bo nne inenb'S'p:reis': durch den Buch- Handel oder die Post (in Berlin und vort orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 )YI. — Postscheckkonto 324. TlttltCtlt Ter Kunstwart und die Judelifrage. Non Ludwig G^ger. _ Die Woche. — Stcidtciltester Tr. Max Weigert. — Dr. Markus Landau. Von L. Frankel. — Cabbat in Saloniki. .Skizze? von Cheskel Zwi Klötzel. — Ende der Gemeindekämpfe in Konstantinopel? Von Hugo S-us;nitzkl. — Feuilleton: Freundschaft. Skizze von Anna Friodmann'-Mandel. Büchereinlaus. — Sprechsaal. Dev Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Graudenz, Beuthen (Q.-S.), Gleiwitz, Aus der Provinz Posen, Elinshorn, Dresden, München, Nürnberg,, Bad Ems, Kassel, Frankfurt a. M., Wien, Sofia,.Petersburg. — Von Nah und Fern. Der lkunltwart und die Iudrnkrsge. Von Ludwig Geiger. (Schluß.) re einzige Antwort auf die Goldsteinschen Ausführungen, die wirklich Beachtung verdient, ist die des Herrn Jakob Lo e w e n b e r g., Siebegegnet sich völlig mit den Anschauungen, .. die diese Zeitung immer vertreten hat,, und die sie vertreten - wird, so lange ich an ihrer Spitze stehe. Mit ausdrücklicher! Er- . laubnis des Verfassers bringe ich sie an dieser Stelle zum Abdruck. Sie lautet:?;!■..-f. 'V.■/.?; „Ich wanderte im vergangenen Herbst, mich der. stillen Schönheit der Landschaft freuenddurch ein kleines Heidedorf von wenigen Häusern, in dem sicherlich nie ein Jude gewohnt, wahrscheinlich nie ein Jude einen Christen gekränkt hat. Da . ruft ein Bürschchen von etwa acht Jahren mir, schimpfend nach: „Jud! Jud!" Aus fröhlichem Sinnen schrecke ich auf, und als ich mich umschaue, läuft der Kleine davon.— Wie kommt das Kind dazu, mir so grausam wehzutun? Solcher Haß muß ererbt sein. Wenn seit, vielen Jahrhunderten die Kinder in Schule, Kirche und.Haus belehrt werden,, diese Menschen, die Juden, haben unseren Heiland getötet: ist es nicht ein löbliches Gefühl, das jenes Kind zu seinem Schimpfen treibt? Und wie viele Erwachsene stehen noch unbewußt unter dem Bann dieses anerzogenenoder/ererbten Gefühls,? . Ihr / Glaube ist vielleicht geschwunden, aber der Haß M'geblieben. Wen aber!Erziehung, Kultur und Geschichte davon freigemacht haben, wer unsere wirklichen oder vermeintlichen Fehler nach des Dichters Wort: »Wir lähmen sie und grollen, daß sie . hinken" beurteilt,, der ist. doch aus überströmendem, aber falsch , geleitetem Nationalgefühl leicht geneigt, in dem Juden einen anderen, .einen Frewderr.zu:sehen, einen, der nicht zu seinem V ölkstum gehört, -obschon wahrlich der Unterschied zwischen einem Norddeutschen und. .Süddeutschen in vieler Hinsicht größer: ist. alszwischen einem norddeutschen Juden und. einem, norddeutschen.Christen.. Wo aber alle diese Gründe die -Abneigung:nicht erklären, da ist mit ziemlicher Sicherheit darauf f MiHchließen^daß Neid,: Mißgunst oder irgendeine von einem ' Hchen erlittene Unbill,mit im Spiele sind. . „Der undder hat; MiFunrechtgetan",! das sagt^ gar nichts, aber »der Jude hat mir unrecht getan", das ist leider für viele Behauptung und Beweis zugleich. Ein deutscher Judedarf ja - kein-Offizier werden. Aber es sollte einmalein jüdischer'/Leütrmnt'iseinen 'Kameraden im Rang vor ihm vergiftet haben, umsÄber -schneller steigen zu können, es sollte <einmak ern jüdischer Hauptmann seinen Major erschossen haben, um dessen Gattin heiraten zu können — wer hätte die scheußliche Tat ünd uhre - 'Wter^' allein- -verdärnmt'?'-' -^ Wütde.- es nicht „die Judenll-dre Juden!" aus unzähligen Kehlen und Blättern geschvien haben? Das ist noch ein schlimmes Erbübel aus alter Zeit, daß wir alle die Verantwortung für den einzelnen tragen sollen.-In.dieser traurigen.Gewohnheit bekundet sich nichtMtr der' Haß. gegen uns, er hat-auch vielfach seinen Grund darin. So suche ich mir die Abneigung! die' nicht in allen, aber'in. - vielen Kreisen des deutschen Volkes gegen die Juden herrscht^ zu erklären; sie ist! echt, sie ist tief, and-sie fragt nicht nach Recht : und' Gerechtigkeit. So weit gehe ich. auch mit Goldstein,- aber 'sonst känn ich ihm nicht folgen. Wir Juden beklagen uns, daß unsere Gegner unseren Wert/ unsere Leistungen unterschätzen,: hüten wir uns, daß.wir sie .überschätzen. Und das tut.Goldstein. Schon der Titel seiner? Ausführungen klingt, wenn er nicht ironisch'gemeint ist,, nach!; Ueberhebung, ist grundfalsch, istein- Widersinn, ein Unding.' Es gibt keinen deutschjüdischen Parnaß, ebensowenig ww es einen deutsch-polnischen oder einen.deutsch-wendischen gibt. . Was in deutscher Sprache an dichterischen Werken geschrieben, ist, gehört zurdeutschen Literatur oder nicht. Ein Mittelding gibt es nicht. Oder will Herr Goldstein mit seiner U.eberschrift . nur and'euten, daß eine große Zähl deutscher Dichter jüdischer Herkunft ist?! Wenn dem so: wäre, wer wird bei Dichtern, zählen? Es gibt auch.keine jüdische Literatur in 'Deutschland, die von Juden für Juden geschrieben ist, und ebensowenig. . besitzen wir irgendwelche „geheimnisvolle Eigenschaften", kraft. deren wir mehr leisten könnten als! andere... Es ist selbstverstündlich,-daß die Juden, die eine uralte.Kultür'.!hab.en.»wir? anderen/sind von, heut, sie aber reichen bis an der. Schöpfung Wiege", sagt Grillparzer-—, die selbst in den Zeiten der grau- , samsten Verfolgung geistig tätig gewesen, sind, /unter denen: es nie einen Analphabeten gegeben hat, daß die Juden, denen! bis. vor einem Jahrhundert, ja in manchen Gegenden bis vor einigen- Jahrzehnten Handwerk und Ackerbau verboten waren/:, sich jetzt auch vorwiegend auf den Gebieten betätigen, die ihnen: 'immer offenstanden: auf dem kommerziellen und dem geistigen.,- Es mag eine verhältnismäßig außergewöhnlich große Anzahl? jüdischer Dichter und Schriftsteller geben; aber -stehen sie in erster Reihe? Wer von ihnen, um nur; von der Literatur zu reden, stellt sich unter den Lyrikern. der Gegenwart neben" Liliencron? Wer? unter den Dramatikern neben Hauptmann? ' Wer unter den Epikern neben Spitteler? Ich wünsche, von: Herzen, ich könnte Namen nennen, aber es.geht nicht- Und