Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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76. Jahrgang Nr. 46 Berlin, 15. November 1912 Vellage zur „AUgemetnen Leitung de§ Judentums". korrrlponden?en und Kschrichtrm Deutschland. ^2 Berlin, 12. November. Zu dem Bericht über den Besuch, den der Kaiser der neuen Synagoge in der Fasanenstraße abstattete, möchten wir noch ergänzend hinzufügen, daß außer den genannten Herren des Vorstandes noch die Herren Syndikus Justizrat Lilient h a l. Geheimer Baurat San d sb erg, Kommerzienrat C. L. Netter und der Vorsitzende des Synagogenvorstandes dieser Synagoge, Herr Benas Levy, anwesend waren. Herr Dr. James Simon stellte alle Herren Sr. Majestät vor, und jedem von ihnen reichte der Kaiser beim Abschied die Hand. Berlin, 12. November. Der V er ein für jüdische Geschichte und Literatur veranstaltete am 24. v. M. den ersten populär-wissenschaftlichen Unterhaltungsabend dieser Saison. Dem Vorstand war es gelungen, für diesen glänzend verlaufenen Abend Dr. Ludwig Fulda als Vortragenden zu gewinnen, der aus eigenen Dichtungen folgende zur Verlesung brachte: „Traum vom Glück", „Aus meinen Flegeljahren", „Die zensorierte Schöpfung". Mit jüdischer Geschichte und Literatur hatten freilich diese Darbietungen nicht das geringste gemein, dessen ungeachtet wurden sie von dem außerordentlich zahlreich erschienenen Publikum mit geradezu frenetischem Beifall ausgenommen. Neben dem geistvollen Gehalt und der künstlerischen Sprache der ersten zeichneten sich die beiden letzten Vorlesungen durch einen reichen blühenden Hmnor aus, für den unsere Glaubensgenossen stets das richtige Verständnis mitbringen. — Der Vortrag von Dr. Franz O p p e n h e i m e r fand am 7. d. M. statt. Er sprach über die jüdische Nasse und ihre geschichtliche Bedeutung und ging von der Richtung aus, gegen die er schon yuf dem jüngsten Soziologen- Kvngreß austrat, indem er sie „Germanomanie" nannte. Mit ziemlicher Schürfe wandte er sich gegen die Rassentheoretiker, die jeden tüchtigen Menschen, wo immer er auch auftaucht, für einen Arier halten. „Auch heute" — führte er aus — „sehen wir Männer der Wissenschaft am Werke, die alle bedeutenden Männer der Welt, selbst den Stifter des Christentums, als Germanen, wenn nicht als Arier betrachten. Es gibt aber keine germanische Rasse, es gibt überhaupt keine Rassen. Die angestellten Versuche, Rassenkennzeichen zu konstruieren, sind kläglich gescheitert, selbst die sogenannte Judennase hat unwiderruflich versagt. Der edle Langschädel, ein angeblich germanisches Charakteristikum, findet sich auch bei den Kasfern und den Australnegern. Nun soll man sogar Langschädel und Rundschädel, die angeblich wichtigen Nassenmerkmale, künstlich fabrizieren können, je nachdem man die Kinder aus der Seite oder auf dem Rücken schlafen läßt. Man spricht jetzt sogar von einem Gefühl der Rasse im eigenen Busen, aber dieses Rafsengesühl ist. nichts weiter als Selbsttäuschung einer kurzlebigen Gegenwart." Der Vortragende lehnte auch die Körpergröße als Rassenunterschied ab, ebensowenig sei es stichhaltig, wenn man die wissenschaftliche oder kommerzielle Begabung irgendeines Individuums mit seiner Abstammung oder Rasse in Zusammenhang bringt. „Menschliche Charaktere, das Schaffen und Wirken, sowie die kulturellen Leistungen der Völker sind", wie er an mannigfachen Beispielen nachzuweisen suchte, „einzig und allein von dem geographischen und fozialenMileu abhängig." Die hochinteressanten, streng wissenschaftlichen und doch allgemein verständlichen Ausführungen, die wir aus Mangel an Raum leider nicht einmal flüchtig skizzieren können, fanden rauschenden Beifall. Die zahlreiche Zuhörerschaft verließ den Saal mit dem befriedigenden Bewußtsein, einen Vortrag gehört zu haben, der zum Nachdenken anregte und seinem Urheber wohlverdienten Dank und ungeteilte Anerkennung einbrachte. — Aus den auswärtigen Vereinen: In Straßburg i. E. sprach Dr. Artur W e i l über „Islam und Judentum"; in Köln a. Rh. Herr Joseph A m b r u n n- Münch'en: „Rezitationen biblischer und moderner jüdischer Dichtungen"; in Frankfurt a. O. Frau Regina N e i ß e r - Breslau über „Bedeutiende jüdische Frauen des 19. Jahrhunderts in Literatur, Kunst und Humanität"; in Wollstein i. P. Dr. E. I. P o r i tz k-y. - Berlin über Maxim Gorki und die Juden",— In Bayreuth ist nach einem Vortrage des Herrn Rabbiner Dr. S a l o in o n über „Die d e u t s ch e n I u d e n im letzten I ah r h ü n d e r t" ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur begründet worden. Der Vorstand setzt sich aus folgenden fünf Herren zusammen: Rabbiner Dr. Sa l o m o n (1. Vorsitzender), Rechtsanwalt Klein, Alb. S i l b e r s ch m i d t, Dr.. H o lzinger und L. Loewensohn. 2X2 Berlin. 12. November. Der Jüdisch-Liberale I u g e n d v e r e i n in Berlin versendet folgendes Programm für das Wintersemester 1912/13. A. Vorträge: Herr Rabbiner Dr. Salvmonski, Frankfurt a. O.: Die religiöse Stellung der Frau, Herr Reichtagsabgeordneter, Rechtsanwalt Dr. Ludwig Haas, Karlsruhe: Deutschtum und Judentum, Herr Professor Dr. Ludwig Stein, Berlin: Der Monotheismus, die Grundlage der jüdischen Religion, Herr Rabbiner Dr. Gold mann, Oppeln: Warum sind und bleiben wir Juden? Fräulein Auguste Budwig, Berlin: Die soziale Gesetzgebung in der Bibel, Herr Rabbiner Dr. Baeck, Düsseldorf: Judentum und Christentum, Herr Arthur Galliner, Frankfurt a. M.: Der Jude in Rembrandts Kunst (mit Lichtbildern), Herr Lehrer F a l k e n b e r g, Berlin: Aus dunkler Zeit. Die deutschen Juden vor Moses Mendelssohn, Herr Hermann Friedländer, Berlin: Die Juden auf dem Balkan. Außerdem werden Vorträge halten die Herren Prediger Dr. Lehmann, Berlin, Bildhauer C a s p a r y, Berlin, Benas Levy, Berlin, Dr. John Wertheim, Berlin. Auch mehrere öffentliche Versammlungen werden im Lause des Winters stattsinden. 6. Kursus für jüdische Geschichte. Herr Lehrer H i r s ch s e l d, Berlin, wird über die Geschichte der deutschen Juden in der Neuzeit in folgenden sechs Vorträgen sprechen: а) Die Juden um 1750, b) Die französische Revolution und ihre Wirkung aus die Juden, e) Reformen in Schule und Gotteshaus, б) Die Wissenschaft des Judentums, e) Die Organisation der Juden in der neuesten Zeit, k) Ein Gang durch die Judenheit der Gegenwart. C. Diskussionsabende über aktuelle Themen. (Nur für Mitglieder. - Jedes Mitglied erhält die Monatsschrift „Liberales Judentum" unentgeltlich. Der Jüdisch-liberale Jugendverein will, wie § 1 seiner Satzungen es ausspricht, die j ü d i s ch e I u g e n d zumBewußtsein einer jüdisch-liberalen Weltanschauung sühren und zu deren Betät-igung unter Ablehnung eines Nationaljudentums und Bekämpfung der I u d e n t a u s e z u s a m m e n s ch l i e ß e n. An die männliche und weibliche jüdische Jugend ergeht nun der Ruf: Tretet in die Reihendes Liberalen Jugendvereins ein, fördert sein Werk und arbeitet mit an der Gesundung des Judentums! 6ii. Berlin, 12. November. Unter außerordentlich starker Beteiligung wurde am 6. d. M. auf dem Friedhof in Weißensee Herr Siegmund Bergel zu Grabe getragen. Neben Vertretern des Aabbinats und der Gemeindebehörden hatten sich der Präsident und die Mitglieder des geschästssührenden Ausschusses des Hilssvereins der deutschen Juden, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Arbeitsnachweises sowie anderer gemeinnütziger Institutionen, deren Vorstand der Verstorbene angehörte, eingefunden. Vor allem aber waren die Mitglieder des Ordens Bne Brith zahlreich vertreten, geführt von dem Präsidenten der Großloge für Deutschland und zahlreichen Delegierten, die aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands erschienen waren, um dem verdienstvollen Bruder die letzte Ehre zu erweisen. Herr Rabbiner Dr. Eschelbach er hielt die Trauerrede; im Anschluß an das Wort des Spruchdichters „Ein Mann der Treue, von dem reicher Segen ausging" entwarf ec ein anschauliches, erhebendes, stimmungsvolles Bild von der Persönlichkeit des Heimgegangenen und von seinem unermüdlichen Wirken zum Wohle seiner Glaubensgenossen in der Heimat und in der Frenide. Im Namen des Hilfsvereins der deutschen Juden und der Großloge für Deutschland rief dann Geheimer Justizrat Ti m end or s e r dem treuen Freunde und Mitarbeiter ein herzliches Lebewohl nach. Er dankte ihm im Namen beider Körperschaften für die rastlose Arbeit aus propagandistischem Gebiet, nicht minder für seine Mühewaltungen für den inneren Ausbau der segensreich wirkenden Institutionen, die außerordentlich viel von dem großen Aufschwung, den sie genommen haben, der aufopfernden und unermüdlichen, Tätigkeit Bergels verdanken.