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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-15 · Heft 46 (15.11.1912) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 46 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
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Gewiß.kann Goldbaums leichte Darstellungskunst nicht mit der Tiefe" der Gelehrsamkeit und der Gründlichkeit der Forschung von Gompertz verglichen werden, aber eifriger als dieser trat er für die Juden ein. Die Namen des großen, weltbekannten Gelehrten und des talentvollen, tüchtigen Journalisten sollen unvergessen bleiben. ■ggu||®||gg Freundlchskt. . Skizze von Anna Fried mann-Mandel. - ‘ HI. - Aber als sie das gutmütige Lächeln sah, das um seinen -Mund spielte, verstand sie den Scherz und lachte. „Na, wissen Sie! Daran Hab' ich wirklich nicht gedacht. Aber die Idee gefällt mir. — Nun aber zu Ihnen. Ließe sich die.theoretische Philosophie nicht mit dem praktischen Apothekerberus Vereinen? Könnten Sie nicht am Abend nach getaner Arbeit noch ein, oder zwei Stündchen schriststellern? Denn ich glaube. Sie sind doch zumeist dafür, begabt, nicht für trockene Gedankenarbeit. Bei Ihnen muß die.Phantasie auch beschäftigt sein! Wäre das nicht besser und Ihrer würdiger, als . . ." Sie stockte und errötete heiß. Das ging doch nicht! Aber alles konnte sie nicht mit ihm reden. Er sah sie überrascht und befremdet an. Jetzt war sie ihm ein Rätsel. Aber es lockte ihn, es reizte ihn --dies Rätsel. / Er machte ein sehr ernstes Gesicht. „Besser schon, als den Abend mit einem Mädel verbringen, das meinen Sie doch, Fräulein Lotte!" Sie nickte halb abgewandt^ In seinen Augen war ein spöttisches Blinzeln. „Wenn ich nur jemand hätte,, dem ich meine Sachenvorlesen könnte, der Verständnis dafür hat und genug gebildet ist, sie zu kritisieren! — Und schließlich," fuhr er in leichterem Tone fort, „will man als junger Mensch auch leben und genießen. In Familie gehen kann man bei uns Juden schon gar nicht, ohne daß bald alles mögliche geredet wird. Und unsere Damen," er zuckte die. Schultern, „Modepuppen, ein wenig häuslich, wenn der Mann eingesangen werden soll, — oder die anderen wieder mit allerlei Wissenskram vollgepfropft, ohne eigenes Denken, ohne Natürlichkeit, affektiert, gekünstelt! — Von solch einfachem Mädel verlange ich . Sie unterbrach ihn. „Genug, genug! Sie zeichnen zu schwarz. Aber selbst wenn eswahr wäre, was Sie über' die heutigen jüdischen Mädchen sagen,.-Sie werden doch einmal die eine oder die andere Heiraten, — dazu ist sie dann gut genug, nicht wahr? Glauben Sie, es gibt gar manche, die sich nach harmlosem, freundschaftlichem Verkehr mit dem Manne sehnt und nur nicht den Mut hat, dies offen zu sagen, aus Angst, es anders ausgefaßt zu sehen. So zieht sie sich zurück und der Mann geht an ihr vorüber zu denen, die nichts in sich haben, die ihm kaum eine Stunde genügen können. — Doch nun genug für heute. Wir müssen uns erst kennen lernen, Freund Walter." Er nahm ihre Hand. „Wir wollen's auch, Fräulein Lotte. Es war eine ganz köstliche Stunde, die Sie mir geschenkt haben. Vielen Dank dafür." Sie lächelte freundlich. ■ . ■ „Dank gibts bei Freunden nicht. Was man tut, ist selbstverständlich. — Wenn Sie sich also wieder, einmal mit mir unterhalten wollen, dann schreiben Sie!" $'.■■■■ .„Sobald ich ein Stündchen Zeit erübrige! Denn ich gedenke stramm zu arbeiten, damit meine strenge Freundin nicht noch einmal nötig hat, mir den Text zu lesen." Sie schüttelte mißbilligend den Kops. Aber bevor sie noch - etwas sagen konnte, bat er hastig: „Sie sagen meiner Schwester jedoch nichts von unserer Korrespondenz, bitte! Es erhöht den Reiz unseres Bundes!" „Daß für Sie doch überall ein pikanter Beigeschmack sein muß! Meinetwegen denn!" „Wie gut Sie sind, Fräulein!" Er ergriff stürmisch ihre Hand. „Bin ich gar nicht," wehrte sie schelmisch. „Ihre Briese werden die Eintönigkeit meines Daseins sehr angenehm unterbrechen, mich anregen'und mir helfen, meine Ansichten zu erweitern. Schreiben Sie mir über das, was wir heute noch nicht in unsere Unterhaltung ausgenommen haben! — Und nun Adieu! Ich erwarte Ihren Brief recht bald!" Sie drückten sich die Hände. Walter zog den Hut, noch ein leichtes Neigen des Kopfes, dann verschwand Lotte um die Ecke. — In den nächsten Tagen mußte sie unaufhörlich an Walter und an ihr Gespräch denken. Und immer mehr überkam sie das Frohgefühl, die Schranke durchbrochen zu haben, die nur dem Manne das erste Wort gestattet und das Mädchen in den Hintergrund drängt oder höchstens allerlei kleine Koketterien und heimliche Zeichen erlaubt. Aber kein freies, ehrliches Wort. Selbst in Fällen, wo es nötig wäre. Es gab ihr eine gewisse Genugtuung, sich in ihrer Weise auch an den modernen Bestrebungen der Frauen zu beteiligen, und ein lockender Reiz ging von der Idee aus, die Lösung des alle Welt beschäftigenden Problems herbeizuführen und diese dann den staunenden Schwestern zu verkünden. Aber der Hauptteil dieses innerlichen Frohlockens siel doch auch auf seine Persönlichkeit, die sie nicht enttäuscht, sondern mehr als sie gedacht, angeregt und gefesselt hatte. So erwartete sie voll Spannung seinen Brief. Endlich kam er. Sie war allein, als der Briefträger ihn brachte. Minutenlang hielt sie ihn in der Hand, ohne das Kuvert zu öffnen. Ihr war zumute wie als Kind, am Morgen des Geburtstages, da sie horchend und sich alles mögliche ausmalend an der Türe gestanden, die so viel Neues, Schönes verbarg. Die Handschrift gefiel ihr. Fest und. sicher hingesetzt, standen die lateinischen Buchstaben da, wie er von der Apotheke aus gewohnt war zu schreiben. Sie öffnete-endlich das Kuvert und las, langsam erst, dann immer schneller, fast atemlos, während ihre Augen immer fröhlicher glänzten. Und als sie zu Ende war, begann sie von neuem. Er hatte noch einmal, bei seiner Beichte angeknüpst, ihr noch einmal den Zwiespalt seines Lebens enthüllt. Von da aus. hatte er geschickt, aus den allgemeinen Zwiespalt der menschlichen Wissenschaften weisend, die doch nur immer der Erscheinung nachgingen, ohne in die Tiefe zu gelangen, hinübergeleitet. Auch er glaubte an Gott, das heißt an ein höheres -Wesen, von dem alles entstanden, was uns umgibt. Aber sein Glaube war schmerzlich, voll Zweifel, voll Bitterkeit, weil er den Anfang der Dinge suchte; weil er, der Kleine, sich vermaß, undurchdringliches Dunkel lüsten zu wollen, ohne jedoch an der Hand der Geschichte und der.Natur langsam und bedächtig Erkenntnis zu sammeln. Auch eine- Faustnatur, deren Religion eben dies Suchen und Zweifeln war, nicht aber.der von der machtvollen'Wahrheit'der Gottesidee und der Gottähnlichkeit des Menschen durchdrungene Glaube des Judentums.

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